© PSYCHOTHERAPIE 01.03.2000
Gesundheitsängste der Hypochonder als Fehlinterpretation
körperlicher Signale
Hypochondrie ist weit verbreitet
Mit Leib und Seele Hypochonder - die eingebildeten Kranken
VON GOTTLIEB SEELEN
Die anhaltende Überzeugung vom
Vorhandensein einer oder mehrerer ernsthafter körperlicher
Erkrankungen, auch wenn wiederholte Untersuchungen für die
vorhandenen Symptome keine ausreichende körperliche Erklärung
erbracht haben - so definiert die "Internationale
Klassifikation der Erkrankungen" (ICD, 10. Auflage) die
Hypochondrie.
Hypochonder weigern sich hartnäckig, den
Rat und die Versicherung mehrerer Ärzte zu akzeptieren, dass den
Symptomen keine körperliche Erkrankung zugrunde liegt. "Stell Dich nicht so an" ist darum ein Satz,
den Peter K. nicht mehr hören kann. "Das
drückt einen noch mehr herunter", sagt der 34-jährige
Bankangestellte aus Hamburg. "Aber die
Schmerzen sind ja da!"
Peter K. leidet unter Gesundheitsängsten, er ist ein
Hypochonder. "Wenn mich ein Mensch in der
Straßenbahn anrempelt, glaube ich, meine Rippe sei gebrochen",
erzählt er freimütig - und lacht selbst ein wenig darüber. Peter
K. hat sich in Therapie begeben und kann seitdem mit seinen
Ängsten besser umgehen. Aber ab und zu hat er sie immer noch,
die "Panikattacken". Dann fürchtet er,
hinter jedem kleinen Schnupfen könnte eine tödliche
Lungenentzündung lauern.
"Die meisten Menschen wissen nicht, dass
Hypochonder wirklich leiden", sagt Wolfgang Hiller,
Professor für klinische Psychologie an der Johannes
Gutenberg-Universität in Mainz. Das sei ein kaum
auszuräumendes Missverständnis. Hiller: "Ein
Hypochonder ist kein Simulant. Er hat echte Krankheitssymptome,
und diese beeinträchtigen ihn erheblich in seiner
Lebensqualität."
Ein bis drei Prozent der Bevölkerung sind klassische Hypochonder
und leiden ständig unter Gesundheitsängsten, schätzt Hiller.
Doch sehr viel mehr Frauen und Männer kennen zumindest
vorübergehend das Gefühl, dass mit ihrem Körper etwas nicht
stimmt. Sie machen sich Sorgen, dass sie schnell krank werden
könnten oder sogar schon ernsthaft erkrankt sind.
Da ist zum Beispiel der 46 Jahre alte Bürokaufmann, dessen
gleichaltriger Kollege kürzlich einen Herzinfarkt erlitten hat.
Nun verspürt er ebenfalls ein Ziehen in der Brust und leidet
unter Schweißausbrüchen. Oder da ist die 24 Jahre alte
Anwaltsgehilfin, die nach einem Gesundheitsbericht im Fernsehen
überzeugt ist, auch ihre Kopfschmerzen beruhten auf einem
unheilbaren Gehirntumor.
Wenn diese Beschwerden für den Betroffenen neu sind und nicht
wieder von allein vergehen, ist eine medizinische Abklärung
sinnvoll. Könne der Arzt nach einer Untersuchung Entwarnung
geben, ist vielen schon geholfen.
"Hypochondrische Phasen zu haben ist durchaus
normal", erläutert Hiller. So glaubten die meisten
Medizinstudenten während der Ausbildung früher oder später,
selber unter allen möglichen Krankheiten zu leiden. "Solange sich das nach einer gewissen Zeit, etwa
einem halben Jahr, wieder legt, gibt es keinen Grund zur
Beunruhigung."
Ob Gesundheitsängste vorwiegend auf erblicher Veranlagung
beruhen oder erst im Laufe des Lebens erworben werden, ist unter
den Experten umstritten. Fest steht aber, dass manche Menschen
von Geburt an schmerzempfindlicher sind als andere. Ihnen ist
jede Spritze beim Arzt eine Qual und Bauchgrimmen ein Grund für
strikte Bettruhe. Diesen Menschen mit Appellen wie "sei hart!" oder "beiß doch
die Zähne zusammen!" zu begegnen, ist ungerecht, haben
Forscher an der angesehenen Johns-Hopkins-Universität in
Baltimore im US-Bundesstaat Maryland herausgefunden. Sie konnten
jüngst Unterschiede in den Genen nachweisen, die für die so
genannten Opiatrezeptoren zuständig sind. Opiate sind wichtig
für die Schmerzdämpfung im Körper.
"Viel hängt aber auch davon ab, welche
Erfahrungen man mit Krankheiten gemacht hat", sagt
Hiller. Sei man in der Jugend häufig mit dem Thema Krankheit und
Tod konfrontiert worden, neige man als Erwachsener dazu, Körper
und Gesundheit genau zu beobachten und auf Störungen sensibler
zu reagieren.
Eltern sollten ihren Kindern einen möglichst gelassenen Umgang
mit Krankheiten vorleben. Dem Kind zu vermitteln, dass viele
körperliche Beschwerden auch ausgehalten werden können und
wieder von allein vergehen, stärkt das Vertrauen in den eigenen
Körper. Nicht bei jeder Erkältung müsse gleich der Hausarzt
gerufen oder eine Befreiung für den Sportunterricht geschrieben
werden. Das verunsichere nur und lege den Nährboden für
Gesundheitsängste.
Viele Menschen richten aber auch immer höhere Ansprüche an ihre
Gesundheit: "Ich will hundertprozentige
Fitness und Leistungsfähigkeit - am besten jeden Tag",
lautet heute die Forderung vieler Menschen an sich. Fühlen sie
sich dann einmal unwohl, meinen sie, sofort etwas tun und ein
Medikament nehmen zu müssen. Doch der Körper dürfe ruhig auch
einmal wehtun, versichern die Experten. Das gehöre zum Leben
einfach dazu.
Haben sich wie bei Peter K. dauernde Gesundheitsängste
eingestellt, wird man sie allein nur schwer wieder los. "Das Problem ist, dass auch viele Ärzte nicht mit
hypochondrischen Ängsten umgehen können", sagt der
Hamburger. Ergab die Untersuchung keinen Befund, habe ihm der
Mediziner häufig nur ein Beruhigungsmittel verschrieben und ihn
wieder nach Hause geschickt.
Für Peter K. war es am wichtigsten, mit seinen Beschwerden ernst
genommen zu werden - vor allem auch in seinem persönlichen
Umfeld. Ähnliches raten auch Psychologen: Freunde und Familie
sollten dem Betroffenen zuhören, ihm eine Chance geben, seine
Ängste zu äußern und mit ihm nach einem Weg aus dem Leiden
suchen. Auch wenn es einem hypochondrischen Menschen, der unter
körperlichen Symptomen leidet, oft nur schwer zu vermitteln sei:
Der richtige Ansprechpartner ist letztlich nicht der
Organ-Mediziner, sondern der Psychotherapeut.
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Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Das Denken jedes Menschen mit Ängsten folgt
einer eigenen, krankhaften Logik, erläutert der Dietmar G.
Luchmann, Psychotherapeut und Leiter der Angstambulanz des
ABARIS Institutes für Psychotherapie, Stuttgart. "Die phobische Logik ist bei allen Angsterkrankungen
gleich. Krankheitsängste wirken in ihrer Erscheinungsweise
verschieden von Flugängsten, um ein Beispiel zu nennen, sind
aber auf der kognitiven, der gedanklichen Ebene", so der
Diplom-Psychologe, "in gleicher Weise sehr
erfolgreich zu behandeln".
Um wieder positive Körpererfahrungen zu sammeln, können bei
Gesundheitsängsten auch Entspannungstechniken und Sport
hilfreich sein. Diese körperorientierten Hilfen sollten trotz
der verbreiteten Scheu vor dem Therpeuten stets mit einer
kognitiven Psychotherapie verbunden werden. "Die
Angst sitzt immer im Kopf", betont Luchmann, "und nur wenn der lernt, richtig mit ihr umzugehen,
kommt der Phobiker wieder ins Gleichgewicht".
Selbsthilfegruppen speziell für Hypochonder gibt es dagegen nach
Angabe der Experten in Deutschland nicht. Der Begriff ist mit zu
vielen Vorurteilen behaftet, vermutet Hiller. "Dabei wäre für viele Betroffene der
Erfahrungsaustausch in einer Gemeinschaft sehr wertvoll."
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