© PSYCHOTHERAPIE 14.08.2000
Prüfungsangst - die Angst, die den IQ drückt und Karrieren
verhindert
"Überraschendes" Erfolgsrezept
Vor Prüfungen bloß nicht lernen, am besten fernsehen - und dann
ein bisschen bluffen
Schüler und Studenten sollten am Morgen
vor einer wichtigen Prüfung schnell noch einmal eine Talk-Show
im Fernsehen einschalten - das ist nach Erkenntnis britischer
Forscher die beste Vorbereitung. Lernen in letzter Minute schade
dagegen sehr, berichtete Prof. Kevin Warwick von der
Reading University am Montag im
Londoner "Daily Telegraph".
An der Studie waren 100 Schüler und 100
Schülerinnen im Alter von 18 und 19 Jahren beteiligt. Sie wurden
gebeten, zehn verschiedene Dinge zu tun - von Meditieren bis
Kreuzworträtsel lösen - und fünf verschiedene Dinge zu essen
oder zu trinken. Anschließend wurde jeweils ihr
Intelligenzquotient getestet. Der beste Effekt stellte sich
überraschenderweise ein, wenn sich die Testpersonen eine halbe
Stunde lang eine Talk-Show ansahen: Der IQ stieg danach um bis
zu sechs Punkte.
Eine anspruchsvolle BBC-Fernsehdokumentation steigerte den IQ
dagegen nur um vier Punkte. Klassische Musik und Gespräche mit
Freunden hatten einen schädlichen Effekt. Von Orangensaft sei
ebenfalls abzuraten, während sich gesalzene Erdnüsse günstig
auswirkten, berichteten die Wissenschaftler. Am schlechtesten
sei es aber, vor der Prüfung noch zu lesen oder etwas auswendig
lernen zu wollen.
"Fernsehen kurz vor einem Examen wärmt das
Gehirn auf, ohne es zu sehr zu beanspruchen", sagte
Warwick. "Der Unterschied zwischen denjenigen,
die sich eine Talk-Show ansahen, und denjenigen, die lasen oder
lernten, war enorm." Ohne Zweifel könne davon eine ganze
Note abhängen.
Das britische Erziehungsministerium bezeichnete die Ergebnisse
als "überraschend". Ein Sprecher warnte
jedoch alle Schüler davor, sich jetzt statt an den Schreibtisch
vor den Fernseher zu setzen: "Ich fürchte, es
gibt keine Alternative zu harter Arbeit, und zwar lange vor dem
Prüfungstermin."
Auch harte und beharrliche Lernarbeit führt aber nicht in jedem
Falle zum besseren Erfolg: Ein bisschen Bluff gehört dazu. So
bekommen Männer an britischen Universitäten durchschnittlich
bessere Noten als Frauen, weil sie in den Prüfungen besser
bluffen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer vergleichenden
Studie unter Leitung der Psychologin Jane Mellanby von der
Universität Oxford. Wie der "Independent" am Montag
berichtete, untersuchte Mellanby die Intelligenz, den Fleiß und
die Lebensumstände von 232 Studenten und Studentinnen. Dabei
konnte sie kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern
feststellen: Männer und Frauen waren durchschnittlich gleich
intelligent, die Frauen übten etwas mehr als die Männer. Dennoch
bekamen mehr Männer Bestnoten als Frauen.
Mellanby glaubt, dass das selbstbewusstere Auftreten der Männer
in den Prüfungen einer der wesentlichen Gründe dafür ist. "Männern kommt der 'Bullshit-Faktor' zugute",
sagte die Psychologin. Sie verträten ihre Meinungen
entschiedener als Frauen, die sich tendenziell vorsichtiger
ausdrückten und immer auch die Argumente der Gegenseite
beleuchteten. Im Vergleich zu Deutschland sind bei
Abschlussexamen an englischen Universitäten mehr eigene Meinung,
Einordnung und Bewertung gefragt.
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In besonderer Weise sind schüchterne und
sozial gehemmte Personen von diesem Handikap betroffen. "Es ist regelhaft zu beobachten, dass soziale
Hemmungen oder Ängste das intellektuelle Potential des
betreffenden Menschen torpedieren", sagt die Stuttgarter
Psychotherapeutin und Fachärztin Carmen Heerdegen vom ABARIS
Institut für Psychotherapie. Das mangelnde Selbstbewusstsein
lasse Betroffene nicht nur in Prüfungen schlechter abschneiden,
sondern auch im Berufsleben oft weit hinter ihren Fähigkeiten
zurückbleiben. Nicht nur bei Prüfungsangst gebe es wirksame
Hilfe, auch Selbstbewusstsein könne man in der kognitiven
Verhaltenstherapie "sehr schnell und sehr gut
lernen", ermutigt die Psychotherapeutin.
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