© PSYCHOTHERAPIE 18.09.2000
Der Alptraum vom Fliegen: Flugangst - und das Geschäft damit
20 Jahre Seminare gegen Flugangst
"Das Placebo des Jahrhunderts" wie "DER SPIEGEL" meint?
VON GOTTLIEB SEELEN
Niemand ist vollkommen,
heißt es. Das traf einst sogar auf Goethe zu: Der Dichterfürst
litt als junger Mann unter Höhenangst. Noch mehr litt er aber
darunter, dass diese Angst seine Bewegungsfreiheit einschränkte.
Deshalb kletterte Goethe immer wieder die Stufen des Straßburger
Münsterturmes hinauf - bis die Angst überwunden war. Mehr als
200 Jahre später kämpfen täglich Menschen auf der ganzen Welt
mit einer Angst, die ebenfalls ihre Bewegungsfreiheit stark
einschränkt - Flugangst.
Der Traum vom Fliegen ist für viele
Reisende zu einem Alptraum geworden. Nach Einschätzung von
Experten leidet etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Passagiere
im Flieger unter Stress- oder sogar Angstgefühlen. Männer und
Frauen jeden Alters sind gleichermaßen betroffen. "Locker in die Luft gehen" ist die Botschaft,
die die Lufthansa mit Seminaren gegen Flugangst dagegen
setzen lässt. "Größtes Placebo das Jahrhundert"
nennt hingegen "DER SPIEGEL" in seiner Ausgabe vom
04.09.2000 (Nr. 36, Seite 129) solche Veranstaltungen.
Rund ein Viertel der Menschen vermeiden wegen ihrer Flugangst
die Benutzung eines Flugzeuges. Das ist eine Größenordnung, die
klar erkennbar das ökonomische Interesse der Airlines weckt,
auch die Furchtsamen in ihre Flieger zu ziehen. Der
US-amerikanische Flugzeughersteller Boeing in Seattle schätzt
den Wert der wegen Flugangst gar nicht erst verkauften Tickets
auf zwei Milliarden US-Dollar jährlich (rund vier Milliarden
Mark) - allein in den Vereinigten Staaten. Wer trotz Angst ins
Flugzeug steigt, sucht häufig bei Medikamenten und Alkohol
Zuflucht, reagiert aggressiv und setzt seinen Körper
vermeidbarem Stress aus. Ohne professionelle Hilfe gibt es für
diese Menschen kaum einen Weg aus dem Teufelskreis der
Flugangst.
Angst, eine an sich nützliche Reaktion, gerät beim Fliegen außer
Kontrolle. Bei der Flugangst schießt das Gefühl von Bedrohung in
der Regel weit über die Realität hinaus, die tatsächlichen
Risiken werden in der Vorstellung dramatisch überzeichnet. Die
Betroffenen vermögen nicht mehr, die Fakten wahrzunehmen: Zum
Beispiel, dass nach Angaben des Statistischen Bundesamtes
1995 weltweit etwa tausend Menschen bei Flugzeugunglücken
starben, die Zahl der Toten im Straßenverkehr allein in
Deutschland jedoch etwa zehn Mal so hoch ist. Dabei ist
Flugangst weder angeboren noch ein unabänderliches Schicksal,
sondern das Ergebnis selektiver Wahrnehmung. Einen Teil zur
Entwicklung der Flugangst tragen die modernen Informationsmittel
bei. Das immer detailliertere Lesen und Hören über Unglücke
gräbt sich viel tiefer in die Erinnerung ein als statistische
Zahlen und Tatsachen über die Flugsicherheit.
Auf der englischen Webseite amigoingdown.com kann sich jeder
darüber informieren, wie sicher ein Flug von A nach B mit der
Fluglinie W und der Maschine X ist. Wer Flugangst hat, erhält
damit Schwarz auf Gelb in einer "Persönlichen
Todesstatistik" (personalised mortality statistics) die
Gründe für seine Flugangst. Wer zum Beispiel im Oktober von
Frankfurt nach New York (Kennedy-Airport) mit einer Boeing 747
der Luftlinie Y fliegen möchte, der erfährt nach kurzer
Rechenzeit, dass das Flugzeug mit einer Wahrscheinlichkeit von
1:16.499.050 abstürze. Das sei "für die
betreffende Route ein gutes Ergebnis" kommentiert die
Website.
Viel beunruhigender ist da eher ein Flug von Frankfurt nach
Moskau mit der Luftline Z, einer Boeing 747, im Dezember. Hier
betrage die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes immerhin
1:329.819, wird mitgeteilt, versehen mit dem Hinweis, das
Ergebnis sei ein wenig schlechter als für diese Route üblich ("that's a little worse than usual for this route").
Eine makabre Adresse für Flugphobiker und solche die es werden
wollen oder sollen - denn per Tastendruck und E-Mail kann man
mit dieser Information einem Freund gleich einen Schrecken
einjagen ("tell a friend about it").
Aus psychologischer Sicht hat auch der Pariser Concorde-Absturz
Reisewillige skeptischer gemacht. Die
Überschall-Passagierflugzeuge vom Typ Concorde wurden nach
Erkenntnissen der Psychologin Prof. Angela Schorr (Siegen) seit
vielen Jahren besonders von Menschen mit Flugangst bevorzugt,
die die Verkürzung der Flugzeit über den Atlantik als "erheblichen Komfort" empfinden. Die ansonsten
"wunderbar abbaubare Flugangst" werde
durch die eindringlichen Bilder und Überschriften zum Unglück "verstärkt und aufrechterhalten", meinte die
Medien-Psychologin am 26.07.2000.
Die Bedrohlichkeit des Fliegens besteht bei vielen Menschen
darin, dass sie vom Start des Flugzeugs an keine eigene
Kontrolle mehr über das Geschehen haben. So entsteht ein Gefühl
von Hilflosigkeit - verstärkt durch die Gewissheit, dass ein
Flugunglück meist tödlich endet. Überdies eignet sich der oft
eintönige Aufenthalt in der Flugzeugkabine gut zum Grübeln und
Ausmalen von Katastrophen.
Seit rund 20 Jahren bietet die Deutsche Lufthansa, die Anfang
der achtziger Jahre ein Konzept der Hilfe für Passagiere mit
Flugangst entwickelte, als Auftraggeber und Partner über eine
Münchner Agentur Intensiv-Seminare für entspanntes Fliegen an.
Bis 1999 haben mehr als 8.000 Personen an über 860
Veranstaltungen teilgenommen, heißt es in einer Erklärung. Ein
Gruppenseminar mit sechs bis zwölf Teilnehmern kostet 1.250 Mark
pro Person.
Betrachten wir ein solches Seminar genauer: Am Hamburger
Flughafen Fuhlsbüttel führen ein Psychologe und ein Flugkapitän
das "Entertainment" gegen die Flugangst gemeinsam durch.
Zunächst lernen die Teilnehmer einander kennen. Sie besprechen,
wie sie ihre individuelle Angst vor dem Fliegen erleben und wie
sie bislang damit umgegangen sind.
Alexander, ein junger Mann aus Hamburg, hatte als Kind auf einem
Ferienflug mit den Eltern das starke Gefühl, es könnte etwas
passieren. Seitdem ist Fliegen für ihn der reine Horror. Wie bei
vielen Menschen mit Flugangst spielte auch seine Fantasie ihm
böse Streiche: Er malte sich aus, was alles geschehen könnte.
Beim Autofahren kommt Alexander auf diese Idee nicht - obwohl er
genau weiß, dass erheblich mehr Menschen im Straßenverkehr zu
Schaden kommen.
Flugkapitän Carstens ist seit 30 Jahren mit Leib und Seele
Pilot. Sein Einsatzort ist Frankfurt/Main. Von dort aus fliegt
er Interkontinental-Strecken auf einer Boeing 747-400, dem Stolz
der Lufthansa-Flotte und derzeit das größte Verkehrsflugzeug der
Welt. Routiniert, freundlich und mit viel Verständnis erklärt
Carstens den Seminarteilnehmern Grundlegendes zur
Luftfahrtechnik. Er gibt Einblicke in den Alltag der Piloten und
führt durch ein Flugzeug.
"Viele Ängste kommen aus fehlendem
Hintergrundwissen", meint Pilot Carstens. "Den Passagieren sind bestimmte Geräusche fremd, sie
empfinden viele Flugsituationen als unangenehm." Wenn sie
erklärt bekommen, wie ein Flugzeug funktioniert und die
Besatzung arbeitet, werde manche Sorge kleiner, mutmaßt der
technisch orientierte Flugkapitän und empfiehlt Passagieren,
sich mit eventuellen Sorgen während des Fluges durchaus an das
Kabinenpersonal zu wenden. Der mitwirkende Psychologe gibt Tipps
zur körperlichen Entspannung vor und während eines Fluges. Aber
Entspannungstechniken und technisches Wissen aus der Luftfahrt
verändern das ursächliche phobische Denken nicht, sondern können
es - für sich genommen - sogar noch verstärken.
Am zweiten Tag des Seminars haben alle Gelegenheit, ihr neues
Wissen um Angstbewältigung, Entspannung und Luftfahrttechnik auf
einem gemeinsamen Flug nach München auf die Probe zu stellen. Im
Vergleich zu den Erfolgen effizienter psychotherapeutischer
Interventionen sind die Ergebnisse der Seminare allerdings
mäßig. Nur bei "etwa 80 Prozent" sei
noch "fünf Jahre nach ihrer Teilnahme eine
spürbare Verbesserung" berichtet worden, heißt es in
einer Selbstdarstellung der Lufthansa-Agentur ohne Angabe von
Stichprobengröße oder Rücklaufquote. Nur "rund
45 Prozent" seien "als weitgehend
angstfrei" zu bezeichnen.
Solche Veranstaltungen hält darum nicht nur "DER SPIEGEL"
für Placebos (Zuckerpillen), für wirkungsloses Entertainment,
dessen Effekt durch die suggestive Wirkung der Situation und der
"Experten" entsteht. Auch
Psychotherapeuten kritisieren, die Ausrichtung der
Flugangst-Seminare auf Entspannung und Luftfahrttechnik greife
zu kurz, weil sie weder auf die individuelle Lerngeschichte der
Betroffenen angemessen eingehe noch eine hinreichend tragfähige
kognitive Umstrukturierung des phobischen Denkens vornehme.
Entsprechend unbefriedigend seien die Langzeitergebnisse solcher
"Intensiv"-Seminare.
Gleichwohl brauchen Menschen mit Flugangst nicht gleich ein
Leben lang auf den Traumurlaub in Hawaii zu verzichten. Der
beste Ansprechpartner für Angst- und Panikstörungen ist der
entsprechend spezialisierte Verhaltenstherapeut. In seiner
psychotherapeutischen Praxis können Betroffene ihre Flugangst
ebenso wie hunderte von anderen Ängsten an der Wurzel packen und
ablegen lernen.
Amerikanische Psychologen haben auf dem jüngsten Kongress der
American Psychological Association (APA), dem Amerikanischen
Psychologenverband, eine Behandlung der Flugangst vorgestellt,
die mit Hilfe eines Computers das dreidimensionale Erlebnis
verschiedenster Situationen während eines Fluges simuliert. Eine
achtstündige Therapie mit der so genannten Virtual Reality
Exposure (VRE) heilte dabei 93 Prozent der Teilnehmer. Das
berichteten Forscher der Emory Universität in Atlanta am
04.08.2000 auf dem Kongress.
An dem Experiment nahmen 45 Männer und Frauen im Alter von 24
bis 69 Jahren teil. Als befreit von seiner Phobie galt, wer
innerhalb eines halben Jahres danach freiwillig einen "richtigen" Linien- oder Charterflug buchte.
Denselben Erfolg erzielte eine alternative Behandlung, die als
Simulation stationär in einem geparkten Flugzeug stattfand. Sie
vermittelte den Teilnehmern die gleichen vom Computer erzeugten
Eindrücke des Startens und Landens sowie von Turbulenzen in der
Luft, war aber wegen der Leihgebühren für das Flugzeug und der
Anfahrt zum Flughafen weitaus teurer und aufwendiger. Dagegen
kann das VRE-Programm theoretisch in jeder Praxis eines
Psychotherapeuten angewendet werden.
Menschen mit Flugangst zu befähigen, ihre angsterzeugenden
Gedanken dauerhaft zu verändern und sich aus eigener Kraft ein
Ticket kaufen und einen Langstreckenflug unternehmen zu können,
sei eine völlig andere Sache als eine Vorführung, wo der
Gruppendruck spätestens nach dem Wochenende wieder verpufft,
sagt der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Dietmar G.
Luchmann von der Angstambulanz Stuttgart des ABARIS
Institutes für Psychotherapie. "Wir haben nach
der Vorbereitung durch unsere kognitive Psychotherapie nur
selten Klienten noch in ihre Problem-Situationen begleiten
brauchen. Weit über 90 Prozent der Klienten vermochten die
therapeutischen Erkenntnisse und Veränderungen in ihrem Alltag
erfolgreich allein umzusetzen."
Ein vergleichsweise kurzer
Inlandflug, wie er bei den Flugangst-Seminaren praktiziert
werde, sei wenig geeignet, die hinreichende Erfahrung wirklich
entspannten Fliegens zu vermitteln. Wer als Flugphobiker an
einem solchen Flug teilnehme, werde nach Ansicht des
Angstexperten nicht ohne einen ordentlichen Erregungsschub in
das Flugzeug steigen. Wenn dann die Stresshormone ausgespült
seien, befände sich auch der Flieger schon wieder am Boden,
kritisiert Luchmann. "Was der Teilnehmer eines
solchen Seminars dabei lernt, dürfte die Erleichterung darüber
sein, das Flugzeug endlich wieder verlassen zu können. Eine eher
zweifelhafte Lernerfahrung." Ein teures und
eindrucksvolles Placebo.
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