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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Psychotherapie als Makel? - Private Krankenversicherungen grenzen Patienten mit psychotherapeutischer Vorgeschichte gnadenlos aus

Köln (15.09.2000) - Für Pflichtversicherte der gesetzlichen Krankenkassen ist der 30. September der Stichtag zum Krankenkassenwechsel. Freiwillig bei den gesetzlichen Kassen Versicherte und Privatversicherte können - unter Berücksichtigung der Kündigungsfrist - jederzeit wechseln. Wenn sie können. Der Verein Psychotherapeuten Köln e.V. kritisiert in diesem Zusammenhang "die skandalöse Praxis der privaten Krankenversicherungen", Patienten mit seelischen Vorerkrankungen auszuschließen. Er fordert die privaten Krankenversicherungen auf, Menschen mit psychotherapeutischem Behandlungshintergrund nicht schlechter zu behandeln als die gesetzlichen Krankenkassen.

Der Psychotherapeutenverein schildert den Fall der 35-jährigen Kölner Internistin Irene A., die fassungslos über die Ablehnung ihres Antrages auf Aufnahme in die private Krankenversicherung sei. Zur Begründung habe die Krankenversicherung der Fachärztin lapidar mitgeteilt, die Medizinerin habe eine Psychotherapie hinter sich. Die Kölner Psychotherapeuten sehen in dem Verhalten der Krankenversicherung eine Auslese nach dem Grundsatz "Ehemalige Psychotherapie-Patienten - nein danke!" In der Tat habe Irene A. während einer schweren Ehekrise (Diagnose: Depression) vor zwei Jahren einige Stunden Hilfe bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten gesucht. Die Alternative wäre damals eine länger andauernde Arbeitsunfähigkeit gewesen. Das wollte und konnte Irene A. durch die Therapie verhindern.

Irene A. sei kein Einzelfall. Nach Aussage des Kölner Psychotherapeutenvereins häuften sich Fälle wie dieser. Während beim Wechsel innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen psychotherapeutische Vorerkrankungen keinerlei negative Folgen haben, führen sie beim Eintritt in eine private Krankenversicherung in der Regel zur Ablehnung. Wer sich aktuell in therapeutischer Behandlung befinde, habe praktisch keinerlei Chance, in eine private Krankenversicherung zu wechseln und sollte keinesfalls vorschnell seine bestehende Versicherung kündigen.

"Hier setzen sich die alten Vorurteile fort, die durch das Psychotherapeutengesetz endlich überwunden schienen", kommentiert Reinhard Finger, Psychotherapeut und Vorsitzender der Psychotherapeuten Köln e.V. Die rund 130 Mitglieder des Vereins versorgen nach eigener Aussage rund die Hälfte der Kölner Therapiepatienten ambulant. "Seelisch kranke Menschen werden von den meisten der 52 Privatversicherungen in unhaltbarer Weise diskriminiert", so Finger. Kaum sei die Psychotherapie durch das Psychotherapeutengesetz aus der Tabu-Ecke heraus, "wird gerade die Gruppe Besserverdienenden wieder in diese Ecke hineingedrängt."

Der Verband der privaten Krankenversicherungen e.V. steht voll hinter der Praxis der Privatversicherer - schließlich herrsche Vertragsfreiheit und eine Risikoprüfung sei üblich. Zudem sei - anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) - die Beitragskalkulation bei den Privaten auf das individuelle Gesundheitsrisiko abgestellt. Während bei der größten privaten Krankenversicherung, der DKV, die Sachbearbeiter Anträge ehemaliger Psychotherapie-Patienten noch durch Rückfragen bei den behandelnden Ärzten und Therapeuten prüfen, und erst dann nach eigener Einschätzung entscheiden, sei dies insbesondere bei den jüngeren Versicherungsunternehmen nicht mehr der Fall. Hier werde, so ein Versicherungsagent, jeder Patient, der beim Psychotherapeuten war, pauschal abgelehnt. "Nur wenn einer wieder ordentlich im Leben steht, denken wir darüber nach, ob wir den nehmen", erläutert der Versicherungsvertreter. Finger weist darauf hin, dass sich ein eindeutiger Trend feststellen lasse "Je günstiger die Tarife der Versicherung, desto schneller wird abgelehnt." Deshalb sollten Versicherte vor dem geplanten Wechsel genau prüfen, was sie bei der neuen Privatversicherung erwartet.

Die Leistungen der privaten Krankenversicherungen im Bereich der Psychotherapie lägen weit unter denen der gesetzlichen Krankenkassen, behauptet der Kölner Psychotherapeutenverein in seiner Verlautbarung weiter. Während die rund 90 Prozent der Versicherten der gesetzlichen Kassen Anspruch auf eine bis zu 80 Stunden und länger dauernde Therapie haben, bewilligten die privaten Krankenkassen ihren rund zehn Prozent Versicherten - wenn überhaupt - selten mehr als 20 Stunden.

Besonders pikant ist der Vorwurf des aus überwiegend tiefenpsychologisch und psychoanalytisch tätigen Psychotherapeuten bestehenden Vereins, den privaten Krankenversicherungen scheine bis heute nicht bekannt zu sein, dass nach offiziellen Untersuchungen eine Mark, die in Psychotherapie investiert wird, an anderer Stelle im Gesundheitswesen rund drei Mark einspart. "Es muss endlich Schluss sein mit den Vorurteilen gegen seelische Erkrankungen", fordert Finger. Er gesteht allerdings ein, dass f
ür die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch Arbeitslosigkeit und Frühverrentung entstehen, wenn psychisch kranke Menschen durchschnittlich sieben Jahre durch ein Ärztekarussell geschleust werden und erst dann durch eine Psychotherapie erfolgreich behandelt werden, nicht die Krankenversicherungen zur Rechenschaft zu ziehen seien.

Gewiss ist dem Kölner Psychotherapeuten darin zuzustimmen, wenn er die gesellschaftliche Diskriminierung psychischer Erkrankungen kritisiert. Denn die ist in der gesamtgesellschaftlichen Rechnung tatsächlich teuer: Verschleppte Störungen chronifizieren häufig, die Betroffenen sind leistungsgemindert, verursachen kostenträchtige Ausfälle und Fehler im Job, treiben beim Umherirren von Arzt zu Arzt (und vielleicht sogar von Psychotherapeut zu Psychotherapeut) die Kosten im Gesundheitswesen hoch und auch der spätere Therapieaufwand steigt. In einer Studie an der Fachhochschule Köln errechneten der Soziologe Winfried Panse und der Betriebswirtschaftler Wolfgang Stegmann jährliche Kosten von 100 Milliarden Mark, die der deutschen Wirtschaft allein durch (behandelbare) Ängste ihrer Mitarbeiter entstehen.

Diese Kritik am ökonomischen Verhalten der privaten Krankenversicherungen sei jedoch reichlich blauäugig und sehr interessengeleitet, kommentiert ein niedergelassener Psychotherapeut die Erklärung des Kölner Psychotherapeutenvereins. Er sei in Anbetracht der düsteren Entwicklung bei den gesetzlichen Krankenkassen froh, privat versichert zu sein, und würde es seiner Krankenversicherung verübeln, wenn sie eine fundierte Risikoprüfung und ein realistisches Kostenmanagement unterließe.

"Psychotherapien von über 40 Stunden sind oft tiefenpsychologische und psychoanalytische Kulturveranstaltungen, die ich mit meinen Versicherungsbeiträgen nicht mitfinanzieren will", sagt der Psychotherapeut. "30 bis 45 Stunden sind in der Regel völlig ausreichend. Und wenn der Privat-Tarif Psychotherapie beinhaltet, werden diese Stunden von den meisten privaten Gesellschaften auch bezahlt". Bei einem Stundensatz von knapp 200 Mark sei das im Gegensatz zu den Behauptungen der Kölner Psychotherapeuten "deutlich angemessener als die ein- oder zweistelligen Beträge der Krankenkassen".

Der völlig undifferenzierte Hinweis auf Kostenersparnisse sei irreführend und schade zudem der Glaubwürdigkeit wirksamer Psychotherapie-Verfahren. Erhebliche Einsparungen an medizinischen Kosten durch Psychotherapie sind tatsächlich nur für wirksame Psychotherapien nachgewiesen worden, zum Beispiel für kognitive und Verhaltenstherapie. Die Psychoanalyse hingegen habe ihre Wirksamkeit trotz fast hundertjähriger Geschichte bis heute nicht überzeugend belegen können.

Psychoanalyse verlängere nicht selten die Behandlungsdauer um ein Vielfaches gegenüber kognitiven Verfahren und gelte als Kostentreiber - vorzugsweise bei Privatpatienten, die über Jahre "ausgenuckelt" würden. Private Krankenversicherungen beraten ihre Mitglieder im Rahmen des Kostenmanagements inzwischen beim Kauf eines Rollstuhls oder Hörgerätes. Es sei nur vernünftig, wenn eine Krankenversicherung ihre Mitglieder "genauso davor bewahrt, Wahnsinnskosten für über 100 Stunden auf der Couch" zu produzieren.

Private Krankenversicherungen stehen stärker im Wettbewerb miteinander als die gesetzlichen Krankenkassen. Ihr Interesse an einem vernünftigen Kostenmanagement ist daher ungleich größer, jedoch ganz im Sinne ihrer Versicherten, die die Kosten letztlich über ihre Beiträge finanzieren. Es sei "klar, dass da ein Aufschrei durch das Lager der Psychoanalytiker geht", sagt ein Verhaltenstherapeut, "wenn der Kostenträger die Gretchenfrage stellt, wieso die Psychoanalyse hunderte Stunden benötige, wo die Verhaltenstherapie mit 25 Stunden auskomme". 

Erfahrene Psychotherapeuten, fügt Fingers psychotherapeutischer Kritiker hinzu, weisen ihre potentiellen Klienten gegebenenfalls auf das Risiko Gesundheitsprüfung bei einem Versicherungswechsel vor dem Beginn einer Therapie hin. "Wer Eheprobleme rechtzeitig mit einer privaten Paartherapie und Probleme im Arbeitsumfeld rechtzeitig mit einem privaten Coaching bei einem qualifizierten Psychotherapeuten angeht, wird beim Versicherungswechsel kaum Schwierigkeiten haben." Es sei freilich die Tragik des deutschen Denkens über die Psyche, dass "viel zu oft gewartet wird, bis aus einem geringen Problem eine manifeste Krankheit geworden ist".

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 15. September 2000]

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Panse, Winfried; Stegmann, Wolfgang: Kostenfaktor Angst. Landsberg/Lech: Verlag Moderne Industrie.

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