© PSYCHOTHERAPIE 08.10.2001Psychologie der Selbsttäuschung: Hochstapler und Betrüger als ÄrzteÄrztliche Selbstverwaltung unfähig? Friseur praktizierte über 20 Jahre als Allgemeinarzt, Badearzt, Sportarzt und Chefarzt
VON GOTTLIEB SEELEN
Kassenärztliche Vereinigung und Ärztekammer haben dem Strafprozess mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Sie dürften erleichtert gewesen sein, als das Verfahren bereits heute früher als erwartet mit einem Urteil endete, ohne die Frage zu vertiefen, warum in Bayern ein einfacher Friseur ohne medizinische Grundkenntnisse unter den Augen von Kassen und Aufsichtsbehörden als angeblicher Allgemeinarzt, Badearzt und Sportarzt über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt an Tausenden Patienten herumdoktern konnte. Ein 59-jähriger Friseur, verheiratet, zwei Kinder, der fast 20 Jahre in Oberbayern ohne Studium und Abitur als falscher Arzt praktiziert hat, ist heute zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Traunstein sah vorsätzliche Körperverletzung in 41 Fällen durch Kortison-Spritzen als erwiesen an. Außerdem verurteilte ihn die 2. Strafkammer wegen 119 Fällen von Titelmissbrauch. Der geständige Friseur hatte sich die Zulassung als Arzt und den Doktortitel durch falsche Dokumente erschlichen. Das Urteil ist rechtskräftig (Az: 201 Js 39536/00).
Auf ihn fielen nicht nur Tausende von gutgläubigen Patienten herein, auch zwei bayerische Ministerien und mehrere Ärzte verließen sich blind auf ihn. Fast 20 Jahre lang behandelte der Friseur in mehreren bayerischen Arztpraxen in den Landkreisen Miesbach und Rosenheim sowie in einigen Kliniken mit falschem Doktortitel kranke Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Auch vor Kortisonspritzen schreckte der Ex-Friseur nicht zurück. Erst in diesem Frühjahr flog der Jahrzehnte lange Schwindel auf. Am 5. März 2001 stürmte die Polizei die Praxis in Bad Feilnbach und nahm den Mann im weißen Kittel fest. Ist Ihr Hausarzt echt? Und wenn ja: wovon versteht er etwas?Der weiße Kittel, so belegt auch dieses Geschehen, verleiht in Sachen Gesundheit noch immer zu viel blindes Vertrauen. Obwohl selbst richtige Hausärzte die meisten psychischen Störungen übersehen oder falsch behandeln, vertrauen die Deutschen ihnen von allen Medizinern noch immer am meisten. So zumindest hieß es unlängst in einer Pressemeldung. Während 90 Prozent von insgesamt 1.000 befragten Personen ihrem Hausarzt uneingeschränktes Vertrauen entgegen bringen, tun dies bei Ärzten im Allgemeinen nur gut Dreiviertel aller Befragten - so der Vergleich zweier Umfragen durch das Meinungsforschungsinstitut INRA.
Freilich: Wen sollen Menschen, für die ihre Gesundheit das wichtigste Gut ist, sonst vertrauen - dem Friseur? Viele Patienten, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage, verlassen zudem das Behandlungszimmer, ohne genau über ihre Erkrankung Bescheid zu wissen. Das macht es für Hochstapler, Betrüger und Scharlatane ebenso wie unfähige Ärzte leicht, ihre Patienten falsch zu behandeln oder auszunehmen. Deshalb konnten die Patienten, die dem freundlichen, aber falschen Allgemeinarzt mit den gutmütigen Augen über Jahre hinweg blind vertrauten, so böse gefoppt werden.
Die berufliche Karriere des aus Wittgendorf in Sachsen-Anhalt stammenden Mannes begann mit der Eröffnung eines Friseurgeschäftes in der Nähe von Köln. Wegen gesundheitlicher Probleme gab der Handwerker den Laden jedoch 1977 auf und sattelte in München auf Heilpraktiker um. Die Prüfung bestand er laut den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit Ach und Krach und erhielt 1979 die Genehmigung zum Führen einer Heilpraktiker-Praxis.
Doch dies genügte dem Coiffeur nicht. 1981 beantragte er beim bayerischen Innenministerium in München die Arztzulassung und legte gefälschte Studienabschlüsse sowie eine falsche Doktorurkunde vor. Die Ministerialbürokratie fiel auf den Schwindel herein und erteilte dem Friseur die begehrte Approbation. Wieder zwei Jahre später strebte der falsche Arzt nach noch Höherem und leimte auch das für Titel zuständige Kultusministerium des Freistaates. Nach Vorlage gefälschter Dokumente durfte er sich tatsächlich "Dottore" nennen, was er als Legitimation des deutschen Doktortitels ansah. Fortan firmierte er als "Dr.".
Von nun an begann der steile Aufstieg des Klaus D., den man, so die "Süddeutsche Zeitung" am 6. Oktober 2001, "für eine Bilderbuch-Karriere" halten könnte. 1982 wurde er Assistenzarzt an der Ghersburgklinik in Bad Aibling. Zwischen 1983 und 1994 betrieb der falsche Doktor mit Erfolg als Kassenarzt eine Praxis im oberbayerischen Kurort Bad Aibling, wo er sich nach den Ermittlungen der Anklagebehörde einen stattlichen Patientenstamm erwarb. 1995 verkaufte er die Kassenpraxis für 270.000 Mark und wurde Chefarzt der Kinder-Rehaklinik Samerberg bei Rosenheim, ohne dass irgendjemand Verdacht geschöpft hätte. 1997 eröffnete er dann am noblen Tegernsee eine Praxis ausschließlich für Privatpatienten. 1999 arbeitete er daneben an der Aiblinger Krebsklinik St. Georg des Prominentenarztes Friedrich Douwes, wo sich der Schauspieler Klaus Wennemann und dessen Kollegin Liane Hielscher bis zu ihrem Krebstod behandeln ließen. Versagen der ärztlichen Selbstverwaltung auf ganzer LinieWegen seiner dubiosen Behandlungsmethoden war der gelernte Friseur mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Vom Amtsgericht Bad Aibling wurde er zuletzt 1998 zu einer Geldstrafe verurteilt. Daraufhin entzog ihm die Landesärztekammer zunächst die Approbation und die Kassenärztliche Vereinigung im Juni 1999 dann auch die Zulassung. Erstaunlich: Damals kam noch nicht heraus, dass er weder Abitur noch Medizinstudium hatte.
Dies hinderte den mittlerweile 56-Jährigen aber nicht daran, zeitweise als Assistenzarzt in einer Klinik in Bad Aibling zu arbeiten und im nahen Bad Feilnbach erneut eine Arztpraxis zu eröffnen, in der er anschließend weiter praktizierte. "Ich musste doch von irgendetwas leben, ich hatte Angst meine Familie zu verlieren", gab der Angeklagte im Verfahren als Rechtfertigung an.
In den knapp 20 Jahren als falscher Doktor dürfte der Friseur einige Millionen Mark verdient haben - auch Kassenhonorare von der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei Privatpatienten stellte er in einem Fall eine Rechnung über fast 100.000 Mark aus.
Nachdem einige seiner Privatpatienten Verdacht schöpften, flog der Schwindel Anfang März dieses Jahres endgültig auf. Im Prozess interessieren sich die Richter der 2. Strafkammer des Traunsteiner Landgerichts vor allem für jene Fälle, bei denen der Friseur und Heilpraktiker Kranken Kortison spritzte, aber stets sagte, er verwende ein von ihm eigens entwickeltes Hühnereiweiß-Präparat. Sogar kleine Kinder mit Pseudo-Krupp behandelte der falsche Arzt mit seiner "Spritzen-Kur", auch wenn die kleinen Patienten sich vor Schmerzen krümmten. Ein Erwachsener klagte nach Infusionen über Atemnot und Herzrasen.
Für den Prozess waren zwei Verhandlungstage vorgesehen. Acht Zeugen und eine Sachverständige waren geladen. Bei seiner Vernehmung schilderte der Angeklagte zunächst seine schwere Kindheit in einem thüringischen Dorf als unehelicher Sohn einer Mutter, die zum Zeitpunkt seiner Geburt gerade einmal 16 Jahre alt war. Er wuchs bei den Großeltern auf, mit fünf Jahren bekam er Scharlach und lag längere Zeit im Krankenhaus. Nach der Flucht in den Westen und der Schulzeit habe das Jugendamt ihn "in den Friseur-Beruf gesteckt", obwohl er "immer einen Zug zur Medizin" gehabt habe, sagte er. Nach der Hochzeit mit einer Friseurin und der Geburt von zwei Söhnen eröffnete er in Köln einen Damen- und Herren-Salon, den er wegen einer Allergie freilich schon bald aufgeben musste. Es folgte die Umschulung zum Heilpraktiker.
In diese Zeit fällt die regelmäßige Arbeit als Pfleger in einer Münchner Klinik. "Ich habe dort zu spritzen gelernt, Katheter gesetzt und war sogar im Operationssaal dabei", sagte der 59-Jährige zum Erstaunen des Gerichts. In den Ferien arbeitete er in zwei italienischen Krankenhäusern in Neapel und Salerno. Dort will er von einem Medizin-Professor überredet worden sein, sich gefälschte Dokumente für den Arztberuf und den Doktortitel in Deutschland zu "kaufen". Seine Mutter gab ihm 20.000 Mark, die er dem Professor in bar übergab. "Ich wusste, dass das nicht in Ordnung war." Titelgläubigkeit und Autoritätshörigkeit erleichtern Betrug und FehlbehandlungNicht einmal seine eigene Familie habe gewusst, dass er in der Zeit der Heilpraktiker-Ausbildung nicht wirklich Medizin studierte, gab der falsche Arzt zu Protokoll. "Es tut mir mein Leben lang leid, dass ich meine Frau belogen habe." Er habe jedoch seiner Familie ein besseres Leben "ermöglichen wollen, als ich es in meiner Kindheit gehabt habe". Auch die Behörden in Bayern wurden nicht skeptisch, obwohl der Friseurmeister in seinem Lebenslauf für die Arztzulassung nicht einmal das Abitur angab! Mit der Approbation und dem ihm vom Kultusministerium in München verliehenen Titel "Dottore/Univ.Neapel", aus dem der falsche Arzt kurzerhand einen "Dr.med." machte, begann die Karriere des Friseurs in mehreren Praxen und Kliniken.
Viele seiner Patienten kamen in fast 20 Jahren vor allem wegen der Spritzen, die der "Herr Doktor" verabreichte. Während der Angeklagte beteuerte, lediglich seine Sprechstundenhilfen hätten gegenüber Kranken von Hühnereiweiß gesprochen, sagte ein früherer Patient vor Gericht aus, der 59-Jährige habe in seiner Praxis sehr wohl von selbst entwickelten Hühnereiweiß-Spritzen gesprochen. "Er sagte, das ist der beste Cocktail, den es gibt", erinnerte sich der Zeuge an die Behandlung des selbst ernannten "Wunderheilers". In Wirklichkeit mischte der falsche Arzt Kortison, das Entzündungen und Allergien rasch abklingen lässt, mit anderen Medikamenten: Ein verantwortungsloses "Wundermittel", das wegen seiner teils gefährlichen Nebenwirkungen auf den Knochenbau nur bei klar definierter Indikation verordnet werden darf.
Die Staatsanwaltschaft hatte dem falschen Arzt in ihrer Anklage 121 Fälle des Betruges gegen Patienten und Arbeitgeber mit einem Gesamtschaden von mehr als 800.000 Mark zur Last gelegt. Pauschal räumte er selbst ein, 1994 und 1995 auch Steuern hinterzogen zu haben. Außerdem wurden dem Oberbayern von der Staatsanwaltschaft 41 Fälle der vorsätzlichen Körperverletzung zur Last gelegt, weil er Patienten ohne deren Wissen mit Cortison behandelt hatte. Zum Prozessauftakt gab er zu: "Ich habe einige Leute darüber aufgeklärt, andere nicht." Konsequentes Hinterfragen des Ärzte-Handelns unverzichtbarDie Teilnehmer der erwähnten INRA-Meinungsumfragen fordern generell mehr Aufklärungsarbeit in den Arztpraxen. Rund 76 Prozent der Befragten wünschen sich im Bedarfsfall eine zweite Arztmeinung. 66 Prozent sprechen sich für zusätzliche Informationen über ihre Krankheit aus. Bei den Hausarztpatienten sind es im ersten Fall nur 60 Prozent, weitere Auskünfte wollen nur 57 Prozent. Viele der Patienten, die vor allem wegen der als Wundermittel geltenden Spritzen mit angeblichen Naturpräparaten zu dem falschen "Doktor" gekommen sind, haben es an der erforderlichen kritischen Nachfrage fehlen lassen.
Die unkritische Titel-Gläubigkeit vieler Menschen und die völlig ungerechtfertigte Überschätzung der so genannten "Götter in Weiß" macht es Betrügern und Stümpern im weißen Kittel immer wieder leicht. Bislang berühmtestes Beispiel ist der jetzt 42-jährige Gert Postel, ein gelernter Postbote, der als falscher Arzt und Psychotherapeut jahrelang die Ärzte vorgeführt, die Patienten genarrt und mit medizinischen Gutachten viel Geld verdient hat. Nach seiner letzten Verurteilung ist er seit Anfang des Jahres wieder auf freiem Fuß und will sein Leben als Hochstapler verfilmen (siehe die Buchrezension in dieser Zeitschrift).
Als "Prof. Dr. Dr. Wolfgang Rose" (52) zockte ein angeblicher Psychologe in Baden-Württemberg bis 1997 zahlreiche vermögende Krebspatienten ab. Sie sahen in diesem weiteren selbst ernannten "Wunderheiler" die letzte Hoffnung und zahlten rund 60.000 Mark für "heilbringende" Tinkturen.
Auch aus anderen Gründen als zur Bereicherung oder aus Geltungsdrang schlüpfen immer wieder Menschen in den Arztkittel. Zum Beispiel Diez-Rudolf K. (60), ein pensionierter Lehrer, den sexuelle Motive den weißen Kittel überstreifen ließen. In seiner Praxis behandelte er sexuell missbrauchte Mädchen. Sie sollten sich für gynäkologische Untersuchungen ausziehen, wobei sie mit versteckter Kamera gefilmt wurden. Sein Prozess läuft noch.
Allerdings ist der sexuelle Missbrauch nicht nur bei falschen Therapeuten anzutreffen. Die Dunkelziffer der echten Ärzte und Psychotherapeuten, die vorzugsweise ihre Patientinnen missbrauchen, ist nach Schätzungen so hoch, dass man bei Lichte darüber erschrickt. Kritische Distanz und Vertrauen in das eigene Denkvermögen kann vor Missbrauch schützenEine gesunde Portion Skepsis und eine kritische Distanz kann helfen, sich vor falschen oder unfähigen Ärzten oder Psychotherapeuten zu schützen. Fehlbehandlungen sind am besten durch ausreichende Information bei unabhängigen Quellen zu verhindern. Eva Balling fasste ihre Erfahrungen im Umgang mit guten und schlechten Ärzten in einem Leserbrief am 17.07.2001 zu klaren Empfehlungen zusammen: "Kontrolle ist erst mal sehr viel besser als Vertrauen. Vertrauen kann sich im besten Fall aufbauen. Ich trage die Verantwortung für das, was geschieht! Ich nehme mir jederzeit die Freiheit, nein zu sagen. Ich kenne das Gesetz der Suggestion. Wenn schon, dann bilde ich mir die Fakten ein. Ich befasse mich mit der Thematik so intensiv, dass ich im besten Fall dem Arzt sage, was er zu tun hat. Im anderen Fall muss er mich überzeugen. Das bedingt einen menschlichen Umgang auf einer Ebene. Dazu sind die wenigsten Weißbekittelten bereit. Ich überdenke nach jedem Kontakt, ob ich jederzeit die Verantwortung über mich behalten habe."
"Nicht zu vergessen ist der oft finanzielle Notstand im Hintergrund vieler Ärzte, die sie Sachen tun lassen, welche der ursprünglichen Heilerberufung diametral gegenüberstehen", schließt Eva Balling ihre Empfehlung an Patienten: "Hier ist der gesunde Menschenverstand gefragt! Und weh dem, der ihn mir rausblasen will..."
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