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Internet revolutioniert Gesundheitswesen und schafft gleichzeitig Suchtpotential - Labile Menschen durch Internet besonders gefährdetLondon/München/Weinheim (11.09.2000) - Die Möglichkeiten des Internets und anderer neuer Kommunikationsmittel verändern zunehmend auch das Gesundheitswesen. "Durch das Internet ist eine Revolution insbesondere des Arzt-Patienten-Verhältnisses in Gang gekommen", erklärte der Präsident der Europäischen Gesellschaft für Medizininformatik (European Federation for Medical Informatics/MIE), Rolf Engelbrecht in einem Gespräch. Patienten könnten sich künftig besser über Krankheiten und die eigenen medizinischen Daten informieren."Nun sind Patienten immer mehr in der Lage, sich selbst die nötigen Informationen zu beschaffen", sagte der 56 Jahre alte Wissenschaftler am Rande des Kongresses "Internet und Medizin". So könnten die Betroffenen in den meisten Krankheitsfällen ohne Probleme entsprechende Krankenhäuser und Ärzte samt Leistungsprofilen per Mausklick finden. "Auf diese Weise entwickelt sich der Patient zum gut informierten Partner des Arztes bei der gemeinsamen Suche nach einer geeigneten Behandlung." Eindrucksvolle Beispiele illustrieren inzwischen, wie die Internet-Revolution im Gesundheitswesen konkrete Gestalt annimmt: So hat ein Spezialist mit einer Website im Internet einem britischen Krebspatienten das Leben gerettet. Graham Tarling (45) hatte nach Ansicht seiner Ärzte nur noch sechs bis zwölf Monate zu leben, da er an einem "inoperablen" Nierentumor litt. Der Tumor sei so nahe an einer Hauptschlagader, dass eine Operation höchstwahrscheinlich zu tödlichen inneren Blutungen führen würde, befanden die Ärzte in Birmingham. Eine Behandlung mit Medikamenten blieb erfolglos. Doch Tarling gab nicht auf, wie er am 29.07.2000 in der "Times" berichtete. Er setzte sich an den Computer seiner Tochter und stieß im Internet auf den Krebsspezialisten Andrew Novick von einer Klinik in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Dieser erklärte sich nach mehreren Tests zu der schwierigen Operation bereit. Und tatsächlich gelang es ihm, den Tumor zu entfernen. Jetzt kann Tarling schon wieder Fußball spielen. "Das Internet hat mein Leben gerettet", sagte er. "Ich war 45, fühlte mich fit und hatte drei Kinder. Es war einfach noch nicht Zeit zu sterben." Gleichzeitig treten auch die Schattenseiten der Internet-Revolution deutlicher hervor: Häufiges Surfen im Internet schadet besonders psychisch labilen Menschen. Einer am heutigen Montag veröffentlichten Studie der Psychiatrischen Klinik der Münchner Universität zufolge hatten rund vier Prozent von 1.000 Befragten ernste Probleme durch die häufige Nutzung des Internets. Bei diesen Betroffenen habe bereits eine psychiatrische Erkrankung bestanden, sagte Professor Ulrich Hegerl. Sie hätten unter Depressionen, Angstneurosen und anderen Manien gelitten. Alle hätten eines gemeinsam: Sie seien nicht selbstbewusst und suchten im Internet nach Kommunikation, Partnerschaften oder neuen Freunden. Als Beispiel nannte Hegerl Hausfrauen, die nachmittags stundenlang im Netz chatten oder Anleger, die ständig die Entwicklung der Aktienkurse verfolgen. Die am meisten angeklickten Webseiten der Betroffenen seien Chats, an zweiter Stelle stünden Sexseiten. Viele Betroffene steigerten im Netz ihr Selbstwertgefühl und flüchteten aus ihrer Realität. Das Internet fördere suchtähnliches Verhalten, weil es "jeden Tastenklick sofort belohnt", sagte der Wissenschaftler. Die Anonymität des Internets gebe vielen sonst unsicheren Menschen große Sicherheit. Dabei handele es sich zumeist um Männer, die im Durchschnitt 28 Jahre alt sind. Bei vielen hätte zuvor Drogen- oder Alkoholabhängigkeit oder eine Spielsucht bestanden. Die Psychiater der Universität München haben in ihrer Untersuchung über die Nutzung des Internet Kriterien für ein so genanntes Abhängigkeits-Syndrom festgelegt. Die Betroffenen stehen demnach unter einer Art Zwang zum Internet-Gebrauch und verlieren die Kontrolle über die Zeit, in der sie online sind. Außerdem ziehen sich sich deutlich aus dem sozialem Leben zurück und bekommen deshalb Probleme in der Partnerschaft, der Arbeit oder Schule. Dessen ungeachtet ändern sie ihr Verhalten nicht, sondern surfen weiter stundenlang im Netz, obwohl sie die sozialen Folgen kennen. Menschen, die diese Symptome an sich beobachten, sollten ihre Internet-Gewohnheiten ändern, berichten Wissenschaftler. Sie könnten zum Beispiel ihren Computer aus dem Schlafzimmer in Räume stellen, in denen sie sozialer Kontrolle unterworfen sind. Bei hartnäckigen Störungen sollten sie einen Psychotherapeuten aufsuchen. Auch eine Studie an der Berliner Humboldt-Universität verweist auf die wachsenden Gefahren der Internet-Sucht. Hunderttausende Deutsche können kaum noch ohne die Gesprächsrunden im Internet auskommen. "Wir rechnen derzeit mit rund 300.000 Chat-Süchtigen", sagte der Medien-Psychologe Andre Hahn, der von der Humboldt-Universität selbst zu einem Internet-Unternehmen gewechselt ist, dem Nachrichtenmagazin "Focus". Je einsamer jemand sei, desto gefährdeter. Hahn warnte davor, das Problem zu ignorieren: "Eltern sollten klare Grenzen setzen und die Online-Zeit ihrer Kinder beschränken. Lebenspartner sollten sich maximal bemerkbar machen und den Leidensdruck auf die Betroffenen erhöhen." Das Internet hat deutliche Auswirkungen auf den Alltag der Surfer. Wer sich mehr als fünf Stunden täglich im Cyberspace aufhält, sieht weniger fern, kauft weniger in Geschäften ein, arbeitet mehr und hat weniger Kontakt zu seinen Freunden. Das ist das Ergebnis einer Studie unter 4.113 US-Bürgern, die von zwei Wissenschaftlern der Universität Stanford und der Freien Universität Berlin durchgeführt wurde. Das berichtete die in Weinheim erscheinende Zeitschrift "Psychologie heute" (August-Ausgabe). Die Intensiv-Nutzer gehen auch seltener aus als früher und lesen weniger Tageszeitungen - möglicherweise, weil sie sich online über das Geschehen im wirklichen Leben auf dem Laufenden halten. Mit der Zahl der Jahre, die eine Person das Internet nutzt, steigt auch ihr täglicher Konsum, so die Zeitschrift. Darin liegt nach Einschätzung der Wissenschaftler eine Gefahr: Noch nutze nur eine Minderheit das Datennetz intensiv. Die Zahl der Viel-Surfer steige jedoch ständig. Das Internet könne daher zum "isolierenden Medium" werden, das die Teilhabe am Gemeinschaftsleben noch deutlich mehr verringert als bisher das Fernsehen. Knapp fünf Millionen aller deutschen Internet-Nutzer unterhalten sich regelmäßig online mit Gesprächspartnern in aller Welt, stellte die Hamburger Marktforschungsagentur Fittkau & Maaß fest. Laut GfK-Online-Monitor sind mittlerweile rund 18 Millionen Deutsche im Netz. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. September 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. | |||||||||||||||||||