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Psychotherapie
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Schlimm für die echten Leidensgenossen im Internet - Münchhausen wirbelt mit Falschinformationen Chatforen aufBirmingham/Alabama (22.09.2000) - Für schwer oder chronisch kranke Menschen bietet das Internet fantastische Möglichkeiten. Erfahrungen austauschen, die optimale Therapie finden oder einfach Leid teilen, das bringt vielen große Erleichterung. Doch Vorsicht: Im Web kursieren auch jede Menge dubioser Infos. So halten z.B. Münchhausen-Patienten ihre "Leidensgenossen" mit Lügen-Geschichten zum Narren.Medizinische Information hat im Netz hohen Stellenwert. 37 Prozent der Internet-User schnuppern regelmäßig auf Websites, die mit Gesundheit und Medizin zu tun haben, schreibt Dr. Marc D. Feldman, Psychiatrische Klinik der Universität von Alabama, Birmingham, im "Southern Medical Journal". Ein Teil davon betrifft Clubs bzw. Chatrooms, in denen Kranke mit Leidensgenossen direkt von Patient zu Patient kommunizieren können. Eine feine Sache im Prinzip: Da werden Auswirkungen einer chronischen Krankheit auf die Familie ebenso diskutiert wie der Umgang mit belastenden Nebenwirkungen der Chemotherapie. Man hilft sich bei bürokratischen Problemen mit Kliniken oder Versicherungen, gewährt einander emotionale Unterstützung oder gibt gar Behandlungstipps. Doch Vorsicht, mahnt der US-Kollege, meist ist in solchen Gruppen kein medizinischer Fachmann mit von der Partie, niemand checkt die verbreiteten "Fakten" auf sachliche Richtigkeit. So wird also neben dem Weizen jede Menge Spreu auf den Datenautobahnen transportiert. Eine Web-Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Ratschläge auf nicht gesicherten "Wahrheiten" beruhen oder schlichtweg falsch sind. Fehler verrieten Lügnerin Fast schon kurioser Auswuchs des Ganzen sind nun Menschen, die Online-Selbsthilfegruppen missbrauchen, um mit fingierten Krankheiten Aufmerksamkeit zu erhaschen und andere zu manipulieren. Münchhausen-Patienten brauchen heute nicht mehr unbedingt Praxis- oder Kliniksklinken zu putzen. Sie können ihre Bedürfnisse wunderbar am PC befriedigen. So etwa Barbara, die "an Mukoviszidose im Endstadium" litt und, betreut von ihrer lieben Schwester Amy, "auf den Tod wartete". Mit ihrem Statement, sie wünsche nichts sehnlicher, als am Strand zu sterben, rührte sie die Mukoviszidosegruppe im Internet zu Tränen. Viele Patienten sandten ihr Nachrichten und Gebete oder berichteten die eigene Leidensgeschichte. Nach wenigen Tagen kam die theatralische Nachricht von Amy, Barbara sei tot. Doch sie habe es geschafft, die Sterbende rechtzeitig zum Strand zu bringen. Merkwürdig nur, dass Amy die gleichen orthografischen Fehler machte wie die verstorbene Schwester. Und seltsam, dass sie die schwer Lungenkranke an den Strand verfrachtet hatte, wo doch die lebensnotwendigen Sauerstoffgeräte fehlten. Amy reagierte entrüstet auf die vorsichtigen Fragen, gab aber schließlich zu, die Story frei erfunden zu haben und verhöhnte die Gruppe auch noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit. Totes Baby glatt erfunden In einem anderen Fall, der sich ebenfalls auf einem Mukoviszidoseforum zutrug, handelte es sich um regelrechtes Münchhausen by proxy. Darlene suchte Rat wegen ihres Babys, das unter zystischer Fibrose leide. Erika, eine andere Patientenmutter, sandte ihr teilnahmsvolle Texte und bedauerte, nicht mehr tun zu können: Die akute RS-Infektion ihres Kindes nehme sie stark in Anspruch. Darlene zeigte sich höchst interessiert an näheren Infos zum Respiratory Syncytial Virus. Kurz darauf berichtete sie, dass eben dieser Erreger ihr Baby getötet hatte. Erika kamen böse Zweifel, denn Darlenes ausführlicher Krankenbericht strotzte vor Ungereimtheiten, und außerdem fanden sich ganze Abschnitte aus Erikas Info-Materialien darin wieder. Doch trotz aller Mahnungen riefen viele erschütterte Gruppenmitglieder das Krankenhaus bzw. das Beerdigungsinstitut an, um Blumen zu senden und der verwaisten Mutter Hilfe anzubieten. Das Kind, fanden sie jedoch bei diesen Aktionen heraus, hatte nie existiert. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 22. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. | |||||||||||||||||||