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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Schlimm für die echten Leidensgenossen im Internet - Münchhausen wirbelt mit Falschinformationen Chatforen auf

Birmingham/Alabama (22.09.2000) - Für schwer oder chronisch kranke Menschen bietet das Internet fantastische Möglichkeiten. Erfahrungen austauschen, die optimale Therapie finden oder einfach Leid teilen, das bringt vielen große Erleichterung. Doch Vorsicht: Im Web kursieren auch jede Menge dubioser Infos. So halten z.B. Münchhausen-Patienten ihre "Leidensgenossen" mit Lügen-Geschichten zum Narren.

Medizinische Information hat im Netz hohen Stellenwert. 37 Prozent der Internet-User schnuppern regelmäßig auf Websites, die mit Gesundheit und Medizin zu tun haben, schreibt Dr. Marc D. Feldman, Psychiatrische Klinik der Universität von Alabama, Birmingham, im "Southern Medical Journal". Ein Teil davon betrifft Clubs bzw. Chatrooms, in denen Kranke mit Leidensgenossen direkt von Patient zu Patient kommunizieren können. Eine feine Sache im Prinzip: Da werden Auswirkungen einer chronischen Krankheit auf die Familie ebenso diskutiert wie der Umgang mit belastenden Nebenwirkungen der Chemotherapie. Man hilft sich bei bürokratischen Problemen mit Kliniken oder Versicherungen, gewährt einander emotionale Unterstützung oder gibt gar Behandlungstipps.

Doch Vorsicht, mahnt der US-Kollege, meist ist in solchen Gruppen kein medizinischer Fachmann mit von der Partie, niemand checkt die verbreiteten "Fakten" auf sachliche Richtigkeit. So wird also neben dem Weizen jede Menge Spreu auf den Datenautobahnen transportiert. Eine Web-Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Ratschläge auf nicht gesicherten "Wahrheiten" beruhen oder schlichtweg falsch sind.

Fehler verrieten Lügnerin

Fast schon kurioser Auswuchs des Ganzen sind nun Menschen, die Online-Selbsthilfegruppen missbrauchen, um mit fingierten Krankheiten Aufmerksamkeit zu erhaschen und andere zu manipulieren. Münchhausen-Patienten brauchen heute nicht mehr unbedingt Praxis- oder Kliniksklinken zu putzen. Sie können ihre Bedürfnisse wunderbar am PC befriedigen.

So etwa Barbara, die "an Mukoviszidose im Endstadium" litt und, betreut von ihrer lieben Schwester Amy, "auf den Tod wartete". Mit ihrem Statement, sie wünsche nichts sehnlicher, als am Strand zu sterben, rührte sie die Mukoviszidosegruppe im Internet zu Tränen. Viele Patienten sandten ihr Nachrichten und Gebete oder berichteten die eigene Leidensgeschichte. Nach wenigen Tagen kam die theatralische Nachricht von Amy, Barbara sei tot. Doch sie habe es geschafft, die Sterbende rechtzeitig zum Strand zu bringen.

Merkwürdig nur, dass Amy die gleichen orthografischen Fehler machte wie die verstorbene Schwester. Und seltsam, dass sie die schwer Lungenkranke an den Strand verfrachtet hatte, wo doch die lebensnotwendigen Sauerstoffgeräte fehlten. Amy reagierte entrüstet auf die vorsichtigen Fragen, gab aber schließlich zu, die Story frei erfunden zu haben und verhöhnte die Gruppe auch noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit.

Totes Baby glatt erfunden

In einem anderen Fall, der sich ebenfalls auf einem Mukoviszidoseforum zutrug, handelte es sich um regelrechtes Münchhausen by proxy. Darlene suchte Rat wegen ihres Babys, das unter zystischer Fibrose leide. Erika, eine andere Patientenmutter, sandte ihr teilnahmsvolle Texte und bedauerte, nicht mehr tun zu können: Die akute RS-Infektion ihres Kindes nehme sie stark in Anspruch. Darlene zeigte sich höchst interessiert an näheren Infos zum Respiratory Syncytial Virus. Kurz darauf berichtete sie, dass eben dieser Erreger ihr Baby getötet hatte.

Erika kamen böse Zweifel, denn Darlenes ausführlicher Krankenbericht strotzte vor Ungereimtheiten, und außerdem fanden sich ganze Abschnitte aus Erikas Info-Materialien darin wieder. Doch trotz aller Mahnungen riefen viele erschütterte Gruppenmitglieder das Krankenhaus bzw. das Beerdigungsinstitut an, um Blumen zu senden und der verwaisten Mutter Hilfe anzubieten. Das Kind, fanden sie jedoch bei diesen Aktionen heraus, hatte nie existiert.

Schlagzeug trotz Migräne

So mancher Münchhausen verliert bei seinen Erzählungen jegliche Hemmung. Unglaublich, was ein 15-jähriger einer Kopfschmerz-Gruppe im Internet auftischte: Neben quälender, therapieresistenter Migräne leide er unter Hämophilie und einer Epilepsie als Folge eines Schädelhirntraumas nach elterlicher Misshandlung. Doch damit nicht genug der Schauermärchen: Die Mutter sei taub, der Stiefvater Alkoholiker und der Bruder gerade an Aids gestorben. Von den Eltern völlig vernachlässigt müsse er jeden Tag drei Meilen bis zur Bushaltestelle zurücklegen, um zur Uni zu gelangen, wo er als Student – oh Wunder – mit Superleistungen glänze.

Zum Glück habe er einen Job als Drummer im Nachtclub; nur so könne er die vielen Schmerzmittel finanzieren. Schlagzeug spielen bei dauernder pochender Migräne, wunderten sich einige Gruppenmitglieder. Doch mit ihren leisen Zweifeln ernteten sie nur wütende Drohungen der Mutter, solche Ungläubigkeit werde ihren armen Sohn in tiefe Depression stürzen. Als einige sich nach dem Namen seiner Hochschule erkundigten, stellte "Chris" die Korrespondenz abrupt ein.

Krankheitsbezogene Internetforen, betont Dr. Feldman nochmals, können unschätzbaren Wert haben. Selbst Menschen mit sehr seltenen Krankheiten haben Gelegenheit, Leidensgenossen zu finden oder Ratschläge zu erhalten, und das 24 Stunden am Tag. Doch lauern im Web auch immense Gefahren: Nicht nur falsche Krankheitsgeschichten werden erzählt, sondern auch erfundene Dialoge mit Ärzten referiert sowie Labordaten und Röntgenstudien am Ende noch mit "Literaturquellen" untermauert, warnt der Kollege. Heikel wird es dann, wenn kranke Internet-User den Infos von der Website blind vertrauen und sich in eigenen Entscheidungen davon beeinflussen lassen. Dessen sollten Sie sich unbedingt bewusst sein, so der Appell an die Ärzte, denn Ihre Patienten sind es vielleicht, die sich durch das topmoderne Medium zu verhängnisvollen Fehlschritten verleiten lassen. Vorsichtige Frage also beim nächsten Sprechzimmer-Kontakt: "Holen Sie sich auch manchmal Gesundheitsrat aus dem Internet?" CG

Quelle: M. D. Feldman, Department of Psychiatry and Behavioral Neurobiology, University of Alabama, Birmingham; Southern Medical Journal, Vol. 93, No. 7 (2000), S. 669–672.

© Medical Tribune. Der Beitrag erschien in "Medical Tribune" (Nr. 38, Seite 17) am 22.09.2000 unter dem Titel "Schlimm für die echten Leidensgenossen: Münchhausen wirbelt Chatforen auf". Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Dr.med. Vera Seifert, "Medical Tribune".

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 22. September 2000]

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