© PSYCHOTHERAPIE 25.02.2001Psychoanalyse in der Kritik von Rolf Degen: "Ich habe viele junge Leute in diesen Wahnsinn reingezogen"Richtig krank macht erst der Therapeut Der deutsche Psychologe Rolf Degen rechnet ab mit der Psychotherapie - und er ist nicht der EinzigeVON STEPHANIE RIEDI SonntagsZeitung: Herr Degen, bezeichnen Sie sich als geistig gesund?
Rolf Degen: Heute ja. Ich habe Ecken und Kanten. Aber nicht mehr als jeder andere Mensch auch.
War das mal anders?
Degen: In den Siebzigerjahren, als ich noch in den Fängen der psychotherapeutischen Theorien gefesselt war, bezeichnete ich mich als krank. Erst als ich anfing, mich mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen auseinander zu setzen und die kaputten Kreaturen namens Psychotherapeuten kennen lernte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte mich selber pathologisiert. Da gab es keinen, der psychisch mehr auf der Höhe war als ich.
Lagen Sie je auf einer Couch?
Degen: Nein, aber ich war stark im Würgegriff des psychoanalytischen Denkens, habe selber Psycho-Gruppen veranstaltet. Heute muss ich leider zugeben, dass ich dadurch viele junge Leute in diesen Wahnsinn reingezogen habe. Viele kamen nie mehr raus, versackten sogar richtig in der Psycho-Szene - durch mich! Entsetzlich.
Sie haben Psychologie studiert und sind von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit dem Preis für Wissenschaftspublizistik ausgezeichnet worden. Jetzt ziehen Sie mit der Streitschrift "Lexikon der Psycho-Irrtümer" gegen die Zunft ins Feld. Warum?
Degen: Es ist eine bekannte Geschichte. Erst muss man einer Ideologie total verfallen, um sich später davon lösen zu können. Dann aber wird man zum erbittertsten Kritiker. Das war bei den Marxisten nicht anders. Ich bin jedoch kein Kritiker aus Prinzip. Gäbe es morgen eine gut funktionierende Therapie, wäre ich der Erste, der sie begeistert aufnehmen würde. Zurzeit gibt es keine.
Demgegenüber stehen Tausende von Psychotherapeuten und -analytikern, die von der Wirksamkeit ihrer Methoden überzeugt sind.
Degen: Das alte, böse Wort stimmt: Die Psychotherapie und -analyse bringt die Probleme erst hervor, die sie vorgibt zu heilen. Der Klient sieht sich negativ, weil er glaubt, irgendwelche schlimmen Dinge in seiner Kindheit erlebt zu haben. Oft sind die Erinnerungen nicht einmal real. Doch auch wenn sie es sind, haben sie keinerlei Bedeutung für die Gegenwart. Psychotherapeutisches Rumbohren verhindert den Selbstheilungsprozess. Insofern hat die Psychoindustrie nichts anzubieten, was wirksamer wäre als eine Zuckerpille.
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Rolf Degen, geboren 1953, studierte
Psychologie, Soziologie und Publizistik. Er lebt in Bonn und
arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist unter anderem für die
"Zeit", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Bild der
Wissenschaft" und "Psychologie heute". Für seine Berichte wurde er
von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit dem Preis für
Wissenschaftspublizistik ausgezeichnet, für seine Arbeiten zur
Gehirnforschung mit dem "Upjohn-Fellowship", einem renommierten
Firmenpreis.
In seinem Buch "Lexikon der Psycho-Irrtümer" versucht Degen,
anhand von zahlreichen Studien und Fakten aufzuzeigen, warum der
Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt.
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Degens Streitschrift ist nicht unumstritten. Doch gegen den Vorwurf,
er habe Fakten manipuliert, verwehrt sich der Autor: "Ich fordere
die ganze Zunft zum Gegenbeweis heraus."
PSYCHOTHERAPIE 12.03.2001
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Bitte?
Degen: Für jedes Medikament muss der Nachweis erbracht werden, dass es eine Krankheit wirkungsvoller und nachhaltiger bekämpft als einfache Zuckerpillen, so genannte Placebos. Psychotherapeuten ist es bis heute erspart geblieben, diesen einzigen, überzeugenden Qualitätstest erbringen zu müssen. In den wenigen Fällen, wo Psychotherapie mit einer Scheinbehandlung verglichen wurde, hat sie immer versagt. Das Forscherehepaar Arthur K. und Elaine Shapiro etwa kam nach der Auswertung von 600 Studien zum Schluss, die Psychotherapie sei das grösste Placebo des letzten Jahrhunderts.
In Ihrem Buch kritisieren Sie nicht nur die Psychotherapie als Methode, Sie behaupten sogar, der Mensch sei untherapierbar.
Degen: Ja. Damit meine ich aber nicht, wir müssten ein Leben lang Sklave seelischer Probleme sein. Wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, die meisten psychischen Störungen verschwinden von alleine wieder. Kürzlich ist eine Studie mit Panikpatienten erschienen. Die Mehrheit von jenen, die nicht in Behandlung waren, hatten nach elf Jahren keine Angststörungen mehr.
Gemäss Gehirnforschung haben psychische Leiden wie Sucht, Depression oder Zwangserkrankungen primär biologische Ursachen.
Degen: Die Ergebnisse der Verhaltensgenetik scheinen darauf hinauszugehen, dass die Hälfte unserer Persönlichkeit genetisch festgelegt ist. Daran können wir nichts ändern. Schüchternheit oder Extrovertiertheit sind Eigenschaften, die es zu akzeptieren gilt. Dann gibt es die andern fünfzig Prozent, die nicht durch Gene festgelegt sind, aber auch nicht durch die Erziehung oder das gesellschaftliche Milieu geprägt werden. Die sind Teil der individuellen Evolution.
Sie behaupten allen Ernstes, ein traumatisches Kindheitserlebnis sei für das psychische Befinden im Erwachsenenalter unbedeutsam?
Degen: Jedenfalls ist der Rückschluss keineswegs gesichert. Ein vom Vater ständig geprügelter Knabe muss nicht zwingend zum Schläger werden. Unseren Vorfahren wäre es bis zu den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts absolut fremd und absurd vorgekommen, Kriminalität, Gewalt oder Untreue auf frühkindliche Belastungserfahrungen zurückzuführen. Allfällige Erfahrungen in der Kindheit werden oft missbraucht, um Schuld zu delegieren, weil man durch Faulheit oder Unfähigkeit nicht mit dem Leben zurechtkommt.
Boomt deshalb der Therapiemarkt?
Degen: Er bedient Schwächen, Eitelkeiten, irgendwelche Unvollkommenheiten. Die Mehrheit der Klienten suchen den Therapeuten nicht auf, weil sie ein konkretes Leiden haben, sondern aus Selbstsucht, weil sie es geniessen, eine Stunde Gesprächsthema zu sein. Es gibt im psychotherapeutischen Versorgungsnetz leider keine Sicherungsmechanismen, um Fehlbehandlungen und Fehlinanspruchnahmen zu verhindern.
Lassen wir mal die Egozentriker und Stadtneurotiker. Sprechen Sie auch psychisch Schwerkranken die Hilfe ab?
Degen: In einigen Fällen kann das Leiden von psychisch Schwerkranken wie Schizophrenen oder Depressiven mit Psychopharmaka gelindert werden. Bestimmt jedoch nicht mit Psychotherapie. Hier gilt erst recht: Wer sich zwanghaft mit sich beschäftigt, verschlimmert nur die Symptome.
Kann nicht schon die Beziehung zur Therapeutin, dem Therapeuten hilfreich sein?
Degen: Ich verbitte mir, die Psychotherapie als Beziehung zu bezeichnen! Jede Stunde wird teuer bezahlt. Das ist reines Geschäft. Jeder Freund kann die gleiche Hilfe leisten.
Aber es gibt Situationen im Leben, wo man alleine nicht mehr klarkommt und kein Freund erreichbar ist.
Degen: Der Mensch ist unfassbar fähig, auch mit schweren Belastungen fertig zu werden. Das beweisen Überlebende von Kriegen und Katastrophen. Deshalb sind auch modernistische Nothilfeprojekte wie Traumatherapie für Überlebende von Flugzeugabstürzen oder Eisenbahnunglücken nicht notwendig. Im Gegenteil: Meta-Analysen haben gezeigt, dass Menschen ohne Hilfeleistung von Psychotherapeuten besser über den Schicksalsschlag hinwegkommen als jene, die sie in Anspruch nehmen.
Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner?
Degen: Jeder Mensch macht im Leben schmerzhafte Erfahrungen. Man hat Kummer, erlebt die Unvollkommenheit des Daseins, hegt Träume, die nicht in Erfüllung gehen. Die Institution Psychotherapie bietet scheinbar Hilfe an, und der Mensch erhofft sich, im Instant-Verfahren von den Leiden seines Lebens befreit zu werden. Diese Hoffnung wird von der Psycho-Industrie kräftig geschürt, indem sie immer wieder neue Kategorien von Krankheiten schafft wie das chronische Müdigkeitssyndrom oder die posttraumatischen Stresskrankheiten. Fast jede Woche tauchen in Fachzeitschriften neue Worte für psychische Befindlichkeiten auf. Es scheint das Bestreben des Polypen Psychotherapie zu sein, den Menschen von seiner Vorgeburt - pränatales Trauma - bis zu seinem Tod durch Sterbebegleitung in Beschlag zu nehmen.
Immerhin haben hundert Jahre Psychoanalyse die Aufmerksamkeit geschärft, dass die Gesellschaft immer neue Krankheiten hervorbringt. Zurzeit spricht man von einer epidemieartigen Ausbreitung der Selbstverletzung.
Degen: Stimmt. Kürzlich habe ich in einer amerikanischen Fachzeitschrift gar gelesen, dass Leute sich beim Chirurgen Körperteile wegoperieren lassen. Dafür gibt es eine evolutionsbiologische Theorie, die besagt, Gedankengebilde verbreiteten sich wie Influenza-Viren. Ich weiss es nicht. Auch ein Psychotherapeut kann nicht erklären, wie es zu einer solchen psychischen Störung kommt, geschweige denn, ihr Abhilfe verschaffen.
Die Psycholyse, ein Therapie-Setting mit LSD oder MDMA, die in der Schweiz im Rahmen eines Forschungsprojektes zwischen 1988 und 1993 durchgeführt wurde, versuchte unter anderem Therapieresistente von solchen Psychomustern zu befreien.
Degen: Ich muss gestehen: Bei meiner Kritik an der Psychotherapie ist die Psycholyse die einzige Methode, mit der ich liebäugle. Die Idee, man könnte, wie Timothy Leary es nannte, das Gehirn respektive das Bewusstsein aufweichen, um Veränderungen hervorzurufen, leuchtet irgendwie ein.
Besteht also Hoffnung, dass es in Zukunft doch noch eine Psychotherapie geben wird, die auch bei Ihnen Anerkennung findet?
Degen: Das bezweifle ich. Auch Leary ist letztlich gescheitert. Er hoffte, durch den religiösen, mythisch-kosmischen Trip die Menschen zu befreien. Doch vermochte er die meisten Klienten im Kern gar nicht zu erreichen. Viele sind weggekippt, schlimmer noch: psychotisch entgleist. Offenbar gibt es keine Methodik, die auf alle Menschen per se Wirkung hat - wie übrigens alle Religionen, Ideologien, Parteiprogramme oder Werbekampagnen beweisen.
Ein Blick in die Zukunft?
Degen: Ich habe den pessimistischen Verdacht, dass künftig immer mehr chemische Produkte gegen Schwächen und Unvollkommenheiten eingesetzt werden. Das zeichnet sich heute schon ab. In den letzten Jahren sind nach und nach spezifische Pharmaka auf den Markt gekommen, um Melancholie, Übergewicht, Fettsucht, Potenzschwäche oder Nikotinabhängigkeit zu bekämpfen.
Damit rauben Sie Millionen den Glauben, dereinst sorgenfrei leben zu können.
Degen: Ich hoffe, genau das Gegenteil wird der Fall sein wird. Die Lektüre meines Buches soll dazu beitragen, Vertrauen in die Selbstheilungskräfte zu schöpfen. Eine psychische Störung ist keine Verdammnis, keine Fessel, unter der man zeitlebens zu leiden hat. Wir sind nicht so zerbrechlich, wie uns die Psychofachleute glauben machen wollen.
© SonntagsZeitung (Schweiz). Der Beitrag erschien in der "SonntagsZeitung" am 25.02.2001. Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen und Roland Grüter, Ressort Trend, SonntagsZeitung.
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