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© PSYCHOTHERAPIE 19.10.2001
Kritische Denkanstöße: Delfine als Psychotherapie-Ersatz
Flop mit Flipper
Die Heilserwartungen an die Delfintherapie sind völlig unhaltbar
VON ROLF DEGEN
In grauer Vorzeit sollen sie Menschen gewesen sein
und sich unbemerkt unter unseresgleichen aufgehalten haben. Doch dann
stiegen sie auf Weisung des Gottes Dionysos ins Meer hinab, um trotz ihrer
Fischgestalt unsere treuen Freunde zu bleiben. Den Delphinen mit ihrem
steten Lächeln auf den Lippen wird in der Philosophie des New Age eine
einzigartige, animalische Spiritualität unterstellt. Die verbreitete
Hoffnung, die heiligen Kühe des Meeres könnten schwer gestörten Kindern
großen therapeutischen Segen bringen, hat sich jedoch als famoser Schlag ins
Wasser entpuppt.
Delfinen und Walen wurden in den vergangenen Jahren
ungeahnte mentale Kapazitäten angedichtet: Ein Sprachsystem mit hoch
stehender Syntax und Semantik sollten die Meeressäuger besitzen. Delfine
würden das Leid Ertrinkender erfühlen und umgehend Leben retten. Der
englische Psychiater und Delfin-Guru Horace Dobbs behauptete gar, seine
Schützlinge würden "nur Liebe kennen und auf einer spirituellen Ebene die
Ozeane reinhalten". Die aufgeputschtesten Hoffnungen richten sich seit
einiger Zeit auf die "Delfintherapie", die der amerikanische Psychologe
David Nathanson Ende der siebziger Jahre in Florida erfand. Das Schwimmen
mit den sanften Kolossen, hatte Nathanson beobachtet, setze Angst, Stress
und motorische Unruhe herab. Die Tiere, deren Physiognomie an das fröhliche
Lachen eines unbekümmerten Menschen erinnert, könnten die Tür zum
abgeschotteten Innenleben seelisch kranker Kinder öffnen.
Regelmäßig springen uns in den Medien seitdem Heilungsberichte von den
sensationellen Therapieerfolgen entgegen, die "Doktor Flipper" in einem der
internationalen Delfinzentren erbracht haben soll. Nicht selten sind die
Schlagzeilen in der Boulevardpresse mit Spendenaufrufen ("Letzte Hoffnung
für den kleinen Dominik") verknüpft. Die Behandlungskosten von rund 25.000
Mark werden schließlich nicht von der Krankenkasse ersetzt. Allein der
Anblick eines Delfins komme einer Erleuchtung gleich, macht eine
Werbebroschüre diese Investition schmackhaft. "Die Liebe und hohe
Intelligenz dieser Tiere verändern die Menschen", gerät das "Delphines
Centre" auf den Bahamas ins Schwärmen. Eltern, deren Kinder unter Autismus,
Spastik oder Down Syndrom leiden, fahren auf solche Heilsversprechen ab.
Aber auch erwachsene Patienten mit unheilbarem Krebs oder chronischen
Schmerzen lassen sich auf eine Wasserwunderheilung ein.
Aus einer soliden wissenschaftlichen Theorie lässt sich dieser positive
Einfluss nicht ableiten. Die einen verweisen auf die fast telepathische Gabe
der Meeressäuger, per Ultraschall den Gemüts- und Gesundheitszustand
abzutasten. Die etwas banalere Erklärung geht dahin, dass das berühmte
"Lächeln" und Schnattern eine positive Stimmung bei den kleinen Patienten
erzeugt, unterstützt durch das Wasser und das sonnige Klima. In den USA
existiert eine Stiftung namens AquaThought, die sich der medizinischen
Heilwirkung der Tümmler verschrieben hat. Mit einem mobilen EEG leiteten die
Stiftungsforscher die Hirnwellen von Patienten ab, die gerade ein paar
Runden mit den Delfinen drehten. Die Zacken im Ausdruck deuteten auf einen
relaxten Zustand des Gehirnes hin. Allerdings lässt sich der gleiche Grad an
Entspannung auch durch das Kuscheln mit einem Hund oder einer Katze - oder
schlicht durch ein heißes Bad - erzielen. Menschen, die horrende Summen für
das mentale Äquivalent eines heißen Bades bezahlen, müssen sehr verzweifelt
sein.
Auch die angebliche dramatische Linderung von Autismus oder dem Down Syndrom
hält der empirischen Prüfung nicht stand. Nur bei 30 Prozent der behandelten
Kinder, so das Ergebnis der statistischen Auswertung, führte die
Delfintherapie eine Besserung herbei, die selten länger als wenige Tage
anhielt. Dabei geht aus der Literatur hervor, dass zwischenmenschliche
Interaktionsprogramme oder positives Verstärkungslernen in 65 Prozent aller
Fälle eine günstige Wirkung haben.
Manche Kritiker aus der Tierschützer-Szene finden das Flipper-Idyll ohnehin
alles andere als herzerwärmend. Seit langem werden Delfinarien mit Skepsis
betrachtet. "Delfine leiden in Gefangenschaft sehr", sagt die Biologin Petra
Deimer von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere. "Ihr Echolot,
mit dem sie im Meer ihre Umgebung auskundschaften, stößt sofort an Grenzen.
Sie verkümmern zu Behinderten." Im Meer können die Tiere einige hundert
Kilometer am Tag zurücklegen. Im monotonen Nürnberger Delfinbecken dagegen
misst die Strecke zwischen den türkisblau getünchten Betonwänden 15 Meter.
Während die Lebenserwartung frei lebender Delfine bei 20 bis 30 Jahren
liegt, halten die gefangenen Artgenossen im gechlorten Wasser im Schnitt nur
16 Jahre durch.
Viele Zoos in Europa verzichten unter dem Druck der Öffentlichkeit bereits
auf die Delfinhaltung. Auch der Berliner Psychologe Rainer Brockmann,
Fachmann in Sachen tiergestützter Psychotherapie, hält solche Projekte für
überflüssig. "Forschungen mit Delfinen haben in unserem Lebensraum keinerlei
Perspektive", empört sich der Psychologe. Die "Eisbrecherfunktion", die den
Delfinen beim Umgang mit kontaktgestörten Menschen nachgesagt wird, sei bei
landestypischen Vierbeinern, die auf dem Trockenen leben, längst gut belegt.
Der Stress durch die Nähe des Menschen kann die Flipper sogar dazu bringen,
auszuflippen. Den Besuch von Delfinzentren halten die Experten zwar für
ungefährlich, da dort mit gefangenen, trainierten Tieren gearbeitet wird.
Viele Tourboote dagegen fahren zu wilden Delfinen, locken sie mit Futter an
und lassen ihre Gäste dann zu den Meeressäugern ins Wasser. Dutzende,
bislang eher kleinere Verletzungen sind dabei schon registriert worden.
Manche Schwimmer wurden unter Wasser gezogen; eine Frau lag eine Woche im
Krankenhaus, nachdem sie ihr Bein aus dem Maul eines Delfins reißen musste,
wie sie Reportern sagte. Und in Brasilien soll 1994 ein Delfin sogar einen
Menschen, der ihn quälte, durch einen Kopfstoss getötet haben.
Das Bild vom friedlichen Tümmler wurde in der letzten Zeit ohnehin durch
einige unappetitliche Entdeckungen erheblich angekratzt. An den Ufern der
schottischen Moray-Förde stranden immer wieder Kadaver von Schweinswalen und
Delfinen, vor allem junge Tiere werden an den Strand gespült. Die innerlich
schwer verletzten Tiere wurden offenbar von ausgewachsenen Delfinmännchen
niedergemetzelt. Die Wissenschaftler vermuten, dass Delfinmännchen gezielt
die Kinder fremder Väter töten. Der Kindesmord (Infantizid) soll dazu
dienen, die eigenen Begattungschancen bei den plötzlich kinderlosen Weibchen
zu erhöhen. Die artfremden Mordopfer, die die Körpergröße eines jungen
Delfins besitzen, dienen entweder als Trainingsobjekte oder die Tümmler
verwechseln sie mit Jungen ihrer eigenen Spezies, die ihren
Hochzeitswünschen im Wege stehen.
Die Verhaltensforscherin Rachel Smolker von der Universität Michigan hat bei
Delfinmännchen zur großen Enttäuschung vieler Flipper-Freunde sogar einen
Hang zu sexuellen Gewalt entdeckt: Manchmal verfolgen Gruppen von männlichen
Delphinen ein Weibchen, kreisen es ein und vergewaltigen es. Wenn andere
Männchen die drangsalierten Delfin-Damen befreien wollen, um sich selbst mit
ihnen zu paaren, schließen die Gangs sich kurzfristig zu Superallianzen
kleiner Gangs zusammen, die nach Zählung bis zu 14 Männchen umfassten.
Solche großen Gruppen garantieren ihren Mitgliedern praktisch den Sieg. Doch
der Irrglaube an den notorisch "guten" Delfin ist bei vielen Gläubigen durch
nichts totzukriegen, diagnostiziert der britische Evolutionsbiologe Matt
Ridley. Als vor einiger Zeit Delphine vor der Küste Schottlands sogar
Schildkröten angriffen, schrieben "Experten" dieses "abweichende" Verhalten
einer irgendwie gearteten Umweltverschmutzung zu - eine Unterstellung für
die sie zugegebenermaßen nicht den geringsten Beweis hatten. "Das Negative
wird einfach ausgeblendet, das Positive romantisch verklärt."
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das
Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und
Esoterik.
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Nicht einmal die
vielgerühmte erhabene Intelligenz der Delfine hat den Test der Zeit
bestanden. Der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Bochumer
Ruhr-Universität und der Nürnberger Verhaltensforscher Lorenzo von Fersen,
die am argentinischen Meeresinstitut "Mundo Marino" die Gehirne und
Intelligenzleistungen von Delphinen untersuchten, legten ein eine
ernüchterndes Fazit vor: Die vermeintlichen Schlaumeier der Meere müssen
danach als eher minderbemittelt eingestuft werden. Bei der Untersuchung des
stattlichen, stark gefurchten Gehirns stellte sich heraus, dass es im
Verhältnis zur Größe weniger Nervenzellen besitzt als das einer Ratte. Auch
bei den einschlägigen Labortests sind die Tümmler recht begriffsstutzig.
Monate dauert es, bis sie etwa gelernt haben, ein Dreieck von einem Viereck
zu unterscheiden.
Auch mit der praktischen Intelligenz der Wale und Delfine ist es offenbar
nicht weit her: Sie verfangen sich in Treibnetzen und kollidieren mit
Supertankern. "Falls Grönlandwale mit ihrem 'hochraffinierten'
Wahrnehmungsapparat riesige Schiffe übersehen können, muss das Wort
hochraffiniert neu definiert werden", sagt der Engländer James
Hamilton-Paterson von der Royal Geographical Society.
© Rolf Degen. Der Beitrag erschien beim
Eichborn-Verlag in der Reihe "Kritische Denkanstöße". Wiedergabe in
"PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen und Annika
Balser, Eichborn
AG.
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