PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
Financial Times Deutschland
Financial Times Deutschland, 01.08.2000, Seite 31

Flache Hierarchien und Freiheiten - ein attraktives Umfeld garantiert hohes Leistungsniveau

Harter Einsatz ist Ehrensache in jungen Firmen - und Burn-out dann die üble Konsequenz

Eine 70-Stunden-Woche ist keine Seltenheit, hinzu kommen Schichten in der Nacht oder am Wochenende. Wer in einem Startup-Unternehmen arbeitet, kniet sich richtig rein - und droht auszubrennen, warnen Mediziner und Psychologen.

Die allabendliche Erschöpfung nach der Arbeit ist damit nicht gemeint. Wer unter dem Burnout-Syndrom leidet, empfindet seinen Job nur noch als Belastung, fühlt sich bereits tagsüber schlapp und hat das Gefühl, mit immer mehr Energieaufwand immer weniger zu erreichen. "Die Betroffenen sind depressiv, ermüden schnell und vereinsamen.", beschreibt Ralf Wegner vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Hamburg die Symptome. Er warnt: "Burnout ist keine Frage des Alters. Auch 50- und 60-Jährige leisten ihre Arbeit mit Freude, gleichzeitig gehen Jüngere kaputt." Unbehandelt kann das Ausbrennen zu Depressionen, körperlichen Erkrankungen oder zur Abhängigkeit von Aufputschmitteln führen.

Erstmals wurde das Phänomen in den 70er Jahren von amerikanischen Psychotherapeuten beobachtet. Ihnen fiel auf, dass gestresste Ärzte innerhalb kurzer Zeit zu depressiven Zynikern wurden, die ihre Patienten immer abweisender behandelten. Auch für Lehrer, Richter, Architekten und Manager gibt es solche Untersuchungen. Aber Burnout und Startups? ...

Flache Hierarchien, kleine Teams, kreative Freiheit bei den Projekten - beim Startup kann man an spannenden Themen arbeiten und etwas bewegen, ohne Windmühlenkämpfe gegen Abteilungsleiter und Dienstvorschriften führen zu müssen. Dadurch fallen bei Mitarbeitern viele Ursachen für das Burnout-Syndrom von vornherein weg. "Burnout-Phänomene sind typisch in hierarchischen Umfeldern, in denen der Mitarbeiter auf Grund großer Unsicherheit über den Zusammenhang zwischen seiner Arebeit und seiner Beurteilung sich überlädt und zugleich die Zielsetzung seines Tuns aus den Augen verliert", erklärt McKinsey-Experte Maurer.

Doch auch die Arbeit bei den kleinen IT-Firmen hinterlässt Spuren, warnt Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann. Er arbeitet im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltensmedizin, das in der Nähe eines Hightech-Gewerbeparks in Stuttgart steht. "Zu uns kommen viele IT-Professionals", berichtet er. "Ich sehe, dass sich viele dort wirklich kaputtarbeiten." Die wenigsten brennen aus, weil die Vorgesetzten zu viel von ihnen verlangen. Fast alle setzen sich selbst zu sehr unter Druck.

   
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Gerade bei Startups verquicken sich berufliches und privates Engagement. Da die Startup-Mitarbeiter über Stock-Options zu Mitunternehmern gemacht werden, haben einige immer stärker das Gefühl, etwas für die eigene Firma tun zu müssen - auch in der Freizeit. "Wer mal zu früh von der Arbeit geht, hat bereits ein schlechtes Gewissen", beobachtet der Psychotherapeut. Eine problematische Entwicklung, denn für die Prävention spielt nach Meinung der Mediziner gerade das Gleichgewicht zwischen Berufsleben, Privatsphäre und Freizeitaktivitäten eine große Rolle. ... Wenn aber einer der drei Aspekte zu viel Raum und Zeit einnimmt, kommt es zu Störungen. Psychosomatische Leiden wie Herzprobleme, Magen- oder Darm-Beschwerden, Muskelverspannungen oder Tinnitus sind dann ernste Warnsignale. ...
Jürgen Hoffmann und Lars Reppesgaard

© 2000 Financial Times Deutschland




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