 Neue Westfälische Zeitung, 11.04.2001, Seite OE3"Show-Hypnose ist riskant"KURZ GEFRAGT: Diplom-Psychologe Dietmar G. Luchmann Bad Oeynhausen. Immer häufiger findet sich neben Jonglagen, Zauberkunst oder Akrobatik eine weitere Form der Unterhaltung auf Bühnen: Show-Hypnose. Das Geschäft mit der Trance stößt jedoch auf geteilte Meinungen. Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann vom ABARIS Institut für Psychotherapie in Stuttgart betrachtet die Show-Hypnose kritisch. NW: Was genau passiert bei einer Hypnose?
Dietmar Luchmann: Mit suggestiven Techniken wird ein Zustand eingeengten Bewusstseins herbeigeführt, in dem auf frühere Entwicklungsphasen zurückgegriffen werden kann. Menschen im hypnotisierten Zustand sind noch immer wach, der Begriff "Schlafzustand" ist also nicht treffend. Die Betroffenen richten vielmehr ihre Aufmerksamkeit nach innen und können Dinge von außen anders wahrnehmen. So kann eine therapeutische Hypnose zum Beispiel die Schmerzwahrnehmung reduzieren, indem die auslösende Situation anders aufgenommen und verarbeitet wird.
NW: Sind mit der Show-Hypnose gewisse Risiken verbunden?
Luchmann: Ja, ganz eindeutig. Experten lehnen diese Form der Hypnose generell ab. In einigen Ländern ist sie bereits gesetzlich verboten. Die Menschen in dieser Show werden benutzt und hinterher einfach wieder abgestellt. Sollten im nachhinein Störungen auftreten, sind sie völlig allein gelassen und werden von niemanden aufgefangen, der in diesem Bereich Erfahrung hat.
NW: Störungen welcher Art können denn auftreten und warum?
Luchmann: Bei einer Hypnose kann es passieren, dass gewisse Dinge aus der Vergangenheit hochgespült werden, in Einzelfällen kann eine Hypnose sogar zu Psychosen führen. Mir selbst sind Fälle bekannt, bei denen Personen hinterher psychiatrische Hilfe benötigten und sich von den Folgen der Hypnose nur schwer erholten. Häufiger treten - gelegentlich mit zeitlichen Verzögerung - "verbuddelte" negative Gefühle oder psychosomatische Störungen auf und belasten das Alltagsleben.
NW: Die Show-Hypnotiseure haben ihr Handwerk aber doch sicher gelernt und handeln, ohne Freiwillige aus dem Publikum zu gefährden?
Luchmann: Aus Angst vor einem Image-Verlust würden viele sicher nichts allzu Waghalsiges unternehmen, aber es gibt immer auch Scharlatane. Außerdem fallen manche Beschwerden erst viel später auf und werden unter Umständen gar nicht mehr mit der Show in Verbindung gebracht. Ein weiterer Aspekt ist, dass der Begriff "Hypnotiseur" genau wie "Psychologe" keine geschützte Berufbezeichnung ist. Das bedeutet: Jeder absolut Kenntnislose kann sich "Hypnotiseur" auf die Visitenkarte drucken.
NW: Die Menschen können also nicht sicher sein, in wessen Hände sie sich begeben?
Luchmann: Das stimmt, denn Gewissheit über einen qualifizierten Umgang mit dieser Technik kann man nur bei speziell ausgebildeten Fachleuten erwarten. In der Regel sind dies staatlich approbierte Psychotherapeuten. Niemand würde an sich eine chirurgische Operation von einem Laien ausführen lassen. Skalpell und Körper sind gegenständlich fassbar, so dass ein Risiko einschätzbar ist. In Bezug auf die Psyche ist dieses Risiko nicht geringer, es ist nur weniger gut fassbar.
NW: Und wie steht es mit der Menschenwürde? Viele Leute aus dem Publikum tun in dieser Situation Dinge, die ihnen sonst vielleicht peinlich wären.
Luchmann: Wer sich auf die Bühne stellt, weiß vermutlich, welche Dinge auf ihn zukommen könnten. Allerdings wird häufig übersehen, dass während der Hypnose ein sozialer und psychischer Druck herrscht, der die Person zu einem Verhalten führt, das sie sonst nicht an den Tag legt. Vor dem Hintergrund der Gefahr von Spätfolgen für die psychische Gesundheit ist diese Art von Unterhaltung riskant und unverantwortlich. Das Gespräch führte Mareike Köhler. © 2001 Neue Westfälische Zeitung
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