 | DER SPIEGEL
23. Oktober 2000 (Heft Nr. 43/2000)
Seite 300ff.
Von Marianne Wellershoff
Sehnsucht nach der Beziehungsidylle
Glücklicher zu zweitDer flotte Single, viele Jahre fast eine Kultfigur der Gesellschaft, ist plötzlich out, ebenso der lässige Seitensprung. Eine neue Sehnsucht nach Bindung, nach stabiler Zweisamkeit bewegt vor allem die Jüngeren. Eine Reaktion auf Tempo und Kälte der globalisierten Ökonomie? ... Die Leistungsexzesse des Erfolgsmenschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts gehören der Vergangenheit an, hat die Heidelberger Delphi-Studie zu Wertorientierungen ergeben: Jenseits von Workaholismus werde das Streben nach nach einer Balance zwischen Beruf und Privatleben an Bedeutung gewinnen...
Die Liebe ist eine Baustelle, an der Tag und Nacht gearbeitet werden muss, ohne Aussicht auf Vollendung des Werks - von dieser Erkenntnis profitieren auch die Ratgeber-Autoren. ...
Wo die Selbsthilfe mit dem, ohnehin meist nur von Frauen gelesenen, Ratgeber nicht gelingt, bleibt noch der Gang zum Paartherapeuten. Tatsächlich sind immer mehr in die Krise geratene Paare motiviert, mit Hilfe Dritter für ihre Beziehung zu kämpfen. 1985 gab es 282 katholische Eheberatungsstellen, heute sind es 349. Auf evangelischer Seite kamen allein zwischen 1996 und 1998 10 Stück dazu: In ebenfalls 349 Einrichtungen bietet das Diakonische Werk kostenlose Beratungen an. Und obwohl auch bei anderen Einrichtungen wie Pro Familia Paare ihre Beziehungen "aufarbeiten" und erneuern können, reicht das Angebot nicht aus. 1993 mussten bei den katholischen Beratungsstellen 40 Prozent der Paare bloß bis zu zwei Wochen auf einen Termin warten; heute müssen sich 40 Prozent bereits zwei bis vier Wochen gedulden. Tendenz steigend.
Oft scheuen Paare das emotionale und soziale Chaos, das eine Trennung nach sich zieht: "Mit einer Scheidung verlieren beide einen großen Teil ihres bisherigen gemeinsamen Lebensumfelds und -inhalts", sagt der Stuttgarter Paartherapeut Dietmar Luchmann. Sich und sein Verhalten in der Beziehung zu verändern sei oft einfacher, als "immer wieder in einer neuen Beziehung von vorn anzufangen".
Zu diesem Schluss kommt auch der Psychologe Johannes Rockholt von der katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Siegburg: "Wir vermeiden Trennungen und die hohen gesellschaftlichen Kosten, die mit Scheidungen verbunden sind." ...
Heute, wo Untersuchungen zeigen, dass eine hohe sexuelle Anziehungskraft sich nicht über viele Ehejahre aufrechterhalten lässt, fühlen sich die Paare entlastet: Die anderen haben auch nur einmal pro Woche Hausmannssex. Außerdem ist aufwendig inszenierter Fitness-Sex letztendlich unvereinbar mit dem Leben von Doppelverdienern und Eltern, die sich zwischen Büro, Baby und Bügeleisen aufreiben. ...
Nicht nur die Sexfrequenz hat sich, so vermuten die Forscher, reduziert. Sex ist für eine Beziehung anscheinend auch nicht mehr so zentral, wie lange behauptet wurde. Seine Bedeutung wird neu definiert. Das hedonistische Ideal der siebziger und achtziger Jahre hat sich seit den Neunzigern verflüchtigt; es wurde entweder durch ein pragmatisches Verantwortungsbewusstsein oder, bei den Jüngeren, durch das romantische Liebesideal ersetzt. Auf jeden Fall wurde dabei Sexualität moralisch hochgestuft. ...
Der Soziologe Hondrich konstatiert: "Die Dynamik der modernen Gesellschaft steigert und übersteigert nicht nur materielle und moralische Ansprüche, sondern auch die der Gefühle."
Übersteigerten Ansprüchen ist schwer gerecht zu werden. Jahr für Jahr erhöht sich die Zahl der Scheidungen: Von den in den fünfziger Jahren geschlossenen Ehen scheiterten etwas mehr als 10 Prozent, in den neunziger Jahren waren es schon 36 Prozent. Umgekehrt heiraten jedes Jahr weniger Paare, und den geringen Anstieg von 3,2 Prozent auf 431 000 im Jahr 1999 führen die Rechner vom Statistischen Bundesamt auch auf die Magie des Datums 9. 9. 1999 zurück. Dabei haben Ehen, die an einem Schnapszahl-Termin geschlossen wurden, eine noch schlechtere Prognose. ... © 2000 DER SPIEGEL |