© PSYCHOTHERAPIE 14.08.2000Wie "die kaputten Kreaturen namens Psychotherapeuten" (Rolf Degen) ihre kranke Triebbefriedigung praktizierenZudringliche Psychotherapeuten Das Tabu: Der sexuelle Missbrauch in der Psychotherapie
VON REINHILD SONNENSCHEIN
Patienten suchen Hilfe bei einem Psychotherapeuten und werden sexuell missbraucht - eine schlimme Situation für die Opfer. Wie es dazu kommen kann und wie Patienten und die Psychotherapeuten, die sie dann behandeln, damit umgehen können, haben die Diplom-Psychologen Gottfried Fischer von der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität zu Köln und Monika Becker-Fischer vom Institut für Psychotraumatologie Freiburg/Köln vor einiger Zeit in einer Studie untersucht. Sexueller Missbrauch während einer psychotherapeutischen Behandlung wurde erst in den letzten Jahren von der Öffentlichkeit und in den Fachkreisen der Psychotherapeuten als Problem wahrgenommen. Die Dimensionen jedoch sind groß: Die beiden Kölner Psychologen schätzen sehr konservativ, dass es mindestens 600 Mal pro Jahr in Deutschland zu einem sexuellen Übergriff während einer Therapie kommt, wobei die Täter fast immer Männer und die Opfer Frauen sind. Unter Fachleuten ist unbestritten, womit ein Psychoanalytiker in einem Psychotherapie-Lehrbuch von Christian Reimer zitiert wird: "dass er eine Reihe von gut ausgebildeten Kollegen kenne, die ihre Freundinnen regelhaft aus ihrer Patientenklientel rekrutierten".
In fast achtzig Prozent der Fälle geht nach der Studie der Kölner Psychologen und Psychotherapeuten die Initiative zum sexuellen Kontakt vom Therapeuten aus. Im typischen Fall wird die Patientin nicht überfallen. Vielmehr wird der sexuelle Kontakt subtil vorbereitet, indem der Therapeut die Patientin allmählich in seinen privaten Bereich einbezieht. Er macht sie zu seiner Vertrauten und bindet sie emotional an sich. Zugleich wird ihr der Eindruck vermittelt: "Ich bin nur liebenswert, wenn ich mich auf der sexuellen Ebene anbiete." Damit nutzt der Therapeut seine Machtstellung aus, indem er Patientinnen, die sich in einer Notsituation an ihn wenden, aus selbstbezogenen Motiven von sich abhängig macht.
Die Kölner Psychologen und Psychotherapeuten zeigen zwar auf, dass bei so handelnden Therapeuten häufig eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Sie weisen aber darauf hin, dass diese sich als fachkundige Psychotherapeuten anbieten und daher ihre Möglichkeiten und auch ihre Grenzen kennen müssen. Selbst wenn Patientinnen erotische Phantasien bezüglich des Therapeuten äußern, sei es die Pflicht des Therapeuten, damit in einer hilfreichen Weise umzugehen. Als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut geeignet ist nach Auffassung von Berufsvertretern nur, wer seine libidinösen Bedürfnisse ausreichend außerhalb der therapeutischen Arbeit zu befriedigen vermag.
Die Autoren widmen eine eigene Abhandlung der Frage, wie das Trauma eines sexuellen Missbrauchs überwunden werden kann. Zunächst war es für die meisten Opfer hilfreich, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. In der Regel ist jedoch zusätzlich die Behandlung durch einen Folgetherapeuten erforderlich. Dieser steht vor keiner einfachen Aufgabe: Es ist für ihn schwierig, ein Vertrauensverhältnis zu einer Patientin aufzubauen, die von einem anderen Psychotherapeuten missbraucht wurde. Auch verstellen falsch verstandene "Kollegialität" oder auch realitätsgerechte Empörung - viele Folgetherapeuten leiden unter ihrer Schweigepflicht - häufig den Blick auf die Patientin. Die beiden Kölner Psychologen sehen hier noch einen großen Bedarf in der Aus- und Fortbildung.
"Diese so genannten Psychoanalytiker sind in einem unkontrollierbaren Vakuum, in dem sie nach belieben Patienten ausbeuten können. Als Patient hat man keine Möglichkeit. Eine Krähe hackt der anderen das Auge nicht aus. Nach dieser Therapie damals mußte ich in die Psychiatrie. Die Ärztin dort schien zu wissen, was mit mir passiert war, aber sie gab mir die Schuld", berichtete eine Patientin über ihre Traumatisierung gegenüber PSYCHOTHERAPIE.
Ein anderes Opfer eines triebkranken Psychotherapeuten schrieb an PSYCHOTHERAPIE: "Vielleicht können Sie mir helfen, mir wenigstens Mut geben, mit meiner Therapeutin das zu besprechen, was in meiner letzten Therapie geschehen ist - mit meinem damaligen Therapeuten. Ich war wohl die erste, die Gefühle empfand. Ersatzvatersuche allerdings. Hypnosetherapie. In Hypnose fütterte er mich mit Situationen: ich und er nackt auf einer Insel, Sex etc. Es dauerte nicht lange, daß er in Realität die Initiative ergriff und wir ein Verhältnis begannen. In einer Klinik. Ich war total durcheinander. Ich wollte das nicht. Es war meine erste Therapie. Er sagte immer, ich solle ihm vertrauen, es würde gut sein und so weiter ... Ich hätte gehen sollen und können. Aber er war in meinen Augen der beste Therapeut ... über die Wochenenden heimlich in seiner Wohnung. Versteckspielen in der Klinik. Ich haßte das. Zum zweiten Aufenthalt sagte ich: nein! Da läuft nichts. Er: Ganz oder gar nicht! Wieder hatte ich nicht den Mut zu gehen. Ich versuchte, wegzudriften, ES zu überstehen, um weiter Therapie machen zu können. Aber ich bin nicht gegangen. Und das hätte ich tun müssen! Für seinen extremen Arbeitsaufwand sollte ich ihm dankbar sein. Ich fuhr tatsächlich mit ihm weg. Urlaub. Unter der Bedingung: kein Sex! Ich vertraute ihm. Dann kam die Nacht, wo er es einfach tat, stundenlang, und ich nur dalag und mich auflösen mußte, wollte, und er immer weiter machte ... Verstehen Sie, ich hab inkonsequent gehandelt. Vielleicht war mein Nein, mein Kampf und alles nicht deutlich genug. So was macht man nicht, wenn man nichts will von jemandem, mit ihm wegfahren usw. Ich durchlebe jeden Tag seit 1 1/2 Jahren einen kleinen Alptraum. Haß und Selbsthaß. Schuldgefühle. Ekel. Authentische Erinnerung. Ich habe Angst, meine Therapeutin könnte sagen: das war Ihre eigene Verantwortung!"
Ein weiterer Aspekt der Untersuchung der Kölner Psychologen liegt in den rechtlichen Möglichkeiten und Chancen für die Opfer. Besonders wenn es sich um einen anerkannten und auch in Fachkreisen renommierten Psychotherapeuten handelt, ist es für die Patientinnen oft schwer, ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen. Es gibt während einer Therapie keine Zeugen, zudem befinden sich die Opfer meist in einer konfusen seelischen Situation. Selbst Psychotherapeutinnen werden während ihrer Ausbildung oder eigener Therapiebedürftigkeit regelmäßig Opfer eines "kollegialen Missbrauchs". Erfahrungen wie die hier zitierten sind daher sehr viel häufiger als gemeinhin angenommen wird.
Falsche Scham und ungerechtfertigte Schuldgefühle hindern Betroffene oft, diese traumatische Erfahrung zu überwinden. "Danke, dass Sie vor Missbrauch durch Therapeuten so klar und offen warnen", hieß es in einem Schreiben an PSYCHOTHERAPIE. "Ich denke oft an den Analytiker, der - schwanzgesteuert - meine Karriere, meine Gesundheit, mein Leben zerstörte und noch immer fröhlich weiterpraktiziert, in Ihren Kreisen so sehr anerkannt, dass KollegInnen es ablehnten, mein Trauma mit mir zu bearbeiten. Traurig..."
Übereinstimmend erlebten die Patientinnen der Kölner Studie es aber als hilfreich, aus der Ohnmacht des Opfers herauszutreten und gegen die Täter aktiv zu werden. Paragraf 174c des Strafgesetzbuches (StGB) stellt den "sexuellen Missbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses" unter Strafe: "Wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut ist, unter Missbrauch des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt," heißt es im StGB, "wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."
Da diese Formulierung in Bezug auf eine Psychotherapie allerdings selten griff, ist erst seit wenigen Jahren der besondere Schutz der psychotherapeutischen Beziehung im Absatz 2 des Paragrafen 174c StGB explizit erfasst: "Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut ist, unter Missbrauch des Behandlungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt."
Inzwischen ist durch den Gesetzgeber mit dem zum 01.01.1999 in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetz auch die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" unter strafrechtlichen Schutz gestellt worden und nur Behandlern vorbehalten, die nach einem erfolgreichen Universitäts- oder Hochschulstudium und anschließender psychotherapeutischer Ausbildung ihre Qualifikation in einem staatlichen Approbationsverfahren nachgewiesen haben. Die Qualität der Psychotherapien unterliegt jedoch nach wie vor geringer oder keiner Kontrolle von unabhängiger Seite. Zudem ist vom Gesetzgeber mit der ungeschützten Bezeichnung "Psychotherapie" eine gefährliche Lücke gelassen worden, die eine Orientierung der Hilfesuchenden erschwert: Unqualifizierte "Heiler" und gefährliche Scharlatane dürfen weiterhin Psychotherapie anbieten.
Die Berner Zeitung berichtete am 17.05.2000 von einem 57-jährigen Bauingenieur, der "schon immer von einer Karriere im psychologischen Bereich geträumt" hatte. "Da kam ihm der gegenwärtige Esoterikboom gerade recht. Er besuchte Kurse und nannte sich fortan Psychologe. Während mehrerer Jahre bot er via Internet oder im Telefonbuch in seiner 'Praxis für Lebensberatung' ein wahres Sammelsurium alternativer Heilpraktiken an: Astrologie, Akupunktur und energetische Körperarbeit beispielsweise."
"Wer zu ihm kam", berichtete die Zeitung, "brauchte Hilfe und befand sich in einer Notlage. Frauen mit Magersucht, Depressionen, Bulimie oder Migräne suchten den 57-jährigen deshalb auf. Doch die Frauen, die auf professionelle Hilfe vertrauten, wurden Opfer ziemlich 'unorthodoxer Behandlungsmethoden': mit Massagen im Intimbereich, Oral- und zweimal auch Geschlechtsverkehr 'behandelte' der Sex-Therapeut seine Patientinnen."
Die Autoren der Kölner Studie warnen davor, das Problem in der Öffentlichkeit auf spektakuläre Einzelfälle zu reduzieren und zu emotionalisieren, was den Blick auf die Lösung dieses Problems verstellen würde. Insgesamt ist die Zahl der Opfer von sexuellem Missbrauch in der Therapie bisher jedoch eher unterschätzt worden (siehe auch Lese-Tipp Websprechstunde "Orgasmus aus Angst und Leiden").
Auch außerhalb der Psychotherapie ergaben neue Studien "ein deprimierendes, überraschendes Ergebnis": Jede fünfte Frau ist im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt geworden, meist im Kinder- oder Jugendalter, berichtete der Münchner Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Prof. Günther Kindermann, am 15.06.2000 in München. Der Gynäkologe stellte beim 53. DGGG-Kongress zwei neue Studien vor, die mit mehr als 4.300 Fällen die weltweit bislang umfangreichsten Untersuchungen zu dem Thema "Sexuelle Gewalt an Frauen" seien.
Die Kölner Psychologen schlossen ihre Untersuchung mit der Feststellung: "Für die Psychotherapie stellt der Missbrauch ein Problem dar, das ihre Fundamente grundsätzlich in Frage stellt".
Dietmar G. Luchmann, selbst Psychotherapeut, bietet als Herausgeber von PSYCHOTHERAPIE betroffenen Frauen und Männern bei striktem Datenschutz und Persönlichkeitsschutz Hilfe an, aus der Ohnmacht dieser Situation herauszutreten (siehe Verknüpfung zum Leserbrief-Formular). Luchmann gehört keinem deutschen Psychotherapeutenverband an, "weil der unkritische Lobbyismus deutscher Psychotherapie-Verbände an Missbrauch und Körperverletzung der Patienten grenzt", wie er feststellt.
Seit PSYCHOTHERAPIE den regelhaften sexuellen Missbrauch in der Psychotherapie öffentlich zu thematisieren begonnen hat, sind in der Redaktion viele Berichte eingegangen, die sehr betroffen machen. Oft ist die Angst der Betroffenen jedoch so groß, dass sie selbst der Redaktion gegenüber anonym bleiben wollen. Das ist kein hilfreicher Weg: PSYCHOTHERAPIE behandelt alle Informationen streng vertraulich, anonyme Schreiben können aber nicht berücksichtigt werden.
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