© PSYCHOTHERAPIE 03.10.2000Erotik und Sexualität zwischen Genuss und Erbrechen"Sex ist der genussvollste Weg, um Kalorien zu verbrennen" Erotische Liebhaber, geile Psychoanalytiker und ihre Tischsitten
VON GOTTLIEB SEELEN
"Ich kann entweder viele Frauen vögeln oder Politiker werden. Ich habe mich entschieden, nicht Politiker zu werden", sagte einmal der amerikanische Filmschauspieler Warren Beatty ("Fieber im Blut", 1960). Wo die Politik auf den Hund und das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein zu Tode kommen, interessieren sich in der Single-Gesellschaft viele mehr für die Fragen der praktischen Vereinigung. Allen wichtigen Fragen voran die eine: Mit wem mach ich's? "Eine schöne Frau, die mir begegnet", erklärte ein erfolgreicher amerikanischer Psychotherapeut, "würde ich entschieden davon abhalten, bei mir eine Psychotherapie zu beginnen. Nach den APA-Regeln müsste ich sonst zwei Jahre nach der letzten Therapiestunde warten, bis ich lustvoll nicht nur ihre Psyche, sondern auch ihren Körper verkosten könnte." Wer das Abstinenzgebot der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft (APA) missachtet, findet sich regelmäßig ausgestoßen und in den Verbandsmitteilungen namentlich gebrandmarkt.
Anders hierzulande: Zu den Tischsitten deutscher Psychoanalytiker scheint es hingegen zu gehören, ihre Patientinnen regelhaft nach Bulimie-Art als Dessert zu flambieren. "Sie hatten von Anfang an an nichts anderem Interesse als an meiner Sexualität. Ihre vorübergehende Freundlichkeit galt nur dem einen Ziel, mich zum Thema Sexualität zu bringen", beschreibt Annelie Dott, selbst Psychotherapeutin, ihre eigenen ungenießbaren Therapieerfahrungen mit Psychoanalytikern: "Er hat mich mit seiner Zärtlichkeit abhängig gemacht, ausgenutzt und fortgeworfen, als er mich nicht mehr brauchte." Viel zu spät erst ist der Preis für die perverse sexuelle Verkostung von Patientinnen in Paragraf 174c des Strafgesetzbuches "mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe" ausgewiesen worden.
Doch auch andere Gründe mindern heute den Appetit auf erotische Menüs a la "Flambierte Frau": "Die Quickies sind out", erklärte Beate Uhse unlängst. "Die schnelle Nummer auf der Dienstreise oder im Urlaub macht im Aids-Zeitalter kein vernünftiger Mensch mehr. Man ist häuslicher geworden." Allenfalls ein erotisches Essen ist drin - als persönliches Assessment Center gewissermaßen.
Frauen, die differenziertere Wünsche haben als Madonna, können beim Candle-Light-Dinner aus den Tischsitten der Herren auf deren Bettqualitäten schließen. Madonna meinte schlicht, "Ich bevorzuge junge Männer. Sie wissen zwar nicht, was sie tun - aber sie tun es die ganze Nacht." Ein vorausgehender ausgiebiger "Lover-Test" mit Messer und Gabel könne jedoch sehr viel über einen Menschen preisgeben, sagte der Psychologe Alfred Gebert von der Fachhochschule des Bundes (Münster) der Zeitschrift "Freundin".
So habe der Ess-Typ "Kanalbauer" Spaß, wenn er der Sauce auf dem Teller zusehe, wie sie ihre Bahnen zwischen Püree und Steak suche. Ein "Kanalbauer" sei idealer Partner für die Familienplanung. Im Bett sei er verständnisvoll, einfühlsam und kreativ.
Der "Kaiserhappen-Horter" hebe das Beste immer bis zum Schluss auf. Dieser Mann liebe Genuss und Perfektion. Er konzentriere sich aber sehr auf sich - auch im Bett. Eher konservativ sei der "Vorher-Würzer". Speisen würden bei ihm immer erst gewürzt und dann probiert. Für ihn sei die traditionelle Rollenverteilung erfunden worden.
Der "Resteverwerter" verschlinge nicht nur das Deko-Salatblatt, sondern quasi auch die Reste seines Gegenübers. Dieser Esser sei treu und anhänglich, neige aber manchmal dazu, seine Partnerin regelrecht zu erdrücken. "Sein großes Plus: In Sachen Sex absolut experimentierfreudig."
Der "Pürierstab" esse wie in seiner Kindheit und mixe alles durcheinander. Allerdings tendiere er auch im Bett zum Einheitsbrei, sei aber mit dem richtigen Liebesrezept und ein wenig Ausdauer zu einem Sex-Gourmet verwandelbar.
"Erotik ist Überwindung von Hindernissen", wusste der österreichische Aphoristiker Karl Kraus. "Das verlockendste und populärste Hindernis ist die Moral". Auf gesellschaftliche Regeln - auch bei der Erotik - pfeife daher der "Feinschnitzer". Er zerschnippele alles feinsäuberlich und genieße Bissen für Bissen. Für eine Partnerschaft mit ihm brauche man starke Nerven, doch werde es nie langweilig.
Jack Nicholson, amerikanischer Schauspieler und bekannt aus "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975), fasste in Worte, was auch die Wissenschaft als äußert gesund empfiehlt: "Sex ist der genussvollste Weg, um Kalorien zu verbrennen." - Auf Wunsch nach bestandenem Dinner.
"Wer Sex als Nahverkehr aufgibt und ihn nur telematisch ausübt, erlernt einen höheren Abstraktionsgrad", weist Peter Weibel, österreichischer Künstler und seit 1999 Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, einen alternativen Weg zum kulinarischen "Lover-Test". Beim Orgasmus ausgeschüttete Sexualhormone, die eine stärkere Fettverbrennung fördern, brauchen auf abstrakteren Ebenen der virtuellen Erotik nicht zu fehlen. "Auch die Onanie hat Vorzüge", bemerkte der deutsche Liedermacher und Sänger Konstantin Wecker: "Dieses hastige Rein-Raus ist doch furchtbar."
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