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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Liebe und Sexualität driften nach Ansicht von Wissenschaftlern auseinander - Fundament der Ehe ist die "kleine Perversion"

Frankfurt/Main (08.10.2000) - Liebe und Sex driften nach Ansicht von Wissenschaftlern immer weiter auseinander. "Der Wunsch, dass beides zusammenkommt, ist noch immer sehr stark, aber es gelingt immer seltener", sagte Prof. Volkmar Sigusch, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualwissenschaft (DGfS) in einem Gespräch am Rande der Jubiläums-Tagung zum 50-jährigen Bestehen der Fachgesellschaft. Vom 6. bis 8. Oktober blickten die in der DGfS verbundenen Sexualwissenschaftler in Frankfurt auf "Vergangenheit und Gegenwart der Sexualforschung" - so das Thema der Tagung.

Die "moralische Grundanforderung" an eine Beziehung habe sich auf wenige Punkte reduziert, sagte Sigusch. "Im Kern heißt die Regel: den anderen lieben und ihm treu sein." Weil die Begriffe aber so eng gekoppelt seien, funktioniere das eine nur mit dem anderen. "Das Bett ist das Barometer der Ehe", wie es der französische Romancier Honoré de Balzac (1799-1850) in seiner "Physiologie der Ehe" auf den Punkt brachte. Das heißt: Wenn das Gefühl des Verliebtseins nachlässt, haben viele Menschen nicht mehr das Gefühl, auch treu sein zu müssen.

Wohl deshalb schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900): "Die Ehe ist die verlogenste Form des Geschlechtsverkehrs, und eben deshalb hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite" (Unschuld des Werdens). In einer breit angelegten Untersuchung will Sigusch, der auch Direktor des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft ist, nun herausfinden, wie es manchen Paaren dennoch gelingt, jahrzehntelang ein erfülltes Sexualleben zu haben. Seine These lautet: "Sie verbindet eine kleine Perversion." Wissenschaftlich wird der Begriff "pervers" nicht im Sinne von "abnorm" gebraucht, sondern meint eine lebenslange und beide Partner verbindende Begeisterung für eine bestimmte Sache, "zum Beispiel für eine bestimmte sexuelle Spielart, das Geräusch des Atems, den Geruch oder auch die Form der Nasenflügel". Sigusch zufolge laufen solche Mechanismen immer unbewusst ab. Gerade deshalb könnten sie für das lebenslange gegenseitige Begehren eines Paares verantwortlich sein.

Die steigenden Scheidungszahlen erklärt Sigusch auch unkonventionell mit der gestiegenen Lebenserwartung: "Die Ehe wurde zu einer Zeit erfunden, als die Menschen wenige Jahre miteinander lebten. Heute soll ein Paar viele Jahrzehnte miteinander auskommen. Das hält diese Institution nicht aus." Eine Entwicklung, der Simone de Beauvoir (1908-1986), die französische Schriftstellerin und langjährige Lebensgefährtin von Jean-Paul Sartre, bereits eine Lösung gewiesen hatte: "Da die Ehe die körperliche Liebe im Allgemeinen nicht mit einschließt, schiene es vernünftig, das eine unverblümt vom andern zu trennen" (Das andere Geschlecht).

Den Vorstoß der Bundesregierung, außerhalb der Ehe nur homosexuelle Paare rechtlich gleichzustellen, hält Sigusch folgerichtig für falsch: "Die gleichen Rechte müssten auch für heterosexuelle Paare gelten, die nicht heiraten wollen."

Das Internet sieht Sigusch nicht als Gefahr für das "reale" Sexualleben, im Gegenteil: "Über das Netz schaffen es viele Menschen, aus ihrer Einsamkeit herauszukommen", glaubt er. Erotische Chat-Rooms hätten auch den Zweck, einen realen Partner zu finden. Das Spielerische des Mediums, bei dem man schreibend nicht nur Name und Alter, sondern mühelos auch Geschlecht und Lebensgeschichte verändern kann, rege die Fantasie an und wirke im besten Fall auch im realen Leben befreiend.

Nur in seltenen Fällen führe das virtuelle Wechselspiel zu einer "Zersetzung" der Persönlichkeit. "Das kommt nur bei Menschen vor, die ohnehin instabil sind. Sie wären auch ohne die Internet-Erfahrung krank geworden." Das gleiche gilt Sigusch zufolge bei Internet-Sex-Sucht: "Die Betroffenen sind in erster Linie süchtig und werden erst dann Opfer eines bestimmten Mediums."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 08. Oktober 2000]

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