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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Der Coolidge-Effekt oder die Chemie der erlahmenden Libido: Dopamin-Ebbe im Gehirn verleidet Männchen die Lust am Sex mit der Gleichen

Frankfurt/Main (08.10.2000) - Von Rolf Degen. Was Jane Goodall das Herz bricht, ist fast jeder Frau schon einmal widerfahren: Nach Wochen gemeinsamen Liebestaumels, in denen Seelenverwandtschaften entdeckt und Zukunftspläne geschmiedet wurden, macht sich der angehimmelte Lover plötzlich rar. Er bittet um Bedenkzeit, stammelt abstruse Erklärungen und setzt sich schliesslich gänzlich zu einer anderen ab.

Doch die Ich-Erzählerin in dem US-Bestsellerroman "Alte Kuh - Neue Kuh" von Laura Zigman (Goldmann Verlag, München 1998), deren Name bewusst an die berühmte Affenforscherin anspielt, wird bald aus ihrem heulenden Elend erlöst. Bei der Lektüre der Wissenschaftsbeilage der New York Times stösst sie auf einen Beitrag über das Paarungsverhalten von Zuchtstieren, der ihr mit einem Schlag den totalen Einblick in die dunkle Seite der männlichen Natur gewährt.

In dem Artikel wird der Coolidge-Effekt beschrieben - der Widerwillen des Bullen, mehrmals die gleiche Kuh zu besteigen. Mit fieberhafter Entschlossenheit widmet sich die Gedemütigte fortan der Erforschung dieses Phänomens, das sie unter dem Codenamen "Neue Kuh" in diversen Talkshows und TV-Sendungen verbrät. "Neue Kuh ist die Kurzform für Neue-Kuh-Theorie und dies wiederum die Kurzform für Alte-Kuh-Neue-Kuh-Theorie, was wiederum nichts anderes als die Kurzform für die traurige Tatsache ist, dass Männer Frauen verlassen und nie mehr zurückkommen, weil sie nämlich immer nur das eine wollen: eine neue Kuh."

Coolidge-Effekt an allem schuld?

Doch es ist auch für die Männer selbst eine der grausamsten Erfahrungen des Lebens, dass die atemberaubenden Momente sexueller Erregung durch den schäbigen Gewohnheitseffekt zu einer leidenschaftslosen Routine verkommen können. Jetzt hat wenigstens in der realen Welt die Erforschung des Coolidge-Effekts einen Sprung nach vorne gemacht. Tief im Gehirn der männlichen Ratte konnten Wissenschaftler tatsächlich den Mechanismus dingfest machen, der die Schuld für die Abstumpfung der maskulinen Libido trägt.

Wer war Calvin Coolidge?

Bei allen nur erdenkbaren Tierarten, die daraufhin untersucht wurden, dämmt der wiederholte Geschlechtsverkehr mit dem gleichen Weibchen den sexuellen Appetit des Männchens ein. Doch die Präsentation einer "frischen" Sexualpartnerin bringt schlagartig die eingeschlafene Libido wieder auf Trab. Das Phänomen heisst Coolidge-Effekt, nach dem 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933). Nach einer auch in der Fachliteratur kolportierten, aber nie authentifizierten Anekdote besuchte Mr. Coolidge einst mit seiner Gattin eine Farm, wo Mrs. Coolidge auf einen Hahn aufmerksam wurde, der gerade eine Henne bestieg. Als man ihr mitteilte, der Hahn vollzöge diesen Akt bis zu zwölfmal am Tag, soll sie geantwortet haben: "Sagen Sie das meinem Mann!" Als der Präsident von den Wundertaten erfuhr, fragte er: "Immer mit der gleichen Henne?" Nachdem ihm versichert wurde, es sei jedesmal eine andere, entgegnete er: "Sagen sie das meiner Frau!"

Basis für" Kuhhandel" aufgedeckt

Aus der Sicht der Evolutionsbiologie stellt der Coolidge-Effekt eine rationale Strategie zur Steigerung der genetischen Fitness dar: Weil die Männchen ihren Fortpflanzungserfolg durch den wiederholten Sex mit dem gleichen Weibchen nicht mehren können, existiert in ihrem Gehirn ein Mechanismus, der ihre Libido nach einer Weile auf eine lukrative Alternative - die neue Kuh - umlenkt. In einem Experiment, das in Fachkreisen weltweit für Aufsehen sorgte, hat der Psychologe Dennis F. Fiorino von der kanadischen Universität Vancouver jetzt die biochemische Basis für diesen "Kuhhandel" aufgedeckt (The Journal of Neuroscience, Bd.17, S.4849).

Vergnügungszentrum produziert Dopamin

Die Arbeit beruht auf der Erkenntnis, dass die sexuelle Lust - ebenso wie alle andern Formen der Wonne - einem "Vergnügungsviertel" in der Tiefe des Gehirnes entspringt. Die Rotlichtzone besteht aus einem Nervenstrang, der sich von der Ventral-Tegmentalen-Area (VTA) einem wichtigen Ballungszentrum im primitiven Mittelhirn, über das Zwischenhirn bis zum "Nucleus Accumbens" im Limbischen System erstreckt. Wann immer ein Tier - oder ein Mensch - eine angenehme Erfahrung macht, schütten die Nervenzellen im Lustzentrum ihr Glücksdroge "Dopamin" aus. Auch alle Rauschgifte und euphorisierenden Drogen setzten den Hebel an dieser Stelle an.

Teflonschläuche im Gehirn

Dass Sex das Dopamin hochtreibt, haben Forscher in der letzten Zeit mit Hilfe der "Mikrodialyse" aufgezeigt, bei der Tiere eine Sonde in die kritische Region des Gehirnes gepflanzt bekommen. Mit feinen Teflonschläuchen, die die Beweglichkeit nicht einschränken, werden dann ständig Proben der Gehirnflüssigkeit abgeleitet und in rascher Abfolge analysiert. Die Gegenwart einer empfängnisbereiten Rättin liess den Dopamin-Spiegel der Männchen um 90 Prozent emporschiessen. Bei der anschliessenden Kopulation kletterte der Pegel um weitere zehn Prozent.

Ständig "Frischfleisch" zur Verfügung

Fiorino mass nun kontinuierlich den Dopamin-Spiegel männlicher Ratten, die sich mit einer Rättin »austoben« durften. Nachdem ihr sexueller Elan via Coolidge-Effekt zum Erliegen kam, wurde ihnen eine neue Partnerin mit unverbrauchtem Sex-Appeal beigesellt. Bei der Ansicht des »Frischfleisches« kehrte schlagartig die erlahmte Manneskraft zurück, und die Tiere warfen sich für mehrere neue Runden Sex ins Zeug. Aufschlussreich war indes der Blick auf den Dopamin-Ausstoss. Bei der Gegenüberstellung mit der ersten Partnerin ging der Spiegel der Glücksdroge steil in die Höhe, um während der Kopulation einen weiteren, leichten Kick zu erfahren. Doch mit der abnehmenden Begeisterung flaute auch die Konzentration des Lustmoleküls mächtig ab und fiel nach und nach auf den Ausgangswert zurück. Als dann das neue Weibchen auf der Bildfläche erschien, machte das Dopamin wieder einen steilen Höhenflug. Und dann spulte sich der gleiche Zyklus mit mechanischer Präzision wieder und wieder ab.

Kann Viagra nicht helfen?

Für die Wissenschaftler stellt sich nun die Frage, ob im Gehirn der gleiche Mechanismus abläuft, wenn andere Wonnen des Alltags durch Wiederholung ihren Kick verlieren, zum Beispiel Nahrungsmittel. Ausserdem soll geklärt werden, ob sich der Schwund von Wonne und Dopamin durch biochemische Blocker bremsen lässt. Eins scheint nach Lage der Dinge jetzt schon sicher: Viagra wird diesen Wunsch auf keinen Fall erfüllen. Denn die Potenzpille schlägt "unten" nur an, wenn "oben" im Kopf bereits eine sexuelle Erregung vorhanden ist.

Auch die Coolidge-Expertin Goodall hat am Ende ihrer Forschungen kein Patentrezept gegen den männlichen Triebstau parat. Doch die Lektüre eines evolutionsbiologischen Klassikers gibt ihr eine gewisse Genugtuung: "Das Weibchen sucht sich nicht das Männchen aus, das ihr am besten gefällt, sondern das, das sie am wenigsten abstossend findet", meinte schon Charles Darwin.

© Rolf Degen. Der Beitrag erschien in "Medical Tribune" am 20.08.1999. Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen, Bonn.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 08. Oktober 2000]

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