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© PSYCHOTHERAPIE 21.10.2000
Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie (Teil 2)
Orgasmus aus Angst und Leiden
Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Patientinnen sexuell missbrauchen
Der Dialog mit einer Teilnehmerin des
PSYCHOTHERAPIE-Chats am 20.10.2000, die unter dem Namen Simone fragte, ob
ihre Verliebtheit in ihren Psychoanalytiker nur eine Illusion ist (siehe
Teil 1),
wurde durch einige Zitate aus der Fachliteratur ergänzt von
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| Wichtige rechtliche
Hinweise |
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Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut & Leiter des ABARIS®
Institutes für Psychotherapie, Stuttgart:
Liebe Simone, ergänzend zu unserem Dialog im Chat ein
paar Zitate und Anmerkungen. Eine Psychotherapie ist eine Sondersituation,
in der allein durch das gesetzliche Gebot der Schweigepflicht, das
unverzichtbare Vertrauen und die Bedürftigkeit der Hilfesuchenden eine
Offenheit entsteht, die zu Themen führen kann, die manche Patienten nicht
einmal mit ihren Partnern besprechen. Dieser Kontrast zum Leben außerhalb
des therapeutischen Settings kann Ihre Wahrnehmung und Bewertung des
Psychotherapeuten ebenso wie Ihre Sicht auf die Realität erheblich
verfälschen.
Nimmt man vielen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten den Nimbus des
therapeutischen Settings, so sind sie selbst oft ängstlich, depressiv,
aggressionsgehemmt, hilflos, von psychosomatischen Erkrankungen geplagt und
teilweise unfähig, ihr eigenes Leben zu bewältigen. Viele Patienten erheben
ihre Psychotherapeuten auf den Sockel eines kundigen und selbstlosen
Heilers. Das ist definitiv ein Irrtum! Ein guter Psychotherapeut ist ein
menschlich gefestigter professioneller Dienstleister für psychische
Gesundheit. Schlechte Psychotherapeuten leben ihre eigenen Defizite an ihren
oft hilflosen Patienten aus - und begehen, so weist die Statistik für
Psychiater aus, schließlich acht Mal häufiger Selbstmord als
Durchschnittsbürger.
In einem soeben erschienenen Lehrbuch zur Psychotherapie wird auf die
ungeschminkte Äußerung eines selbst mit sexuellem Missbrauch befassten
Psychoanalytikers hingewiesen, "dass er eine Reihe von gut
ausgebildeten Kollegen kenne, die ihre Freundinnen regelhaft aus ihrer
Patientenklientel rekrutierten" (Reimer u.a., Psychotherapie.
Springer-Verlag, 2000, S. 656). Lesen Sie hierzu auch unseren PSYCHOTHERAPIE
Report "Zudringliche Psychotherapeuten - Sexueller Missbrauch in der
Psychotherapie" vom 14.08.2000.
Insbesondere den Psychoanalytikern wird heute von der psychotherapeutischen
Wirkungsforschung mit Recht vorgehalten, ihren Patienten mit wirkungslosen
Methoden das Geld aus der Tasche zu ziehen und ihr Leiden unnötig zu
verlängern oder zu vergrößern. Bereits im Jahre 1937 stellte der Vater der
Psychoanalyse, Sigmund Freud, zwei Jahre vor seinem Tod in einem Beitrag
unter dem Titel "Die endliche und die unendliche Analyse" in der
Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse (1937, Bd. 23, S. 209-240)
deprimiert fest:
"Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in ihrer eigenen
Persönlichkeit nicht durchweg das Maß von psychischer Normalität erreicht
haben, zu dem sie ihre Patienten erziehen wollen. Gegner der Analyse pflegen
auf diese Tatsache höhnend hinzuweisen und sie als Argument für die
Nutzlosigkeit der analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese
Kritik als ungerechtfertigte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind
Personen, die eine bestimmte Kunst auszuüben gelernt haben und daneben
Menschen sein dürfen wie auch andere. Man behauptet doch sonst nicht, daß
jemand zum Arzt für interne Krankheiten nicht taugt, wenn seine internen
Organe nicht gesund sind; man kan im Gegenteil gewisse Vorteile dabei
finden, wenn ein selbst von Tuberkulose Bedrohter sich in der Behandlung von
Tuberkulösen spezialisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der
lungen- oder herzkranke Arzt wird, insoweit er überhaupt leistungsfähig
geblieben ist, durch sein Kranksein weder in der Diagnostik noch in der
Therapie interner Leiden behindert sein, während der Analytiker infolge der
besonderen Bedingungen der analytischen Arbeit durch seine eigenen Defekte
wirklich darin gestört wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu
erfassen und in zweckdienlicher Weise auf sie zu reagieren. Es hat also
seinen guten Sinn, wenn man vom Analytiker als Teil seines
Befähigungsnachweises ein höheres Maß von seelischer Normalität und
Korrektheit fordert; dazu kommt noch, daß er auch eine gewisse Überlegenheit
benötigt, um auf den Patienten in gewissen analytischen Situationen als
Vorbild, in anderen als Lehrer zu wirken. Und endlich ist nicht zu
vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheitsliebe, d.h. auf die
Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug
ausschließt."
"Es hat doch beinahe den Anschein", resümiert
Sigmund Freud, "als wäre das Analysieren der dritte jener
'unmöglichen' Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein
sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das
Erziehen und das Regieren. Daß der zukünftige Analytiker ein vollkommener
Mensch sei, ehe er sich mit der Analyse beschäftigt hat, also daß nur
Personen von so hoher und so seltener Vollendung sich diesem Beruf zuwenden,
kann man offenbar nicht verlangen. Wo und wie soll aber der Ärmste sich jene
ideale Eignung erwerben, die er in seinem Berufe brauchen wird? Die Antwort
wird lauten: in der Eigenanalyse, mit der seine Vorbereitung für seine
zukünftige Tätigkeit beginnt." (Sigmund Freud, Studienausgabe:
Ergänzungsband, 1975, S.387f.)
"Orgasmus aus Angst und Leiden"
Doch wie, liebe Simone, sieht eine solche
"Eigenanalyse" bei einem Lehranalytiker aus? Ein typisches Beispiel der
sexuellen Ausbeutung, die nicht einmal vor Kolleginnen Halt macht, finden
wir bei Reimer u.a. (2000, S. 656f.) aus einer Publikation der Kore Edition,
Freiburg (Anonyma: Verführung auf der Couch - eine Niederschrift,
1988), zitiert:
"Eine junge Psychologin ... möchte, nachdem sie ihr Diplom
gemacht hat, Analytikerin werden. Sie beschreibt sich vor der Analyse als
kontaktfreudig und gesellig, sie geht viel aus und tanzt gern. Nach der
Zulassung zur psychoanalytischen Ausbildung sucht sie sich einen
Lehranalytiker. Sie genießt die analytischen Flitterwochen, die Nähe und die
Intimität in der Analyse und zum Analytiker. Zu dieser Zeit schreibt sie:
"Er (der Analytiker) wurde für mich der wichtigste Mann auf der Welt; mir
schien als wäre er 'der Mann meines Lebens' ... Und so war die Analyse zum
Mittelpunkt meines Lebens geworden".
Einen ersten Einbruch erlebt sie, als sie die Ehefrau des Analytikers sieht.
Sie ist verletzt und irritiert, wünscht sich aber weiterhin Nähe und Liebe,
auch Triangulierung, indem sie merkt, dass sie zu dritt sein möchte: Sie als
Kind mit Vater und Mutter. Der reale Vater hatte die Familie verlassen, als
sie ein Jahr alt war.
Eines Tages erzählt sie ihm einen Traum: Sie sieht seinen Wagen auf einem
Parkplatz stehen, niemand ist drinnen. Durch die Scheiben sieht sie ein rosa
Hemd von ihm, das ihr schon immer gut gefallen hat. Sie nimmt es an sich,
vergräbt ihr Gesicht darin, atmet seinen Duft, läuft dann schnell fort, um
mit ihrer Beute allein zu sein. Der Analytiker deutet: "Ich weiß, dass Sie
sich schon eine ganze Weile mit meinem Penis beschäftigen." Sie erschrickt
heftig, dreht sich um, sieht ihn an und schreibt: "Es knistert zwischen uns,
eine nur schwer zu ertragende, angenehme Spannung." Nach jener Stunde
verabschieden sie sich beide eher kühl und distanzierter als sonst.
In der Folgezeit phantasiert sie über eine sexuelle Beziehung mit dem
Analytiker, onaniert mit Phantasien an ihn und berichtet darüber in der
Analyse. Er reagiert nicht. Sie beschäftigt sich mit seiner Familie,
phantasiert, ein kleines Mädchen zu sein und reist in seinen Heimatort.
Gleichzeitig zieht sie sich zunehmend von ihren Bekannten und Freunden
zurück. Im dritten Analysejahr, dem "Jahr der Leidenschaft", wie sie es
nennt, lauert sie auf Beweise seiner Liebe. Sie entwickelt den Plan, den
Raum zwischen ihnen zu überwinden, kriecht schließlich in einer
Analysestunde am Boden auf ihn zu, redet über das Näherkommen, berührt ihn
kurz und geht wieder auf ihre Couch zurück. Der Analytiker sagt nichts, sie
hat Schuldgefühle, weil sie meint, den analytischen Pakt gebrochen zu haben.
Die darauf folgende Sitzung beginnt wie gewohnt. Sie legt sich hin und
versucht, sich an die vergangene Stunde zu erinnern, wird aber durch eine
Frage des Analytikers unterbrochen. Er sagt: "Glauben Sie nicht, dass ich
dahinkommen kann, wo Sie sind?" Sie sagt: "Nein." Er sagt: "Sie glauben das
nicht?" Wieder antwortet sie: "Nein." Seine Antwort: "Aber natürlich!" Er
steht auf, geht zu ihr auf die Couch, nimmt sie in die Arme, es kommt zum
Geschlechtsverkehr, sie ist zunächst erstarrt und erschreckt. Man trennt
sich wie immer nach genau 45 Minuten und wie gewohnt: "Au revoir Madame, au
revoir Monsieur." In der folgenden Stunde will sie den Analytiker umarmen,
er weist sie aber zurück und schickt sie auf die Couch.
Den Rest dieses Dramas nur in ein paar Sätzen: Die sexuellen Beziehungen
gehen weiter, zuerst auf der Couch, später in einem, so glaubt sie, speziell
für sie eingerichteten Nebenzimmer. Sie ist zunächst glücklich und
phantasiert ein Leben mit ihm. In langen Pausen zwischen den intimen
Kontakten geht die Analyse weiter, sie ist darüber verunsichert und
verwirrt. Die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund außerhalb der Analyse
scheitert. Die Analyse gerät schließlich in eine Sackgasse: Sie erlebt
zunehmend psychosomatische Dekompensationen z.T. mit subjektiv
lebensbedrohlichem Charakter. Sie entwickelt einen Medikamentenabusus,
trinkt auch vermehrt Alkohol, und so geht die Analyse langsam zu Ende. Sie
wartet allerdings immer noch auf eine reale Beziehung zu ihm.
Dementsprechend trifft sie ihn auch nach der Analyse immer wieder, wobei
aber immer er Zeitpunkt und Ort der Treffen bestimmt. In diesen kurzen
Episoden kommt es zu sexuellen Intimitäten, er bleibt jedoch unerreichbar
für sie.
Aus der ursprünglich lebensfrohen jungen Frau ist eine schwer ängstliche,
von Panikattacken und Isolierung gequälte Frau geworden, die später in einer
zweiten Therapie versucht, ihr Analyseschicksal aufzuarbeiten. Dabei hatte
sie lange Zeit große Angst vor der Übertragung, und dementsprechend
beherrschten Misstrauen und Ängstlichkeit lange Zeit das Klima in dieser
Zweittherapie."
Ich bin sicher, liebe Simone, dieses Schicksal werden Sie sich nicht antun
wollen. "Im Grunde hatte sich mein ... Psychoanalytiker
eine angenehme Rolle ausgesucht", heißt es in der Niederschrift der "Verführung
auf der Couch": "Von Genuß zu Genuß, von Lust zu Lust
lockte er mich auf den Treibsand, der sein Opfer nicht mehr freigibt, in den
ich tiefer und tiefer versank. Tropfenweise flößte er die Droge ein und
machte mich süchtig. Tropfenweise stieg die Angst bis zu dem kritischen
Punkt, an dem alles explodieren mußte ... nach diesem Orgasmus aus Angst und
Leiden".
Das zitierte Beispiel illustriert die drastische
Verletzung ethischer Prinzipien in der Psychotherapie: Die Patientin
wurde nicht darin gefördert, Autonomie zu erwerben, sondern sie wurde
abhängig gemacht. Ihr wurde nicht geholfen, sondern sie wurde sexuell
ausgebeutet und missbraucht. Ihr wurde vielfacher Schaden zugefügt und ihre
Beziehungen zu Menschen und der Wirklichkeit außerhalb der Psychoanalyse
wurden schwer beschädigt oder zerstört.
Sofern zu diesem Thema in der wissenschaftlichen Literatur ernstzunehmende
Untersuchungen berichtet werden, wird immer wieder auf die gravierenden
Schäden des therapeutischen Missbrauchs hingewiesen, der keineswegs immer
ein explizit sexueller zu sein braucht. Über ein Drittel aller betroffenen
Patientinnen und Patienten litt in der Folge an zunehmender Depressivität
und emotionalen Störungen, Verlust von Motivation und sozialen Beziehungen,
suizidalen Gedanken oder suizidalem Verhalten, Alkohol- und
Drogenmissbrauch. Bei allen Betroffenen finden sich fast
ausnahmslos negative Folgen in irgendeiner Form. Viele Betroffene und
Opfer schweigen voller Scham und falscher Schuldgefühle - zu Unrecht.
Nur die beharrliche Aufklärung vermag dem Treiben verantwortungsloser
Psychotherapeuten (und Psychotherapeutinnen) Grenzen zu setzen. Schreiben
Sie an "PSYCHOTHERAPIE", falls Sie solche Erfahrungen gemacht haben (siehe
Info-Kasten Leserbriefe).
Lesen Sie im
Teil 1 den Dialog mit "Simone" im Chat Room von PSYCHOTHERAPIE.
Sprechstunde
> Inhaltsübersicht
Orgasmus aus
Angst und Leiden: Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Klientinnen sexuell
missbrauchen.
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie: Verliebt in den
Psychoanalytiker oder gefährlicher Illusion erlegen?
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Flugangst-Seminare als "Placebo des Jahrhunderts": Wie man die Flugangst
wirklich loswerden kann
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Statt
Psychotherapie seit fast zwei Jahren nur Tabletten: Das kann nicht alles sein!
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Deutsche Universitätskliniken: Psychotherapeutisch wird an ihnen "regelhaft
schlechter behandelt"
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Profi oder Scharlatan? Wie man die besten
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten findet
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Fragen Sie Doktor
Abaris®: Die Psychotherapie-Sprechstunde im Internet
Lesen Sie diese Einleitung und beachten Sie die
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