PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 21.10.2000

Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie (Teil 2)

Orgasmus aus Angst und Leiden
Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Patientinnen sexuell missbrauchen

Der Dialog mit einer Teilnehmerin des PSYCHOTHERAPIE-Chats am 20.10.2000, die unter dem Namen Simone fragte, ob ihre Verliebtheit in ihren Psychoanalytiker nur eine Illusion ist (siehe Teil 1), wurde durch einige Zitate aus der Fachliteratur ergänzt von

   
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Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut & Leiter des ABARIS® Institutes für Psychotherapie, Stuttgart
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Liebe Simone, ergänzend zu unserem Dialog im Chat ein paar Zitate und Anmerkungen. Eine Psychotherapie ist eine Sondersituation, in der allein durch das gesetzliche Gebot der Schweigepflicht, das unverzichtbare Vertrauen und die Bedürftigkeit der Hilfesuchenden eine Offenheit entsteht, die zu Themen führen kann, die manche Patienten nicht einmal mit ihren Partnern besprechen. Dieser Kontrast zum Leben außerhalb des therapeutischen Settings kann Ihre Wahrnehmung und Bewertung des Psychotherapeuten ebenso wie Ihre Sicht auf die Realität erheblich verfälschen.

Nimmt man vielen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten den Nimbus des therapeutischen Settings, so sind sie selbst oft ängstlich, depressiv, aggressionsgehemmt, hilflos, von psychosomatischen Erkrankungen geplagt und teilweise unfähig, ihr eigenes Leben zu bewältigen. Viele Patienten erheben ihre Psychotherapeuten auf den Sockel eines kundigen und selbstlosen Heilers. Das ist definitiv ein Irrtum! Ein guter Psychotherapeut ist ein menschlich gefestigter professioneller Dienstleister für psychische Gesundheit. Schlechte Psychotherapeuten leben ihre eigenen Defizite an ihren oft hilflosen Patienten aus - und begehen, so weist die Statistik für Psychiater aus, schließlich acht Mal häufiger Selbstmord als Durchschnittsbürger.

In einem soeben erschienenen Lehrbuch zur Psychotherapie wird auf die ungeschminkte Äußerung eines selbst mit sexuellem Missbrauch befassten Psychoanalytikers hingewiesen, "dass er eine Reihe von gut ausgebildeten Kollegen kenne, die ihre Freundinnen regelhaft aus ihrer Patientenklientel rekrutierten" (Reimer u.a., Psychotherapie. Springer-Verlag, 2000, S. 656). Lesen Sie hierzu auch unseren PSYCHOTHERAPIE Report "Zudringliche Psychotherapeuten - Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie" vom 14.08.2000.

Insbesondere den Psychoanalytikern wird heute von der psychotherapeutischen Wirkungsforschung mit Recht vorgehalten, ihren Patienten mit wirkungslosen Methoden das Geld aus der Tasche zu ziehen und ihr Leiden unnötig zu verlängern oder zu vergrößern. Bereits im Jahre 1937 stellte der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, zwei Jahre vor seinem Tod in einem Beitrag unter dem Titel "Die endliche und die unendliche Analyse" in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse (1937, Bd. 23, S. 209-240) deprimiert fest:

"Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in ihrer eigenen Persönlichkeit nicht durchweg das Maß von psychischer Normalität erreicht haben, zu dem sie ihre Patienten erziehen wollen. Gegner der Analyse pflegen auf diese Tatsache höhnend hinzuweisen und sie als Argument für die Nutzlosigkeit der analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese Kritik als ungerechtfertigte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind Personen, die eine bestimmte Kunst auszuüben gelernt haben und daneben Menschen sein dürfen wie auch andere. Man behauptet doch sonst nicht, daß jemand zum Arzt für interne Krankheiten nicht taugt, wenn seine internen Organe nicht gesund sind; man kan im Gegenteil gewisse Vorteile dabei finden, wenn ein selbst von Tuberkulose Bedrohter sich in der Behandlung von Tuberkulösen spezialisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der lungen- oder herzkranke Arzt wird, insoweit er überhaupt leistungsfähig geblieben ist, durch sein Kranksein weder in der Diagnostik noch in der Therapie interner Leiden behindert sein, während der Analytiker infolge der besonderen Bedingungen der analytischen Arbeit durch seine eigenen Defekte wirklich darin gestört wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu erfassen und in zweckdienlicher Weise auf sie zu reagieren. Es hat also seinen guten Sinn, wenn man vom Analytiker als Teil seines Befähigungsnachweises ein höheres Maß von seelischer Normalität und Korrektheit fordert; dazu kommt noch, daß er auch eine gewisse Überlegenheit benötigt, um auf den Patienten in gewissen analytischen Situationen als Vorbild, in anderen als Lehrer zu wirken. Und endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheitsliebe, d.h. auf die Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt."

"Es hat doch beinahe den Anschein", resümiert Sigmund Freud, "als wäre das Analysieren der dritte jener 'unmöglichen' Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren. Daß der zukünftige Analytiker ein vollkommener Mensch sei, ehe er sich mit der Analyse beschäftigt hat, also daß nur Personen von so hoher und so seltener Vollendung sich diesem Beruf zuwenden, kann man offenbar nicht verlangen. Wo und wie soll aber der Ärmste sich jene ideale Eignung erwerben, die er in seinem Berufe brauchen wird? Die Antwort wird lauten: in der Eigenanalyse, mit der seine Vorbereitung für seine zukünftige Tätigkeit beginnt." (Sigmund Freud, Studienausgabe: Ergänzungsband, 1975, S.387f.)

"Orgasmus aus Angst und Leiden"

Doch wie, liebe Simone, sieht eine solche "Eigenanalyse" bei einem Lehranalytiker aus? Ein typisches Beispiel der sexuellen Ausbeutung, die nicht einmal vor Kolleginnen Halt macht, finden wir bei Reimer u.a. (2000, S. 656f.) aus einer Publikation der Kore Edition, Freiburg (Anonyma: Verführung auf der Couch - eine Niederschrift, 1988), zitiert:

"Eine junge Psychologin ... möchte, nachdem sie ihr Diplom gemacht hat, Analytikerin werden. Sie beschreibt sich vor der Analyse als kontaktfreudig und gesellig, sie geht viel aus und tanzt gern. Nach der Zulassung zur psychoanalytischen Ausbildung sucht sie sich einen Lehranalytiker. Sie genießt die analytischen Flitterwochen, die Nähe und die Intimität in der Analyse und zum Analytiker. Zu dieser Zeit schreibt sie: "Er (der Analytiker) wurde für mich der wichtigste Mann auf der Welt; mir schien als wäre er 'der Mann meines Lebens' ... Und so war die Analyse zum Mittelpunkt meines Lebens geworden".

Einen ersten Einbruch erlebt sie, als sie die Ehefrau des Analytikers sieht. Sie ist verletzt und irritiert, wünscht sich aber weiterhin Nähe und Liebe, auch Triangulierung, indem sie merkt, dass sie zu dritt sein möchte: Sie als Kind mit Vater und Mutter. Der reale Vater hatte die Familie verlassen, als sie ein Jahr alt war.

Eines Tages erzählt sie ihm einen Traum: Sie sieht seinen Wagen auf einem Parkplatz stehen, niemand ist drinnen. Durch die Scheiben sieht sie ein rosa Hemd von ihm, das ihr schon immer gut gefallen hat. Sie nimmt es an sich, vergräbt ihr Gesicht darin, atmet seinen Duft, läuft dann schnell fort, um mit ihrer Beute allein zu sein. Der Analytiker deutet: "Ich weiß, dass Sie sich schon eine ganze Weile mit meinem Penis beschäftigen." Sie erschrickt heftig, dreht sich um, sieht ihn an und schreibt: "Es knistert zwischen uns, eine nur schwer zu ertragende, angenehme Spannung." Nach jener Stunde verabschieden sie sich beide eher kühl und distanzierter als sonst.

In der Folgezeit phantasiert sie über eine sexuelle Beziehung mit dem Analytiker, onaniert mit Phantasien an ihn und berichtet darüber in der Analyse. Er reagiert nicht. Sie beschäftigt sich mit seiner Familie, phantasiert, ein kleines Mädchen zu sein und reist in seinen Heimatort. Gleichzeitig zieht sie sich zunehmend von ihren Bekannten und Freunden zurück. Im dritten Analysejahr, dem "Jahr der Leidenschaft", wie sie es nennt, lauert sie auf Beweise seiner Liebe. Sie entwickelt den Plan, den Raum zwischen ihnen zu überwinden, kriecht schließlich in einer Analysestunde am Boden auf ihn zu, redet über das Näherkommen, berührt ihn kurz und geht wieder auf ihre Couch zurück. Der Analytiker sagt nichts, sie hat Schuldgefühle, weil sie meint, den analytischen Pakt gebrochen zu haben.

Die darauf folgende Sitzung beginnt wie gewohnt. Sie legt sich hin und versucht, sich an die vergangene Stunde zu erinnern, wird aber durch eine Frage des Analytikers unterbrochen. Er sagt: "Glauben Sie nicht, dass ich dahinkommen kann, wo Sie sind?" Sie sagt: "Nein." Er sagt: "Sie glauben das nicht?" Wieder antwortet sie: "Nein." Seine Antwort: "Aber natürlich!" Er steht auf, geht zu ihr auf die Couch, nimmt sie in die Arme, es kommt zum Geschlechtsverkehr, sie ist zunächst erstarrt und erschreckt. Man trennt sich wie immer nach genau 45 Minuten und wie gewohnt: "Au revoir Madame, au revoir Monsieur." In der folgenden Stunde will sie den Analytiker umarmen, er weist sie aber zurück und schickt sie auf die Couch.

Den Rest dieses Dramas nur in ein paar Sätzen: Die sexuellen Beziehungen gehen weiter, zuerst auf der Couch, später in einem, so glaubt sie, speziell für sie eingerichteten Nebenzimmer. Sie ist zunächst glücklich und phantasiert ein Leben mit ihm. In langen Pausen zwischen den intimen Kontakten geht die Analyse weiter, sie ist darüber verunsichert und verwirrt. Die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund außerhalb der Analyse scheitert. Die Analyse gerät schließlich in eine Sackgasse: Sie erlebt zunehmend psychosomatische Dekompensationen z.T. mit subjektiv lebensbedrohlichem Charakter. Sie entwickelt einen Medikamentenabusus, trinkt auch vermehrt Alkohol, und so geht die Analyse langsam zu Ende. Sie wartet allerdings immer noch auf eine reale Beziehung zu ihm. Dementsprechend trifft sie ihn auch nach der Analyse immer wieder, wobei aber immer er Zeitpunkt und Ort der Treffen bestimmt. In diesen kurzen Episoden kommt es zu sexuellen Intimitäten, er bleibt jedoch unerreichbar für sie.

Aus der ursprünglich lebensfrohen jungen Frau ist eine schwer ängstliche, von Panikattacken und Isolierung gequälte Frau geworden, die später in einer zweiten Therapie versucht, ihr Analyseschicksal aufzuarbeiten. Dabei hatte sie lange Zeit große Angst vor der Übertragung, und dementsprechend beherrschten Misstrauen und Ängstlichkeit lange Zeit das Klima in dieser Zweittherapie.
"

Ich bin sicher, liebe Simone, dieses Schicksal werden Sie sich nicht antun wollen. "Im Grunde hatte sich mein ... Psychoanalytiker eine angenehme Rolle ausgesucht", heißt es in der Niederschrift der "Verführung auf der Couch": "Von Genuß zu Genuß, von Lust zu Lust lockte er mich auf den Treibsand, der sein Opfer nicht mehr freigibt, in den ich tiefer und tiefer versank. Tropfenweise flößte er die Droge ein und machte mich süchtig. Tropfenweise stieg die Angst bis zu dem kritischen Punkt, an dem alles explodieren mußte ... nach diesem Orgasmus aus Angst und Leiden".

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
Zudringliche Psychotherapeuten
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie ist häufiger als angenommen.


Das zitierte Beispiel illustriert die drastische Verletzung ethischer Prinzipien in der Psychotherapie: Die Patientin wurde nicht darin gefördert, Autonomie zu erwerben, sondern sie wurde abhängig gemacht. Ihr wurde nicht geholfen, sondern sie wurde sexuell ausgebeutet und missbraucht. Ihr wurde vielfacher Schaden zugefügt und ihre Beziehungen zu Menschen und der Wirklichkeit außerhalb der Psychoanalyse wurden schwer beschädigt oder zerstört.

Sofern zu diesem Thema in der wissenschaftlichen Literatur ernstzunehmende Untersuchungen berichtet werden, wird immer wieder auf die gravierenden Schäden des therapeutischen Missbrauchs hingewiesen, der keineswegs immer ein explizit sexueller zu sein braucht. Über ein Drittel aller betroffenen Patientinnen und Patienten litt in der Folge an zunehmender Depressivität und emotionalen Störungen, Verlust von Motivation und sozialen Beziehungen, suizidalen Gedanken oder suizidalem Verhalten, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Bei allen Betroffenen finden sich fast ausnahmslos negative Folgen in irgendeiner Form. Viele Betroffene und Opfer schweigen voller Scham und falscher Schuldgefühle - zu Unrecht.

Nur die beharrliche Aufklärung vermag dem Treiben verantwortungsloser Psychotherapeuten (und Psychotherapeutinnen) Grenzen zu setzen. Schreiben Sie an "PSYCHOTHERAPIE", falls Sie solche Erfahrungen gemacht haben (siehe Info-Kasten Leserbriefe).

Lesen Sie im Teil 1 den Dialog mit "Simone" im Chat Room von PSYCHOTHERAPIE.

Ihre Erfahrungen sind wichtig. Schreiben Sie einen Leserbrief. Hier.

Sprechstunde > Inhaltsübersicht

Orgasmus aus Angst und Leiden: Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Klientinnen sexuell missbrauchen.
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart


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