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Schlafgestörte
verschweigen ihre Sorgen: Unfälle und Depressionen sind die Folge
Göttingen
(27.01.2000) - Jeder zweite Patient mit Schlafstörungen
verschweigt seinem Hausarzt diese Probleme. Zu diesem Ergebnis
kommt eine Studie der Universitäten Göttingen und Freiburg.
"Sie sitzen beim Arzt und glauben, das ist keine ernst zu
nehmende Erkrankung. Fatal ist, dass auch der Arzt nicht danach
fragt", sagte am Mittwoch Dr. Göran Hajak auf einem
Symposium von führenden deutschen Schlafforschern in Göttingen.
In einer weiteren Untersuchung reduzierten Patienten ihren
Schlafmittelverbrauch, indem sie jeweils nach einer Viertelstunde
Schlaflosigkeit aufstanden und sich erst bei Müdigkeit wieder
hinlegten.
Die Forscher, die 2.500 Patienten und ihre Hausärzte befragten,
stellen den Allgemeinmedizinern kein gutes Zeugnis aus: "Für
den häufig überforderten Arzt ist es aufwendig, zwischen
organischen und psychischen Ursachen zu entscheiden. Das kann
nicht in einer Minute abgehandelt werden", meinte Hajak, der
Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Psychiatrischen
Uniklinik in Göttingen ist. Jede dritte Schlafstörung in
Deutschland bleibe daher unbehandelt.
Dies habe Folgen: "Ein ständig gestörter Schlaf ist
Erstzeichen einer kommenden Depression." Wer nachts nicht
schlafe oder Atemprobleme habe, gefährde zudem tagsüber seine
Mitmenschen. "Viele Verkehrs- und Arbeitsunfälle sind auf Müdigkeit
zurückzuführen", erklärte der Neurologe. Übermüdungsbedingte
Unfälle führten in Deutschland zu jährlichen Kosten von
insgesamt etwa 20 Milliarden Mark, teilte Dr. Jürgen Zulley von
der Uniklinik Regensburg mit.
Wichtig sei, die Hausärzte fortzubilden und die Patienten zu
"Schlafexperten in eigener Sache zu machen."
Schlafprobleme dürften in der Familie kein Tabu sein.
"Schlaf ist ein Seismograph der Seele. Gerade für Kinder
sind Störungen eine Möglichkeit, zu zeigen, dass es Spannungen
in der Familie gibt", meinte Hajak.
Zwei Drittel aller Ein- und Durchschlafstörungen seien psychisch
bedingt. Bei Tagesmüdigkeit wegen nächtlicher Atemstörungen könnten
moderne Atemgeräten helfen.
Für chronisch Schlafgestörte haben Experten eine mit reduziertem
Schlafmitteleinsatz kombinierte Verhaltenstherapie entwickelt.
Hajak: "Sie verlangt, wiederholt nach einer Viertelstunde
Wachliegen das Bett zu verlassen und sich nur dann wieder
hinzulegen, wenn man sich richtig müde fühlt." Fast alle
311 Teilnehmer einer Göttinger Pilotstudie hätten davon
profitiert. "Sie nahmen im Schnitt höchstens drei
Schlaftabletten pro Woche ein und verhinderten so eine Abhängigkeit",
sagte der Schlafforscher.
Nach Angaben der DAGS haben mehr als zehn Millionen Deutsche
Schlafstörungen. 2,7 Millionen Betroffene nehmen regelmäßig
Schlafmittel. Wann eine Schlafstörung zum medizinischen Problem
wird, könne jeder leicht überprüfen: "Wer mehr als drei Nächte
pro Woche nicht schlafen kann und das einen Monat lang, sollte den
Arzt aufsuchen."
Die Deutsche Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS) versteht
sich als Bindeglied zwischen medizinischen Fachgesellschaften,
Hausärzten und Patienten. Sie möchte Bürger über die Bedeutung
des Schlafes informieren und Ärzte fortbilden. Dazu verbreitet
sie in Vorträgen und Veröffentlichungen das von den
Fachgesellschaften erarbeitete Wissen über Schlafstörungen. So
sollen neueste Erkenntnisse der Schlafforschung einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich werden.
Die 1999 in Regensburg von 20 führenden deutschen Schlafexperten
gegründete DAGS arbeitet eng mit der Deutschen Gesellschaft für
Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zusammen. Diese setzt
sich seit Jahren für hohe klinische Standards in der Behandlung
von Schlafgestörten ein. Bundesweit gibt es fast 200
Schlafmedizinische Zentren, an die sich die mehr als zehn
Millionen Betroffenen wenden können.
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