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Studie
zum Plötzlichen Kindstod: Mehrheit der Fälle vermeidbar
London
(03.02.2000) - Mehr als 60 Prozent der Fälle von Plötzlichem
Kindstod sind nach einer britischen Studie auf unsachgemäße
Behandlung der Säuglinge zurückzuführen. In der am Mittwoch in
London vorgelegten landesweit bislang größten Untersuchung heißt
es, der Tod im Säuglingsalter trete "überproportional
innerhalb einer geringen Bevölkerungsminderheit" auf.
In der Studie der Stiftung zur Aufklärung des Plötzlichen
Kindstods und dem britischen Gesundheitsministerium wurden 450 Fälle
untersucht. Danach ergibt sich, dass Informationen über die
richtige Behandlung der Säuglinge die betroffenen Bevölkerungsschichten
"offenbar nicht erreichen oder ignoriert" würden. Etwa
sechs Prozent der Fälle gehen auf Misshandlung, Vernachlässigung
und "extrem schlechte Pflege" zurück.
Neben den bekannten Empfehlungen, Babys nicht auf den Bauch zu
legen, in ihrer Nähe nicht zu rauchen und sie vor Überwärmung
zu schützen, geben die britischen Wissenschaftler weitere
Hinweise. Nach ihren Forschungen erhöht sich das Risiko des Plötzlichen
Kindstods um das 50-fache, wenn Säuglinge mit einem Erwachsenen
auf dem Sofa einnicken.
Eltern sollten es vermeiden, nach dem Genuss von Alkohol,
Zigaretten oder der Einnahme von Schlaftabletten ihr Baby mit ins
Bett zu nehmen. In den ersten sechs Monaten schlafe das Baby am
besten im Kinderbett im elterlichen Schlafzimmer.
Der Studie zufolge sind mit 63 Prozent Jungen häufiger vom Plötzlichen
Kindstod betroffen. Die Opfer hätten häufig ein
unterdurchschnittliches Geburtsgewicht und seien oft Frühgeborene.
Besonders gefährdet seien Zwillinge. Die meisten Todesfälle
treten um das Alter von 13 Wochen ein.
Im Jahr 1998 registrierte das Statistische Bundesamt für
Deutschland 602 Fälle von Plötzlichem Kindstod. Seit Anfang der
90er Jahre hat sich die Zahl damit etwa halbiert.
Buchtipp - und hier können Sie
bestellen...
Gruen, Arno: Ein früher
Abschied. Göttingen: Vandenh. u. R.
Dieses Buch legt eine biosoziale Theorie des Plötzlichen
Kindstods vor, die dem Zusammenwirken neurophysiologischer, psychischer
und sozialer Faktoren nachspürt. Wenn ein Baby plötzlich tot im Bettchen
liegt, ohne daß es erkennbar krank war, ist das für die Eltern und die
Familie ein schockierendes Ereignis. Die Medizin hat die Ursachen des Plötzlichen
Kindstods bis heute nicht enträtseln können. Es liegt keine Krankheit
vor im strengen Sinn mit lokalisierbarer Ursache und typischem Verlauf.
Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat einen neuen Ansatz zur Erkundung
dieses Phänomens gewagt und durch eine empirische Untersuchung
untermauert. Seine Erkenntnisse zeigen, daß unsere gesellschaftlichen
Lebensbedingungen - es gibt Kulturkreise, in denen der Plötzliche
Kindstod nicht auftritt - wesentliche Bedingung für dieses Phänomen
sind. Unsere idealisierenden Vorstellungen von der richtigen Mutter- und
Vaterrolle spalten uns von unseren tatsächlich erlebten Gefühlen ab. Wir
verleugnen ganz natürliche und berechtigte aggressive Gefühlsanteile, um
die gesellschaftlichen Rollenerwartungen zu erfüllen. Die ins Unbewußte
gedrängten Gefühle der Eltern verhindern bei den Säuglingen die
Herausbildung jener adäquaten Objektbeziehungen, die gegen Hilflosigkeit
und Apathie schützen. So können psychosomatische Prozesse einsetzen, die
ein Kind direkt mit dem Tod bedrohen. Wenn die seelische Isolation, in die
sich vornehmlich Mütter durch die Anforderungen eines unerfüllbaren
Rollenklischees gedrängt fühlen, durch gezielte Kontakte aufgebrochen
wird, kann der tödlichen Gefahr vorgebeugt werden. |
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