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Wenn
die Seele nicht mitkommt: Ausländer unter psychischem Druck
Bad
Boll (20.02.2000) - Taimir wirkt verängstigt. Der junge
Asylbewerber fühlt sich eingesperrt, einsam und missverstanden.
Zum ersten Mal in seinem Leben hat er wegen einer psychischen
Erkrankung ein Klinikzimmer betreten müssen. Und das in einer für
ihn fremden Welt. Er versteht nicht, was die Ärzte sagen, und
jeder Handgriff der Schwester macht ihm Angst. Auch die
behandelnden Mediziner fühlen sich überfordert: Taimir spricht
nicht ihre Sprache und bringt aus seinem afrikanischen Kulturkreis
ganz andere Erfahrungen mit als deutsche Patienten.
Wie sehr die Flucht aus dem Heimatland und das neue Leben in einer
ihm fremden Welt den jungen Mann belasten, lässt sich nur
erahnen. Wie er haben Heerscharen der schätzungsweise rund 20
Millionen Flüchtlinge auf der Welt Folter, Gewalt und Grauen
erlebt. Bei vielen Entwurzelten kommt die Seele nicht mit in die
neue "Heimat", hieß es jüngst auf einer Tagung, zu der
die Evangelische Akademie im baden-württembergischen Bad Boll zum
Thema "Psychische Erkrankungen bei Ausländerinnen und Ausländern"
eingeladen hatte.
Elisabeth Fries beziffert die Zahl derjenigen, die Zeugen oder
Opfer von Folter geworden sind, auf weltweit eine bis sieben
Millionen Menschen. Von den nach Westeuropa kommenden Flüchtlingen
habe nach internationalen Erhebungen jeder dritte bis vierte
seelische oder körperliche Verletzungen erlitten, betont die
Leiterin von "Refugio", der Kontaktstelle für Folterüberlebende
und traumatisierte Flüchtlinge in der Region Stuttgart. Was diese
Menschen und ihre Familien erlebt haben, so Fries, sei ein
"Zyklus von Schmerz und Leid".
Sprachprobleme und Kulturunterschiede machen es den behandelnden
Ärzten schwer, den Betroffenen zu helfen, sagt Wolfgang Durant,
Arzt am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Der Psychiater stellt bei den
ausländischen Patienten häufig Belastungs- und
Anpassungsreaktionen fest. Zugleich räumt er mit Vorurteilen auf:
Aggressives Verhalten finde sich bei ihnen nicht häufiger als bei
deutschen Patienten mit psychischen Störungen.
Der Experte erinnert an den immensen Druck auf viele von ihnen.
Nach dem Verlust von Familie, Besitz und sozialem Status, nach den
Erfahrungen von Gewalt, müssten etliche im Gastland unter ungünstigen
Bedingungen leben: in engen Wohnungen, ohne Arbeit, den Behörden
und politischen Entwicklungen ausgeliefert. Durant fordert vor
allem externe Dolmetscher und eine Vernetzung der besonderen
Therapieangebote für Ausländer, um sie gut psychiatrisch
versorgen zu können. Denn gerade in der Psychiatrie spielt das
Gespräch mit dem Kranken eine zentrale Rolle.
Auch der Psychotherapeut und Autor Prof. Nossrat Peseschkian sieht
seine Kollegen bei der Behandlung von Menschen aus anderen Ländern
überfordert. Peseschkian, der Therapeuten an der Wiesbadener
Akademie für Psychotherapie fortbildet, erinnert nicht nur an die
sprachlichen Barrieren, sondern auch an die unterschiedlichen
Sitten sowie einen divergierenden Lebensrhythmus und andere Formen
der Verarbeitung von Konflikten. Die Menschen aus dem Orient, sagt
der gebürtige Iraner, hätten eine ungleich viel engere Bindung
an ihre Familien. Nur vor diesem Hintergrund lasse sich der
Schmerz, die Heimat verlassen zu müssen, ermessen.
Unter Diskriminierung und Rassismus haben etwa auch Frauen zu
leiden, die nach Deutschland heiraten, sagt die Soziologin Diana
Ramos Dehn, die mit ihrem deutschen Mann von den Philippinen nach
Europa gezogen ist. "Fehlende Kenntnis, Akzeptanz und
Toleranz der Kultur des anderen gegenüber können leicht zu
Problemen in bi-kulturellen Ehen führen", warnt sie.
Besonderen Belastungen sind die Spätaussiedler ausgesetzt: Jeder
zweite von ihnen kommt im Alter unter 25 Jahren nach Deutschland,
betont Irmgard Jeschawitz als Beauftragte der Württembergischen
Landeskirche für Aussiedlerseelsorge. Sie hätten oft ganz andere
Vorstellungen von Familie und Zusammenleben.
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