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Statt
Psychopharmaka bei Kindern: Bewegung und Diät für den
Zappelphilipp
Hamburg/Stuttgart
(23.02.2000) - Christian treibt seine Mutter regelmäßig an den
Rand des Wahnsinns. Der Achtjährige rutscht auf seinem Stuhl hin
und her, steht plötzlich auf und wirft seinen Teller zu Boden.
"Ich will spielen", schreit er und stampft mit dem Fuß.
"Setz' dich wieder hin", fordert die Mutter. Bis vor
wenigen Wochen hat sich dieses Szenario täglich abgespielt. Doch
heute zappelt Christian dank einer kleinen weißen Pille nicht
mehr und schreibt auch in der Schule bessere Noten.
Wie Christian schlucken mehr als einhunderttausend Kinder in
Deutschland täglich Ritalin. Sie alle haben das so genannte
hyperkinetische Syndrom (HKS). "Betroffenen Kindern gelingt
es nicht, wichtige und unwichtige Reize zu unterscheiden",
sagt Christian Moik, Vorsitzender des Aachener Berufsverbands für
Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie können sich deshalb nicht über
längere Zeit konzentrieren und Informationen aufnehmen. Mit
Ritalin seien die Kinder ruhiger, aufnahmebereiter und könnten
sich besser sozial integrieren.
Neben den Erfolgen birgt das Medikament laut Moik aber auch ernste
Risiken: es könne Depression verursachen und mache bei längerem
Gebrauch psychisch abhängig. Deshalb müsse der Einsatz stets
sorgfältig abgewogen werden. "Die Tablette kann immer nur
eine Krücke in der Therapie sein, da sie nicht heilt, sondern nur
Symptome bekämpft."
Wichtig ist Moik zufolge daher eine konventionelle Behandlung mit
Bewegungstherapie und ein geregelter Tagesablauf, in dem sich die
Kinder leicht zurechtfinden. Nach Meinung von Hanspeter
Goldschmidt, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche an
der Spessart-Klinik in Bad Orb, sollte man hyperaktiven Kinder
viel Bewegung und zugleich Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. In
einer Musiktherapie zum Beispiel könnten sich die Kinder
abreagieren. Auch Mannschaftsportarten wie Fußball und Judo seien
geeignet.
Auf Ernährungsumstellung setzt dagegen Prof. Josef Egger von der
Münchner Universitäts-Kinderklinik Schwabing. "Ritalin
wirkt zwar gut, doch wenn man es absetzt, sind die Probleme die
gleichen", erläutert der Kinderarzt. Etwa 70 Prozent der
Patienten sprechen laut Egger auf eine individuelle Diät an. Die
Kinder werden ruhiger, wenn sie entsprechende Nahrungsstoffe
vermeiden. Es benötige viel Erfahrung, genau herauszuarbeiten,
warum das jeweilige Kind hyperaktiv wird. "Die meisten
Patienten reagieren auf Chemikalien hyperaktiv, einige aber auch
auf Kuhmilch, Weizen, Ei Schokolade oder Zitrusfrüchte."
Möglicherweise wirken die Auslöser direkt auf die Nerven: Es
gebe Hinweise darauf, dass sich die Anzahl der Rezeptoren für den
Nervenbotenstoff VIP (Vasoaktives Intestinales Polypeptid) im Dünndarm
verringert, wenn auslösende Nahrungsmittel aufgenommen werden.
"Auch wir benötigen jedoch bei 20 bis 30 Prozent der
Patienten Ritalin", bemerkt Egger. Das Medikament sei vor
allem nützlich, wenn man eine Situation "entschärfen"
müsse, schiebe an sich das Problem aber auf.
Das Wirkprinzip von Ritalin haben Mediziner noch nicht ganz
entschlüsselt. Wahrscheinlich steigert der Wirkstoff
Methlyphenidat die Wirkung der Nervenbotenstoffe Dopamin und
Noradrenalin im Gehirn. Genau diese Weiterleitung ist bei
HKS-Kindern offenbar gestört und wird durch Ritalin verbessert.
Für Hersteller Novartis ist Ritalin ein einträgliches Geschäft,
da er bundesweit ein Monopol darauf hat. Allein von 1993 bis 1997
hat das Unternehmen den Absatz des Psychopharmakons fast
vervierfacht, schätzt das Bundesinstitut für Arzneimittel in
Berlin.
Vielen Eltern fällt es schwer, ihrem Kind ein solches Mittel zu
geben. "Man hat immer Bauchschmerzen", sagt die Mutter
von Christian. Aber sie habe einen Punkt erreicht, an dem sie mit
ihrem Kind völlig überfordert gewesen sei. Dieses Gefühl kennt
auch die Mutter der 22-jährigen Claudia, die immer noch
Teilleistungsstörungen hat. Auch Claudia hat vor zwölf Jahren
Ritalin bekommen. "Ich hatte für ein paar Stunden ein ganz
anderes Kind", sagt die Mutter, die sich heute in der Kölner
Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung der Kinder mit
Teilleistungsstörungen engagiert. Hier treffen sich in erster
Linie Eltern von Kindern, die noch nicht in der Pubertät sind.
Denn dann verschwindet die Krankheit meist von allein, ohne dass
die Ärzte genau wissen warum.
Claudia hatte dieses Glück nicht: Noch immer hat sie Probleme,
sich über länger Zeit zu konzentrieren. Der Griff zur Tablette
kann ihr heute jedoch nicht mehr helfen, denn bei Erwachsenen
wirkt Ritalin anders als bei Kindern. Doch das hyperkinetische
Syndrom ist bei Erwachsenen kaum untersucht - auch Claudia hat
noch keine geeignete Therapie gefunden. "Wir stehen heute
wieder ganz am Anfang", sagt ihre Mutter resigniert.
Auch in den USA werden Vorschulkindern zunehmend Medikamente gegen
Konzentrationsschwäche, Schlafprobleme oder Depressionen
verordnet. So stieg die Zahl der Zwei- bis Vierjährigen, die das
Mittel Ritalin gegen Hyperaktivität und dadurch bedingte
Konzentrationsstörungen einnahmen, von 1991 bis 1995 auf das
Doppelte bis Dreifache.
Das berichtete der Amerikanische Ärzteverband am Mittwoch in
seinem Journal "JAMA". Die Angaben basieren auf einer
Auswertung von Rezepten, die für 200.000 daran beteiligte
US-Kinder unter fünf Jahren ausgestellt wurden. Danach
verdoppelte bis verdreifachte sich auch die Zahl der Kleinen, die
gegen Schwermut mit Antidepressionsmitteln behandelt wurden.
Die Fachärztin Carmen Heerdegen vom Stuttgarter ABARIS Institut
weist darauf hin, dass nicht selten auch Kinder mit Hochbegabungen
aufgrund unzulänglicher schulischer oder familiärer Bedingungen
Symptome oder Aggressivität entwickelten, die fälschlich als
hyperkinetisches Syndrom gedeutet werden können.
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