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Teufelskreis chronischer Schmerzen: Viel Anteilnahme ist nicht immer die beste Therapie

Frankfurt/Main (28.02.2000) - Eine hohe Anteilnahme ist nicht immer die beste Hilfe gegen chronische Schmerzen. Zu viel Aufmerksamkeit durch den Partner kann Beschwerden auch verstärken, sagen Psychologen. Vor allem wenn die Beziehung so geartet ist, dass an schmerzfreien Tagen die liebevolle Zuwendung nicht allzu groß ist. Wie sich Ehemann oder Gattin, Eltern oder Freunde gegenüber Schmerzpatienten am besten verhalten, ist Hauptthema des Deutschen Schmerztages in Frankfurt. 1.500 Forscher, Ärzte und Psychologen diskutieren vom 2. bis 4. März über "Schmerz und Partnerschaft".

Die Heidelberger Psychologin Hanne Seemann beobachtet seit Jahren die Verhaltensmechanismen zwischen Müttern und Kindern mit chronischen Kopfschmerzen. Die beiden schlechtesten Wege, mit dem Leid der Kinder umzugehen, sind Ignoranz und übertriebene Fürsorge, sagt sie. "Beides verstärkt die Schmerzen." Auch das bekannte Heilmittel Ablenkung verschafft nur kurzzeitige Linderung.

Stattdessen sollten die Angehörigen die Schmerzen ernst nehmen. Es gelte, durch Beobachtung herauszufinden, was hilft und was schadet. Danach zu fragen sei selten erfolgreich, weil der Patient es ja selbst nicht wisse. "In welcher Situation fühlt der Partner sich wohl? Was verstärkt oder verringert den Schmerz?" Wer diese Mechanismen durchschaue, habe gute Chancen, seine Beziehung zu retten und den Leidensdruck zu verringern.

"Wer jahre- oder jahrzehntelang an chronischen Schmerzen leidet, verändert sich psychisch", weiß der Tagungsleiter Gerhard Müller-Schwefe, Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums und Leiter eines Schmerzzentrums in Göppingen: "Die Seele leidet, weil der Körper krank ist". Oft sind die Patienten nicht nur missmutig, traurig und verstimmt. Der Schmerz reduziert auch das Interesse und schränkt die Erlebnisfähigkeit ein. Partner oder Familie müssen damit umzugehen lernen. Dazu kommt, dass nur wenig Gesunde es ertragen, "das ewige Gerede" von Krankheiten mit anzuhören. "Das führt in vielen Fällen direkt in die Isolation", sagt Müller-Schwefe.

In Deutschland sind nach Expertenangaben siebeneinhalb Millionen Menschen wegen chronischer Schmerzen in Behandlung. Zuzüglich der Dunkelziffer wird die Zahl auf etwa elf Millionen geschätzt. Das ganze soziale Umfeld sei bei diesen Menschen in Mitleidenschaft gezogen, sagt Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga in Frankfurt. Nicht nur die Familie sei betroffen, auch Freunde und Arbeitskollegen. Wer häufig wegen Migräne fehlt, handle sich schnell den Ruf eines Blaumachers ein. "Die Tragik dieser Menschen ist es, dass Schmerz nicht nachweisbar ist", sagt Koch. Bei ihrem "Schmerztelefon" rufen jährlich 15.000 Menschen an.

Am schlimmsten trifft es die engsten Angehörigen zu Hause. "Sie fühlen sich hilflos, weil sie gegen den Schmerz nichts ausrichten können. Der Kranke fühlt sich schuldig, weil er die Partnerschaft belastet", berichtet Koch. Psychologisch besonders problematisch sind Fälle, in denen gerade das Leiden eine Partnerschaft stabilisiert. Wenn Mann oder Frau den Partner gerade wegen dessen Krankheit nicht verlassen will, kann das dazu führen, dass Patienten "den Schmerz festhalten" und eine Therapie nicht hilft.

Ein anderer sehr wichtiger Aspekt Müller-Schwefe sei die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Wie diese sich gestaltet, ist seiner Meinung nach entscheidend für einen Therapieerfolg. Nur ein gleichberechtigtes, partnerschaftliches Zusammenwirken könne wirklich heilen helfen: "Der Arzt muss den 'inneren Heiler' des Patienten aktivieren", sagt er. Wenn es aber statt Partnerschaft "eine Machtdemonstration mit Kugelschreiber und Rezeptblock" gebe, werde dieser eher unterdrückt.


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