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Abnehmen
ums Erbrechen: Japanerinnen unter wachsendem Diätstress
Tokio
(29.02.2000) - Nach dem Abendessen verschwindet Haruko heimlich
auf die Toilette. Dort steckt sie einen Finger in den Hals und würgt
solange, bis die ganze Mahlzeit wieder herauskommt. "Tabehaki"
wird das in ihrem Freundeskreis genannt, zu deutsch: "Essen
und Kotzen". Auf deutlich unter 50 Kilogramm wolle sie es
schaffen, so wie die superschlanken Popstars und Models in den
Medien, erzählt die 1,58 Meter große Japanerin in der
Tageszeitung "Mainichi Shimbun". Mit ihren 53 Kilogramm
fühle sie sich nämlich wie ein "kodebu", ein
Dickerchen.
So wie Haruko verfallen immer mehr Schülerinnen in Japan dem
gesellschaftlichen Schönheitsideal für Frauen und quälen ihre
jungen Körper mit ständig neuen Diätmethoden. Nach einer Studie
des Gesundheitsministeriums unter 15.000 Frauen und Männern stieg
der Anteil der untergewichtigen Japanerinnen im Alter zwischen 15
und 19 Jahren von 13,5 Prozent 1979 auf 20,4 Prozent. Bei Frauen
in den 20ern stieg der Anteil von 14,4 auf 20,3 Prozent, wie die
Zeitung "Yomiuri Shimbun" jüngst berichtete. Im
Gegensatz dazu werden Japans Männer wegen ungesunder Ernährung
und Bewegungsmangel immer dicker.
Die Schlankheitssucht unter Japanerinnen geht inzwischen so weit,
dass immer mehr von ihnen auf die Verkaufstricks der Schönheitsindustrie
hereinfallen und sich in Schulden stürzen. Die führende
Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun" berichtete unlängst
vom Fall einer 20-jährigen Studentin, die sich in einem Geschäft
einen Finanzierungsvertrag für eine Diätkur über 306.600 Yen
(5.500 Mark) aufschwatzen ließ, zahlbar in 24 Monatsraten. Das könne
sie doch leicht mit ihrem Taschengeld begleichen, so der Verkäufer.
Nach Aussagen des Verbraucherschutzzentrums stieg die Zahl der
Beratungsfälle zum Thema Diät in Schönheitssalons zwischen 1994
und 1996 jährlich um 30 Prozent. Seit 1997 gäbe es jährlich
etwa 2.200 Beratungen, so das Blatt weiter. Zum Beispiel seien Fälle
bekannt, bei denen die Verkäufer für minderjährige Kundinnen
anstelle ihrer Eltern den Kreditvertrag unterzeichneten. "Die
Frauen sind auch viel zu leichtsinnig. Es gibt immer mehr junge
Leute, die gar nicht auf den Gesamtbetrag, sondern nur auf die
Monatsrate schauen und meinen, dass sie das schon irgendwie
schaffen", sagt die Beraterin Maki Morita.
Das Interesse junger Japanerinnen für Diätkuren werde immer
intensiver, während die Betroffenen zugleich immer jünger würden,
berichtete die "Nihon Keizai Shimbun" weiter. Inzwischen
greife die Schlankheitssucht sogar auf Grundschülerinnen über,
auch weil die Models und Idole aus dem Musik- und Filmgeschäft
immer jünger würden. In den unzähligen Zeitschriften des
Landes, im Fernsehen oder in den U-Bahnzügen - tagtäglich wird
die Bevölkerung von den Massenmedien mit dem Schönheitsideal
superschlanker Frauenkörper konfrontiert.
In der japanischen Gesellschaft würden Frauen nicht so
akzeptiert, wie sie seien, meint die Autorin Chie Asano in ihrem
Buch "Warum die Frauen versuchen, abzunehmen". Frauen
mit Essstörungen hätten zuvor erkannt, dass sie in dieser
Gesellschaft vor allem nach ihrem Aussehen bewertet werden.
Intelligenz oder Kompetenz hingegen werde häufig als das
Gegenteil von Weiblichkeit gesehen, beklagt Asano.
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