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 Psychotherapie News  Februar 2000   Psychotherapie
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Bricht die Gesellschaft auseinander? Kleinfamilie verliert dramatisch an Bedeutung

Berlin (29.02.2000) - Die Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft verliert nach Auskunft von Psychologen dramatisch an Bedeutung. Die Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern sei mit 17 Prozent nur noch eine Schrumpfgröße, sagte der Münchner Psychologieprofessor Heiner Keupp zum Auftakt des 13. Kongresses für Klinische Psychologie. Thema der Tagung, die heute in Berlin begann, ist auch die Unsicherheit von Arbeitsplätzen.

"Mit dem Ende der Arbeitsgesellschaft stiften Arbeitsverhältnisse nicht mehr berufliche Identität", sagte Keupp. Der Vorschlag von Kanzler Gerhard Schröder, indische Computerfachleute ins Land zu holen, sei deutliches Beispiel für Arbeitsplatzgefährdung durch Globalisierung.

"Traditionelle geschlossene Lebensbedingungen werden zunehmend aufgebrochen", ergänzte Keupp. "Wer bin ich - darauf gibt es immer weniger eine Antwort." Konsequenz: "Die Familienformen sind heute genauso pluralisiert wie vieles in dieser Gesellschaft."

Keupp sieht in dem Verschwinden der typischen Kleinfamilie die Gesellschaft nicht gefährdet. "Ich mache mir keine Sorge, weil wir uns bereits daran gewöhnt haben, dass die klassische Familie im Rückzug begriffen ist", meinte Keupp in einem Gespräch am Rande des Kongresses in Berlin.

"In den Großstädten sind bis zu 50 Prozent der Haushalte Einpersonenhaushalte, aber viele dieser Menschen leben in stabilen 'Netzwerken'", sagte der Psychologieprofessor, der auf dem Kongress einen mit 5.000 Mark dotierten Preis der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie erhielt.

Nur noch 10,7 Prozent der Haushalte in den Großstädten sind Kleinfamilien mit zwei Kindern, sagte Keupp. In kleinen Gemeinden seien es immerhin noch über 20 Prozent. "Allein Lebende sind nicht unbedingt einsam", erläuterte der Hochschullehrer, der kürzlich die Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung mitgründete. "Man muss aber Beziehungsarbeit leisten. Junge Menschen haben damit weniger Schwierigkeiten, die Alten sind das weniger gewohnt."

Mit anderen Worten: "Ungefähr 80 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden, aber es gibt Risikogruppen." Einige drohten aus den sozialen Bezügen heraus zu fallen, beispielsweise nach Scheidungen, wenn die Kraft fehle zu einem zweiten oder dritten Eheanlauf. Auch gebe es Menschen mit psychischen Problemen, die sich Aktivitäten nicht zutrauen und Kontakte vermeiden. Die Folge sei Rückzug.

Vom 25.02. bis zum 01.03.2000 treffen sich 1.000 Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter auf dem von der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie ausgerichteten Kongress in der Freien Universität Berlin.

In Ihrem Grußwort erklärte Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), den Menschen in Deutschland stehe "im Krankheitsfall ein umfassendes, leistungsfähiges System der Versorgung zur Verfügung, ... das auch die psychotherapeutische Behandlung" einschließe. "Für die Patienten ist es ein Gewinn, dass sie jetzt ohne bisherige Einschaltung eines Arztes den Psychotherapeuten ihrer Wahl direkt aufsuchen können", scherzte Frau Fischer.

Bei Psychotherapie-Honoraren für Kassenversicherte, die sich teilweise um 40 Mark je Stunde oder darunter bewegen, ist der "Gewinn" sehr zweifelhaft. Therapeuten sehen die Honorierung ihrer Arbeit als ruinös an und kritisieren, im Psychotherapeutengesetz, das seit Anfang 1999 in Kraft ist, werde die Entlohnung nicht geregelt. Unter diesen Bedingungen werde die Psychotherapie ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten nicht und ihr therapeutisches Potential nur noch für besser verdienende Versicherte entfalten können. "Wie kann ich Hilfe von Therapeuten erwarten, die für einen Apfel und ein Ei arbeiten und nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen", fragte ein Beobachter.


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