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 Psychotherapie News  März 2000   Psychotherapie
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Erinnern und Vergessen: Zwei ergänzende Kräfte auf dem Weg zur eigenen Identität im Leben

Hamburg (10.03.2000) - "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können". Wohl keine Aussage darüber, was das zurückliegende eigene Leben für Menschen bedeuten kann, wird häufiger zitiert als diese des Dichters Jean Paul (1763-1825). Jedenfalls ist die Erinnerung fester, sehr wichtiger Bestandteil menschlicher Lebenserfahrung - und zwar nicht nur die Erinnerung an schöne und beglückende Erlebnisse. Fraglich ist aber, ob das Vergangene in unserer auf Gegenwart und Zukunft fixierten Zeit noch den gleichen Stellenwert hat wie früher.

Der Psychoanalytiker Martin Dornes meint: "Vergangenheit wird zunehmend als Last betrachtet, die man abwerfen muss, um die Zukunftsbewältigung zu beschleunigen". In der neuesten Ausgabe von "Psychologie heute" (Weinheim) wird dargestellt, welch entscheidender Faktor die Erinnerung für die eigene Identität ist.

Wer wir sind, wie wir uns und wie uns andere in der Welt wahrnehmen und bewerten, das macht unsere Identität aus. Sie ist das Kernstück unserer Überzeugung, eine einzigartige Persönlichkeit zu sein. Und es gibt auch eine historische Komponente, die uns meist nicht bewusst ist: Um zu wissen, wer wir heute sind, müssen wir wissen, wer wir gestern waren.

Allerdings hat die Forschung in den letzten Jahren viele Nachweise dafür erbracht, dass unser Gedächtnis auf allen Verarbeitungsebenen die Wirklichkeit nicht objektiv abbildet, sondern je nach Stimmung, Kontext und Bedeutsamkeit organisiert und strukturiert. Das konstatieren auch die "Psychologie heute"-Autorinnen Tatjana Keiner, Muriel Mace und Erika Theobald (Universität Heidelberg). Es zeigt sich sogar, dass Menschen überzeugt sind, Dinge erlebt zu haben, die sie in Wirklichkeit nicht erlebt haben. Bei bedeutsamen und einmaligen Ereignissen scheinen Menschen dagegen durchaus so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis zu besitzen: Die Geburt unseres Kindes, ein Verkehrsunfall, an dem wir beteiligt waren, die Nachricht vom Tode der Mutter, so etwas kann sich exakt einprägen.

Insgesamt haben Untersuchungen gezeigt, dass Erinnerungen formbar sind, dass ihr Entstehen ein kontinuierlicher Prozess ist, der nie wirklich abgeschlossen ist. Sie verändern sich ständig - und wir uns mit ihnen. Die eigene Vergangenheit kann immer wieder anders wahrgenommen und bewertet werden. Und wie wir uns erinnern, beeinflusst unsere Selbstwahrnehmung. Aktives Rekonstruieren des zurückliegenden Lebens macht möglich, dass sich unser Selbstkonzept weiterentwickelt und wir uns verändern können.

Was uns vor einiger Zeit sehr betrübt hat, kann nach einem angemessenen Zeitraum der Trauer mit anderen Augen betrachtet werden. Was uns einmal begeistert hat, kann uns später kalt lassen. Auch wenn ein und dieselbe eigene Vergangenheit sehr unterschiedlich erscheinen kann, so ist sie doch immer Teil der eigenen Identität.

Schon der Philosoph und Psychologe Ludwig Klages (1872-1956) hat in einem Text über "Das Gefälle des Lebensstroms" auf einen bedeutsamen Aspekt menschlichen Erlebens aufmerksam gemacht. Dass nämlich niemand in der Lage sei, dessen gegenwärtige "Grundfarbe" zu erfassen. Die erschließt sich erst, wie er darlegte, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende ist, etwa die Kindheit oder die Jugend oder auch eine andere in sich geschlossene Lebensstrecke.

Klages setzte das nicht gleich mit der bekannten menschlichen Neigung, die eigene Vergangenheit mit einem grundsätzlich positiven Vorzeichen zu versehen. Diese Neigung schien ihm nicht die häufig gewaltige Verschiedenheit der Farben zwischen den Lebensabschnitten zu erklären. Oft werde ja auch eine jahrelange Qual von "Knechtschaft der Seele und des Geistes" erst nach befreiender Lebenswende mit Grauen bemerkt. "Die beglückendste Fülle wie aber auch den quälendsten Mangel kennen wir erst, wenn wir verloren, was wir besaßen, oder gewonnen haben, wessen wir Mangel hatten", schrieb er.

Einen wichtigen Platz in der Beziehung zur eigenen Vergangenheit hat aber nicht nur die Erinnerung, sondern auch das Vergessen. Jeder hat das erlebt, etwa nach dem Motto "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist". Der Literaturwissenschaftler Harald Weinrich hat eine Kulturgeschichte der Kunst des Vergessens geschrieben. Titel: "Lethe" - in der griechischen Mythologie der Name eines Unterweltflusses, von dessen Wasser die Seelen Verstorbener trinken, um durch das Vergessen frei zu werden für eine Wiedergeburt. Auch jeder lebende Mensch kann durch Vergessen frei werden - für die Gegenwart und die Zukunft. Johann Wolfgang Goethe sprach vom ätherischen (hauchzarten) Lethestrom, der erquickend das ganze Leben durchdringe, und nannte ihn eine "erhabene Gottesgabe".

"Die berühmte 'gute alte Zeit'", so bemerkte süffiziant einmal der Kabarettist und Regisseur Karl Farkas (1893-1971), "verdankt ihr Renommee meist nur dem Umstand, daß ältere Leute schon ein schlechtes Gedächtnis haben." Das braucht jedoch, wie Ernest Hemingway (1899-1961) feststellt, nicht zu betrüben: "Glück, das ist ganz einfach gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis". So öffnet der Weg sich zum fortdauernden Glück mit Friedrich Nietzsches (1844-1900) Erkenntnis: "Der Vorteil des schlechten Gedächtnisses ist, daß man dieselben guten Dinge mehrere Male zum ersten Male genießen kann."


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