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"Philosophie
der Krokodile": Die Welt als Gerüchteküche
Hamburg
(30.03.2000) - Die frisch verheiratete Prinzessin ist tief
unglücklich - die neue Freundin des Popstars erwartet ein Baby.
So heißt es. Und die ganze Welt weiß sogleich davon. Gerüchte
und Klatsch hat es zu allen Zeiten gegeben, gerade auch über
Berühmtheiten. Neu sind die Globalität und die schnelle
Verbreitung. Die Welt ist eine einzige Gerüchteküche geworden.
"Was im Magma des kollektiven Wissens gärt" - so der
italienische Psychoanalytiker Sergio Benvenuto in seinem neuen
Buch "Dicerie e pettegolezzi" (Gerüchte und Klatsch) -
ist sehr aufschlussreich. Es sagt viel sowohl über das
Seelenleben der einzelnen Menschen als auch über die Gesellschaft
insgesamt aus, wie zum Thema befragte Psychotherapeuten befinden.
Zahlreiche Bedürfnisse werden hier erfüllt - zum Beispiel
voyeuristische. Es gibt aber auch mitfühlende Anteilnahme am
Schicksal anderer Menschen. Da ist ferner "Projektion"
zur inneren Entlastung: Eigene Gefühle und Begierden werden im
Gerücht einer anderen Person unterstellt. Zuweilen ist auch eine
"Philosophie der Krokodile" im Spiel, die darauf bedacht
ist, alles Höherstehende zu sich in den Schlamm zu ziehen.
Ferdinand von Boxberg (Köln), der von dieser
"Philosophie" spricht, sieht im Bereich Gerüchte,
Indiskretion, Anspielung, Falschinformation ein Bestreben
Einzelner oder Gruppen, aus einer ohnmächtigen Position ein
Gefühl von Macht zu gewinnen.
"Die Massenmedien fördern ein weltumspannendes Theaterspiel,
in dem der Reiz am Spiel heimlicher Machtgewinnung auf magische
Weise fasziniert, die Lust an der Aufhebung des Unterschieds
zwischen Fiktion und Wirklichkeit und an geheimer Teilhabe an
Macht, bei gleichzeitig fortschreitender Ohnmacht gegenüber einer
undurchschaubarer werdenden Welt", sagt von Boxberg.
"Die Intrige, das Gerücht wird so zur Waffe des Individuums
oder von Gruppen zur Abwendung unerträglicher Ohnmacht".
Alf Gerlach (Saarbrücken) scheint die Verbreitung von Gerüchten
im journalistischen Raum auch auf ein Nachlassen eines bis dahin
als notwendig erachteten Persönlichkeitsschutzes zu verweisen. Er
nennt in diesem Kontext ferner "das Schwinden der
Intimitätsschranke" - scheinbar könne man "tabulos"
über alles berichten und reden.
Bezeichnenderweise führt der "grassierende sexuelle
Voyeurismus in der Gesellschaft" (Dietmar G. Luchmann,
Stuttgart) nicht zu einer besseren sexuellen Befriedigung. "Voyeurs sind Männer, die nur noch
besichtigen, weil sie nichts mehr beabsichtigen", spottete
die Kabarettistin Helen Vita. In einer auf dem Trip zur
Vereinzelung befindlichen Gesellschaft wird so eher die Sehnsucht
gelebt - nicht die Erfüllung.
Anne-Marie Schlösser (Göttingen) deutet das Phänomen
vornehmlich positiv - einschließlich des Interesses am
Intimbereich anderer Menschen: "Da wird plötzlich eine
Vertrautheit hergestellt mit idealisierten Personen wie etwa
Popgrößen: Man weiß, der hat mit seiner Frau einen Krach
gehabt. Durch die Kenntnis intimer Informationen wird eine sozial
entfernte Person zu jemandem, mit dem man auf vertraulicher Ebene
verkehrt". Damit sei eine gewisse narzistische
(selbstbewundernde) Aufwertung verbunden.
Micha Hilgers (Aachen) macht darauf aufmerksam, dass man sich mit
den Figuren des Klatsch identifizieren, gleichzeitig aber doch
wieder Abstand von ihnen nehmen kann, wenn ihnen ein Unglück
widerfahrt: Nicht ich, jener ist betroffen, kann man sagen und
erleichtert aufatmen. "Neid gegenüber den Reichen und
Mächtigen wird gelindert, wenn ein Unglück geschildert wird, das
den Zuschauern oder -hörern wie eine Strafe oder eine
ausgleichende Gerechtigkeit vorkommen mag und über die eigene
Misere hinweghilft".
Schlösser sieht eine ganz wichtige soziale Funktion von
Gerüchten und Klatsch darin, dass sie zu einem Austausch von
Meinungen und Bewertungen mit anderen Menschen führen. "Man
vergleicht seine eigene Position mit der anderer Menschen - in der
Regel nur mit solchen, denen man vertraut: Sieht der andere die
Dinge so wie ich, sind wir noch auf gleicher Linie? Als
'Schmiermittel im kleinen gesellschaftlichen Kontakt' dient der
Austausch von Gerüchten damit auch der Orientierung des Einzelnen
innerhalb der Gruppe, der er angehört". Von Boxberg spricht
beim Klatsch von einer "Konstruktion
gemeinschaftsförderlicher Phantasiewelten".
Gerüchte drücken auch gesellschaftliche Stimmungen und Konflikte
aus. Die Haltung gegenüber "Fremden" spielt hier eine
wichtige Rolle, wie Sergio Benvenuto an dem in vielen Ländern
verbreiteten Gerücht zeigt, dass Zigeuner Kinder stehlen. Es hat
hier die Funktion, dass sich eine Gemeinschaft dadurch stärker
und innerlich verbundener fühlt, wenn sie ihre Spannungen und
Konflikte auf einen äußeren "Feind" ablädt.
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