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Auf
dem Weg zur Mündigkeit: Patientenberatungsstellen helfen weiter
München
(05.04.2000) - Manchmal brauchen Kranke Hilfe, die der behandelnde
Arzt nicht geben kann. Doch Patienten, die Unterstützung benötigen,
weil sie sich zum Beispiel von Medizinern falsch behandelt fühlen,
waren bisher meist auf sich allein gestellt. Anders als Ärzten
und Krankenkassen fehlt den Versicherten eine Lobby, die sich für
ihre Rechte einsetzt. Das soll sich ändern. Im neuen
Sozialgesetzbuch ist die Einrichtung von so genannten
Patientenberatungsstellen festgeschrieben. Allerdings steht noch
nicht fest, wann und wie der Vorsatz in die Praxis umgesetzt wird
- es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte.
Der einzige gemeinsame Nenner dieser Pläne, die bisher von
verschiedenen Interessengruppen vorgelegt wurden, ist der Patient.
Dieser soll nicht länger das schwächste Glied im
Gesundheitssystem sein. Das findet auch Peter Friemelt von der
Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen- und initiativen
(BAG) in München: "Die Versicherten bezahlen den überwiegenden
Teil der Kosten, haben aber das geringste Mitspracherecht",
bemängelt Friemelt den derzeitigen Zustand. Anlaufstellen für
verunsicherte Patienten gibt es bislang nur in wenigen deutschen
Großstädten.
Den Patienten fehlt das politische Gewicht. "Wenn man Patient
ist, ist man in erster Linie krank und hat nur selten die Kraft,
sich zu organisieren", erklärt Friemelt die überwiegende
Passivität auf Versicherten-Seite. Hinzu komme, dass ein Laie
kaum die komplizierten Strukturen des Gesundheitssystems
durchblicke.
Die Lösung hat einen langen Namen: Der Paragraf 65b des
"Gesetzes zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung ab
dem Jahr 2000" soll die Ohnmacht der Patienten beheben.
"Neutrale und unabhängige gesundheitliche Information,
Beratung und Aufklärung von Versicherten" zu garantieren
lautet der Auftrag an die Krankenkassen. Dafür sollen die Kassen
zehn Millionen Mark jährlich aufbringen.
Um diesen Topf haben sich unter anderem bereits bestehende
Patienteninitiativen und die Verbraucherzentralen beworben. Die
Krankenkassen und Ärztekammern haben ihre eigenen Pläne
entwickelt. Noch diskutieren die Spitzenverbände, welches Konzept
den Zuschlag bekommt. "Wir wollen mehrere verschiedene
Angebote", sagt Friemelt. Die Hauptsache sei, dass ein flächendeckendes
Beratungsnetz entstehe und für jeden zumindest eine Einrichtung
leicht erreichbar sei.
Nach dem BAG-Konzept sollen die Beratungsstellen ein
Informationszentrum sein, in dem Versicherte einerseits so aufgeklärt
werden, dass sie sich "kompetent und
selbstverantwortlich" durch den
"Gesundheitsdschungel" bewegen können. Andererseits
sollen sie in schwierigen Situationen jederzeit Hilfe bekommen.
Aus einer Datenbank sollen Informationen über Ärzte und Krankenhäuser
abgerufen werden können. Gibt es Ärger mit Kassen oder
Medizinern, etwa wegen eines Kunstfehlers, möchte die BAG ihren
Klienten mit einer Rechtsberatung zur Seite stehen.
Beschwerden sollen gesammelt und analysiert werden. Die Ergebnisse
könnten dann beispielsweise an die Ärztekammer weitergeleitet
werden, um Schwachstellen aufzuspüren und auszuschalten. Das
Vorhaben werde von Seiten der Mediziner begrüßt, sagt Peter
Friemelt.
Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) in
Heppenheim (Hessen) will mehr Übersicht ins Gesundheitswesen
bringen. "Was leistet das Gesundheitssystem? Wo wird gute
Qualität geboten?", zählt Ekkehard Bahlo von der DGVP
einige der Fragen auf, auf die Patienten künftig klare Antworten
bekommen sollen. Bahlo zufolge sollte nicht eine Gruppe allein das
Beratungsmonopol haben, vielmehr müsse der Etat auf viele
verschiedene, bereits vorhandene Institutionen verteilt werden.
Das Ziel soll ein mündiger, eigenverantwortlicher Patient sein:
"Man wird sich nicht mehr in unterwürfiger Haltung dem Arzt
nähern. Es wird eine Art partnerschaftliche Beziehung
entstehen", prophezeit Bahlo. "Die Ärzte werden sich
mehr Mühe geben müssen, zu informieren und Nachfragen zu
beantworten. Und sie müssen lernen, mit Kritik umzugehen."
An der Fähigkeit, Hinweise von Patienten anzunehmen, mangele es
bei vielen Medizinern. Das hat nach eigenen Angaben die
Verbraucherzentrale Hamburg festgestellt, die die derzeit größte
Patientenberatungsstelle in der Bundesrepublik betreibt.
"Bisher können lediglich private Krankenversicherungen mit
Kritik umgehen und sie konstruktiv umsetzen", sagt Christoph
Kranich, bei der Verbraucherzentrale zuständig für den
Gesundheitsbereich. "Ärzte und Krankenhäuser sehen
Beschwerden dagegen als einen Kratzer an ihrer Ehre."
Nach seiner Idealvorstellung sollten die neuen Beratungsstellen
letztlich gleichberechtigte Partner im Gesundheitssystem schaffen.
Kranich hat jedoch Zweifel, dass das Vorhaben gelingt: "Im
Gesetz ist nicht festgelegt, was neutral und unabhängig heißt.
Das kann jeder für sich selbst definieren". Problematisch
sei zudem, dass die gesetzlichen Krankenversicherungen den Etat
verwalten. So könnten sie das Geld dahin geben, wo sie es am
einfachsten habe. Im Zweifelsfall ändere sich für die Patienten
gar nichts.
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