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 Psychotherapie News  April 2000   Psychotherapie
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Baden-Württemberg will Schmerzkranken umfassend helfen: Prävention kann Dauerschmerzen verhindern

Stuttgart (07.04.2000) - Als erstes Bundesland will Baden-Württemberg eine systematische Konzeption aufbauen, um Schmerzkranken umfassend zu helfen. Wichtiges Element sei der Ausbau der Prävention, um Dauerschmerzen zu verhindern, sagte Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) am Freitag in Stuttgart. Im Südwesten gibt es mindestens eine Million Schmerzkranke.

Vorgesehen sind eine Aus- und Weiterbildung aller an Schmerztherapien Beteiligten, die Vernetzung der bisher gestuften und gegliederten Versorgungssysteme über Kompetenzzentren und interdisziplinäre Schmerzkonferenzen sowie die Förderung der Selbsthilfe. Die Einrichtungen hierfür seien vor allem in den bestehenden Tumorzentren vorhanden und müssten lediglich zusammengeführt werden, sagte Repnik.

Auch über eine Weiterentwicklung des "Vergütungs- und Belohnungssystems" für Schmerzbehandlung müsse nachgedacht werden, sagte Repnik. Patienten, die sich aktiv an der Schmerzbekämpfung beteiligen, könnten beispielsweise einen Bonus von ihrer Krankenkasse bekommen. Ebenso könnten die Kassen die ärztliche Weiterbildung honorieren.

Die Allgemeine Ortskrankenkasse Baden-Württemberg (AOK) und die Techniker Krankenkasse (TK) haben ihre Bereitschaft signalisiert, an der Schmerzkonzeption mitzuwirken. Die AOK hat in den vergangenen zwei Jahren jeweils zwei Millionen Mark außerhalb des Budgets für Schmerztherapie aufgewandt. Die TK hat in Offenburg und Villingen-Schwenningen ein Trainingsprogramm gegen Kopfschmerz gestartet, das auf weitere Orte in Baden-Württemberg ausgedehnt werden soll.

"Wir müssen in Baden-Württemberg mit mindestens einer Million chronisch Schmerzkranker rechnen", sagte der Minister. "Etwa 60.000 davon haben besonders problematische Schmerzkrankheiten." Gemeinsames Ziel müsse es sein, die Qualität der Versorgung dieser Menschen auf allen Ebenen systematisch zu verbessern.

An schweren chronischen Schmerzen litten etwa 50 bis 80 Prozent der Krebspatienten, berichtete Professor Michael Bamberg (Tübingen). Auch Rücken-, Kopf- und Rheumaschmerzen könnten sehr leicht chronisch werden, sagte Professor Else Heidemann (Stuttgart). Unverständnis äußerte sie für Ärzte, die sich aus Furcht vor Suchtgefahren weigerten, ihren Patienten Schmerzmittel - insbesondere Opiate - zu verschreiben. Richtig angewandt, machten Schmerzmittel nicht süchtig.

Die Versorgung der Schmerzkranken könnten sich Repnik und Bamberg in drei Stufen vorstellen: Auf der ersten Ebene Schmerzforen der Kreisärzteschaften, dann regionale Schmerzzentren mit Spezialisten und schließlich überregionale Schmerzzentren, an denen auch Forschung betrieben wird. Für die beiden letztgenannten Ebenen kämen vor allem Krankenhäuser der Maximalversorgung in Frage. Repnik kündigte ferner an, er werde "Fachleute, Einrichtungs- und Kostenträger zur Vorbereitung und Realisierung unserer Konzeption in ein mindestens jährlich tagendes Schmerforum Baden-Württemberg einladen".

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat inzwischen einen Fortbildungslehrgang "Spezielle Schmerztherapie" eingerichtet. Die zwölf Monate dauernde Weiterbildung, die zur Führung einer entsprechenden Zusatzbezeichnung berechtigt, haben bisher 180 Ärzte durchlaufen. Neben Ärzten der verschiedensten Disziplinen möchte Minister Repnik auch die Psychotherapeuten sowie Physiotherapeuten und Pharmazeuten in die Weiterbildung eingebunden sehen. "Das Thema Schmerz wird in den nächsten Jahren ein konzeptioneller Schwerpunkt für das Sozialministerium sein", kündigte Repnik an.

Die Leitsätze der neuen Schmerztherapie

In den Leitsätzen zur neuen Schmerztherapie heißt es: Nach weit überwiegender Auffassung wird das Entstehen chronischer Schmerzkrankheit dann begünstigt, wenn Spezialverfahren zu spät, hintereinander und ohne Abstimmung angewandt werden. Anzustreben ist daher eine frühzeitige und zeitgleich mehrere Sichtweisen umfassende Diagnostik und Therapie, bei der alle am Schmerzgeschehen Beteiligte einbezogen werden. Eine bewährte Organisationsform hierfür ist die Interdisziplinäre Schmerzkonferenz mit eindeutig zugewiesener Aufgabenverteilung.

Sowohl bei den Betroffenen selbst und bei den Personen in ihrer Umgebung, aber auch bei den an ihrer Diagnose, Therapie und Betreuung Beteiligten erfordert dies zum Teil grundlegende Änderungen von bisher "schmerztypischen" Einstellungen und Verhaltensweisen. Alle Beteiligten müssen lernen, dass bei chronisch Schmerzkranken das Konzept eines schnell herbeigeführten Therapie-Erfolgs teilweise oder ganz aufgegeben werden muss. An seine Stelle muss eine langfristig tragfähige Strategie treten, die zwar auch die Linderung des Schmerzes zum Ziel hat, aber mehr als bisher den Zugewinn an Lebensqualität und an allgemeinen Lebenskompetenzen in den Vordergrund stellt. Dies sind vorrangig auch psychologische und kognitive Faktoren.


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