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 Psychotherapie News  April 2000   Psychotherapie
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Was ein Genie ausmacht: Arbeitseifer und hohe Motivation statt angeborener Talente

London (16.04.2000) - Großer Arbeitseifer, hohe Motivation, eine gute Ausbildung und die richtige Portion Glück machen ein Genie aus - und nicht etwa angeborene Talente. Diese These vertrat Prof. Michael Howe, Autor des Buches "Genius Explained", am Freitag bei der Jahrestagung der Britischen Psychologischen Gesellschaft in Winchester. Genies sind nach seinen Erkenntnissen keineswegs entrückt und mysteriös, sondern "hoch motivierte und im übrigen ganz normale Menschen mit ausgeprägten sozialen Fähigkeiten".

Brillante Leistungen kämen nicht über Nacht, sondern seien das Ergebnis ausdauernder Vorarbeit. Die meisten Genies zeichneten sich durch die Fähigkeit aus, sich über einen langen Zeitraum mit ganzer Kraft auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren. "Wir könnten von Genies eine Menge lernen, aber einer der Gründe dafür, warum wir das nicht tun, ist, dass wir sie für verrückt und irgendwie übermenschlich halten - für anders, als wir selbst sind. Aber in vielerlei Hinsicht sind sie wie wir."

Eine weit verbreitete Legende sei, dass Albert Einstein in der Schule schlecht in Mathematik gewesen sei. In Wahrheit sei Einstein ein guter Schüler gewesen und habe sich, ermutigt von seiner Familie, schon früh für Naturwissenschaften interessiert. Isaac Newton sagte von sich selbst, er habe die Gesetze der Schwerkraft nur entdeckt, weil er ständig darüber nachgedacht habe. Und Mozart wurde seit frühester Kindheit von einem krankhaft ehrgeizigen Vater angetrieben. "Es mag Leute geben, deren genetische Vorgaben es wahrscheinlicher machen, dass sie sich zum Genie entwickeln", gab Howe zu. "Aber die Idee des 'geborenen Genies' ist viel zu simpel."

Die Portion Glück ist wichtig: Zwei bis fünf Prozent aller Kinder sind hochbegabt. Viele hochbegabte Kinder werden als solche jedoch nicht erkannt und scheitern in ihrer Entwicklung. Etwa die Hälfte der Hochbegabten bekommen im Laufe ihrer Kindheit und Jugend Schwierigkeiten, weil sie "anders sind als andere". Auffällig werden sie meist in der Schule, denn dort sind sie häufig unterfordert und reagieren darauf, indem sie träumen oder stören. Die Folgen dieser Langeweile können gravierend sein: Die Kinder entwickeln kein richtiges Lernverhalten und zeigen schlechtere Leistungen, als es ihren Fähigkeiten entspricht. Wenn dazu ein auffälliges Sozialverhalten kommt, weil die Kinder keine Freunde finden, kann das potentielle Genie zum sozialen Absteiger werden: Ein unschätzbarer Verlust für den Einzelnen und die Gesellschaft.

"Eine Psychotherapie kann später helfen, die verschütteten Potenziale wenigstens teilweise zu entfalten", sagt die Stuttgarter Fachärztin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen. Doch werden hoch begabte Kinder frühzeitig erkannt und erhalten sie die richtige Förderung, haben sie nicht mehr oder weniger Probleme als normal Begabte. In erster Linie ist hierzu ein angemessener Schulunterricht erforderlich, der dem Lernverhalten der hoch begabten Schüler entgegenkommt.


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