 |

ABARIS®
Akademie
ABARIS®
Buchtipps

Web-Sprechstunde
Zu diesen Seiten
Presse und TV
Herausgeber
Nutzungshinweise
Mit der Nutzung dieser Seiten erkennen Sie diese Nutzungsbedingungen an.
|
 |
|
|
Die
Leiden der umgeschulten Linkshänder: Ein neues Buch klärt auf
München
(16.04.2000) - Erst schlug die Lehrerin dem Kind auf die linke
Hand. Dann drückte sie der Sechsjährigen den Griffel in die
rechte Hand und fauchte das Mädchen an: "Du schreibst ab
jetzt rechts. Wir schreiben alle rechts." Lange Zeit glaubte
die inzwischen erwachsen gewordene Frau, das erzwungene Umschulen
von der linken auf die rechte Hand in ihrer Kindheit sei
"ganz normal" verlaufen. Bis sie zur Beratungsstelle für
Linkshänder in München ging und sich dort in Hypnose versetzen
ließ, um herauszufinden, wie es wirklich war.
Das Ergebnis schockierte nicht nur die Patientin, sondern auch den
Psychologen. Die als Opernsängerin längst erfolgreiche Frau
verband das Umpolen von links auf rechts tatsächlich mit
Schuldgefühlen und Ängsten, die sie bisher jedoch hartnäckig
verdrängt hatte. Beim hypnotischen Zurückversetzen in die
Kindheit stellte sich heraus, dass der Gedanke an den Schulanfang
mit der gestrengen Lehrerin bei der mittlerweile über 40-Jährigen
auch einen dunklen Keller in Erinnerung rief, in den sie gesperrt
werden sollte, wenn sie nicht mit rechts schreiben würde. Zudem fühlte
sie sich insgeheim schuldig, die Buchstaben nicht so schön wie
viele andere zu schreiben.
Dass der Frau geholfen wurde, verdankt sie dem Team der 1985 gegründeten
einzigen deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder
und umgeschulte Linkshänder. Ihre Leiterin Johanna Barbara
Sattler ist eine viel gefragte Expertin auf dem Gebiet der "Händigkeit",
wie die Wissenschaftler das Phänomen nennen. Unzähligen
Betroffenen konnten die Psychologin und ihr Mitarbeiter Ivo-Kurt
Cizek bereits mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Als "Abfallprodukt" der Beratung entstand der weltweit
größte Datenpool von Linkshändern. Die linke Hand ist in der
Gesellschaft dank der jahrelangen Forschungstätigkeit Sattlers
kein Tabuthema mehr. Jetzt hat die in der Schule selbst von links
auf rechts getrimmte Wissenschaftlerin ihr fünftes Buch
geschrieben und auf 464 Seiten die Geschichte der Linkshändigkeit
dokumentiert.
Intensiv spürt die Autorin der Händigkeit in Religion und Kunst
nach. "Bis heute hat sich in mancher katholischer Kirche die
früher obligatorische Ordnung gehalten, dass die Frauen links und
die Männer rechts sitzen", klärt Sattler auf. "Und in
der Liturgie umkreisen die Priester stets den Altar von rechts
nach links."
Sattler analysierte auch viele Gemälde von Kreuzigungsszenen:
Immer haben die schlechten Menschen den Platz links vom
Gekreuzigten und die guten den Platz rechts. Und die unermüdlich
für die Rechte der Linkshänder kämpfende Psychotherapeutin war
es auch, die 1987 die erste Ausstellung linkshändiger Künstler
in München organisierte. Berühmteste Vertreter in der kleinen
"Ahnengalerie" links malender Künstler sind Leonardo da
Vinci und Paul Klee.
Mit schlimmen Repressalien mussten Linkshänder in der NS-Zeit
leben. Hitlers "Reichsführer SS" Heinrich Himmler gab
1935 eine Studie "Zusammenhang zwischen Linkshändigkeit
einerseits und geistiger Verfassung der Homosexuellen
andererseits" in Auftrag. Linkshänder und Schwule wurden
darin als krankes Gesindel geächtet.
60 Jahre später müssen sich Linkshänder in Deutschland zwar
nicht mehr fürchten. "Die Sache ist aber noch nicht
ausgestanden", warnt Sattler in ihrem Buch. Zu oft kommen
junge Frauen in die Beratungsstelle und klagen über Großmütter,
die dem Enkelkind partout beibringen wollen, den Löffel in die
rechte Hand zu nehmen. Und auch der Nikolaus muss weiterhin
predigen, dass brave Kinder gefälligst das "gute Händchen"
hergeben.
Buchtipp - und hier können Sie
bestellen...
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports
2000 (1): 11 10 09 08 07 06 05 04 03 02 01*
*Jahr
(Jahrgang): Monat
|
|
 |
 |