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31. Mai - Weltnichtrauchertag:
Der Cowboy mit Krebs reitet für die WHO gegen die Nikotin-Sucht
Genf
(31.05.2000) - Zwei Cowboys reiten dem Sonnenuntergang entgegen.
Doch anstatt wie in der berühmten Zigarettenwerbung mit dem
Glimmstängel in der Hand den Duft der großen weiten Welt in die
Luft zu blasen, sagt der eine zum anderen: "Du, Bob, ich hab'
Krebs." Mit diesem drastischen Plakat geht die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) in diesem Jahr zum
Nichtrauchertag (31. Mai) in eine neue Offensive.
WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland lehrt die
Tabakkonzerne das Fürchten, seit sie vor zwei Jahren das Zepter
bei den obersten Gesundheitshütern übernommen hat.
Entschlossener und deutlicher als je zuvor geht die WHO auf
Konfrontationskurs.
"Die Tabakindustrie hat der öffentlichen Gesundheit den
Krieg erklärt", heißt es etwa in den Broschüren. "Die
Tabakindustrie hat die Wissenschaft unterwandert" und
"Tabak treibt mit Tod und Betrug Handel." Unter dem
Slogan "Lass dich nicht reinlegen: Tabak tötet" hat die
Organisation in diesem Jahr besonders die Film- und
Freizeitindustrie im Visier. Die Industrie verführt nach Meinung
der WHO besonders junge Leute durch Reklame und das Image, mit
Zigarette cool zu sein, zum Rauchen - mit fatalen Folgen.
Alle acht Sekunden stirbt ein Mensch an einer Krankheit, die auf
das Rauchen zurückzuführen ist. Das sind jedes Jahr weltweit
vier Millionen Menschen. Wenn der derzeitige Trend zum Qualmen
sich fortsetzt, könnten es in 20 Jahren mehr als doppelt so viele
sein. "Die Tabakindustrie und ihre Reklame-Handlanger
brauchen jeden Tag 11.000 neue Raucher, um die, die sie getötet
haben, zu ersetzen", schreibt die WHO. Weltweit geben die großen
Tabakkonzerne demnach rund sechs Milliarden US-Dollar (13
Milliarden Mark) aus, um besonders junge Menschen zu ködern.
Die großen Schadenersatzprozesse ehemaliger Raucher in den USA
haben erschreckendes Material über die Marketingpraxis der großen
Tabakkonzerne zu Tage gefördert. "Tausende von jetzt veröffentlichten
internen Papieren der Tabakindustrie decken den erstaunlichsten
systematischen Betrug aller Zeiten auf", schreibt die WHO.
Auf 74 Seiten veröffentlicht sie zahlreiche Auszüge aus den
Dokumenten, die zeigen, dass die Industrie das bis heute öffentlich
nicht zugegebene Krebsrisiko beim Rauchen schon in den 60er Jahren
kannte, die stets abgestrittene Suchtwirkung des Nikotins bewusst
förderte und sich entgegen öffentlichen Absichtserklärungen
gezielt auf junge Leute als leichte Beute konzentrierte.
Die WHO erarbeitet jetzt eine Anti-Tabak-Konvention, die spätestens
in drei Jahren in Kraft treten soll. Es ist der erste rechtlich
bindende Vertrag, den die WHO in ihrer 51-jährigen Geschichte
vorschlägt. Darin sollen jedem Menschen das Recht auf eine
rauchfreie Umgebung garantiert und Werbung und Vermarktung scharf
reglementiert werden. Länder sollen verpflichtet werden,
alternative Arbeit für ihre Tabak-Bauern zu finden.
Als kleines Mädchen habe sie ihre Tabak-Aversion im Empfangssalon
der Eltern entwickelt, erzählte Brundtland einmal. "Wir
hatten immer viele Gäste. Damals rauchten fast alle. Der Gestank
im Zimmer war kaum auszuhalten." Die studierte Ärztin und
ehemalige norwegische Ministerpräsidentin wurde zur militanten
Nichtraucherin. Selbst bei offiziellen Dinner-Partys wagt es
niemand, in der Nähe der resoluten Lady eine Zigarette anzuzünden.
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