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"Tag des Schlafes": Schlaflosigkeit und Schlafstörungen werden zum Problem für die Gesellschaft

Stuttgart/Bonn/Freiburg/Düsseldorf (21.06.2000) - Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge schläft der durchschnittliche Deutsche von 23.04 Uhr bis 6.18 Uhr. Gute sieben Stunden, die eigentlich für einen Erwachsenen ausreichen. Forscher schlagen jedoch Alarm über die in zunehmendem Maße sinkende Qualität der Ruhephase.

Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, haben Fachverbände den 21. Juni zum ersten bundesweiten "Tag des Schlafs" erklärt, um auf drohende Gefahren und volkswirtschaftlichen Schaden durch zu unruhige Nächte hinweisen. Einen Hauptgrund für Schlafstörungen sehen Spezialisten in der mangelnden Akzeptanz von Schlaf. In der westlichen Leistungsgesellschaft wird Schlaf als unproduktiv und "vergeudete Zeit" angesehen.

Die Zeit der langen Nachtruhe ist bald vorbei: In Zukunft werden die Menschen nach Ansicht von Forschern immer weniger, dafür aber intensiver schlafen. Darauf wies der Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS), Göran Hajak, am Mittwoch in Bonn hin. Werde gegenwärtig die meiste Zeit nachts geschlafen, ändere sich dies in der Zukunft.

Die Entwicklung gehe zunehmend in Richtung einer schlaflosen Gesellschaft hin. Service-Einrichtungen seien rund um die Uhr geöffnet, was Auswirkungen auf den Schlaf habe. Auch am Tag werde in kurzen Phasen geschlafen. In einigen Unternehmen könnte bereits jetzt die Mittagspause zum Kurzschlaf genutzt werden. Japanische Betriebe hielten schon Betten für Schlafbedürftige vor.

Schlaf sei ein zentrales Grundbedürfnis und die Voraussetzung für Leistung, sagte Jürgen Zulley, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Rund 20 bis 30 Prozent der Deutschen litten aber unter Schlafstörungen. Im Schnitt schlafe jeder Deutsche sieben Stunden am Tag.

Mit Konsequenzen gestörten Schlafes für die moderne Leistungsgesellschaft befasste sich am Mittwoch ein Symposium in Bonn. Ärzte sollten für das Thema sensibilisiert, die Bürger aufgeklärt werden. Am Tag nach der kürzesten Nacht des Jahres öffneten 50 Schlaflabors ihre Türen für Besucher.

Schlafstörung als unterschätztes gesellschaftliches Problem

Über Schlafstörungen klagen den Angaben zufolge beispielsweise 95 Prozent der Schichtarbeiter. Die Schlafforscher rieten, Schichtarbeit zu verringern, ein geeignetes Schichtsystem und dafür geeignete Arbeitnehmer auszusuchen. Empfohlen wurde ein Rhythmus von Früh-, Spät und Nachtschicht. Maximal sollten drei Nachtschichten hintereinander gefahren, ältere Menschen nicht mehr in Schichten beschäftigt werden.

Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet aus medizinischer Sicht unter behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Abgesehen von Einschränkungen wie Unkonzentriertheit und Leistungsminderungen können Schlafprobleme in schweren Fällen zu chronischen körperlichen und psychischen Erkrankungen bis hin zu Depressionen führen. "Untersuchungen in Großbritannien haben darüber hinaus gezeigt, dass Übermüdung im Straßenverkehr eine häufigere Unfallursache ist als Alkohol am Steuer", sagt Jürgen Zulley, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). "Alleine die Folgekosten von Unfällen durch Übermüdung verursachen pro Jahr 20 Milliarden Mark Schaden."

Dabei kann in den meisten Fällen bereits mit einfachen Mitteln eine deutliche Besserung der Schlafsituation erreicht werden. "Als erste Maßnahmen bei Schlafstörungen sollten schlafverhindernde Elemente wie Fernseher oder Computer aus dem Schlafzimmer verbannt werden", so Dr. Ralf D. Fischbach, Internist und medizinischer Vorstand der Qualimedic.com AG. "In vielen Fällen helfen auch Hausmittel wie etwa Fußwärmer beim Einschlafen. Bei schweren Schlafstörungen sollte aber auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden. Neue kombinierte Methoden aus Verhaltenstherapie , Medikamentengabe und mechanischen/ physikalischen Atemhilfen beim sogenannten Schlafapnoe-Syndrom können in mehr als 80 % der Fälle für eine nachhaltige Besserung sorgen."

Schlafapnoe: Rund zwei Millionen Deutsche betroffen

Rund zwei Millionen Deutsche erleiden im Schlaf regelmäßig unbemerkte Atemstillstände. Bis zu zwei Minuten lang kann den von der so genannten Schlafapnoe Betroffenen die Luft wegbleiben. Unbehandelt könne diese Störung auf Dauer lebensbedrohend sein, warnt die Selbsthilfegruppe Schlafapnoe/Chronische Schlafstörungen in Düsseldorf anlässlich des "Tag des Schlafes" am 21. Juni.

Von Schlafapnoe spricht man, wenn bei chronischen Schnarchern der Atem plötzlich für mindestens zehn Sekunden stillsteht. Diese kurzen Erstickungsanfälle könnten bis zu 600 Mal pro Nacht auftreten. Der Patient ersticke aber nicht, weil das Gehirn auf den Sauerstoffmangel im Blut und den verminderten Herzschlag reagiere: Der Kranke schrecke auf, ohne richtig wach zu werden, hole mit einem lauten Schnarcher Luft und beginne wieder zu atmen, so die Selbsthilfegruppe.

Folgen der Schlafapnoe seien Übermüdung, schlechte Laune und verminderte Leistungsfähigkeit. Langfristig könne es außerdem zu Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen bis hin zum Infarkt kommen. Schon bei ersten Anzeichen wie übermäßiger Müdigkeit am Morgen oder häufigen Kopfschmerzen solle man sich daher ärztlich untersuchen lassen, so die Experten. Abhilfe schaffe meist bereits das Vermeiden von Risikofaktoren wie Nikotin, Alkohol und Übergewicht. In schweren Fällen hätten sich Medikamenten und spezielle Nasenmasken bewährt.

Schlafstörungen: weit verbreitetet, aber schwer zu erkennen

Zwanzig Prozent aller Patienten von Hausärzten leiden unter behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Allerdings werden sie nur bei 40 Prozent von ihnen als solche erkannt und behandelt. Dies sagte am Dienstag der Schlafmediziner Dieter Riemann an der Freiburger psychiatrischen Universitätsklinik anlässlich des bundesweiten "Tag des Schlafs".

Wurden in der Vergangenheit bei Schlafstörungen häufig Schlafmittel verabreicht, werde nun auf eine ausführliche Diagnostik im Schlaflabor gesetzt, sagte Riemann. So sprechen die Experten von einer krankhaften Störung, wenn mindestens vier Wochen lang und wenigstens drei Mal pro Woche der Schlaf gestört ist und dadurch ein deutlicher Leidensdruck bei den Betroffenen entsteht. Wie die Wissenschaftler herausgefunden haben, nimmt die Schlaflosigkeit mit dem Alter zu. Sehen jüngere Patienten bis 50 Jahre häufig Stress und Grübeleien als Ursache, nennen ältere Personen körperliche Symptome und Schmerzen.

Eine Studie der Freiburger Schlafforscher belegt, dass mit einer ambulanten verhaltenstherapeutischen Einzel- oder Gruppentherapie Schlaflosigkeit effektiv behandelt werden kann. Dazu zählen Entspannungstechniken, bestimmte Schlafregeln, wie zum Beispiel regelmäßig und auch am Wochenende zur gleichen Zeit aufzustehen, unabhängig von der Dauer des Schlafes und der Verzicht auf Alkohol.

Wie die Freiburger Schlafmediziner deutlich machen, bewirkt im Gegensatz zur medikamentösen Behandlung die Teilnahme an psychotherapeutischen Gruppen langfristige positive Effekte auf das Schlafverhalten, die selbst drei Jahre nach Beendigung der Behandlung noch nachweisbar waren. Riemann wandte sich aber gegen den allgemein gültigen Glauben, dass der Schlaf vor allem bei Vollmond gestört sei. Dies werde durch die wissenschaftlich erzielten Ergebnisse nicht bestätigt.


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