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Kampfhunde
sind Symbol einer unsicheren Persönlichkeit - Kinder als Opfer
tragen dauerhafte Ängste davon
Köln/Hamburg
(27.06.2000) - Schock und Trauer sind einen Tag nach der tödlichen
Kampfhundeattacke auf den sechsjährigen Volkan in Hamburg-
Wilhelmsburg Zorn und Wut gewichen. Die Kinder, die das grausame
Unglück mitansehen mussten, entwickeln ihre eigenen Strategien,
um das Geschehen zu verarbeiten. "Meine zweite Klasse wollte
erst darüber reden und dann noch mal zum Ort des Geschehens
gehen", erzählt Lehrerin Erika Fischer. Dort hätten die
Achtjährigen Kerzen angezündet und eine Gedenkminute eingelegt.
Später toben sie über den Schulhof und reagieren ihre Gefühle
ab. An der Stelle, wo Volkans Leben zerstört wurde, liegen
Teddys, Sonnenblumen und kleine Briefe. "Wir sind froh, dass
Du jetzt im Himmel bist und es Dir besser geht. Wir vermissen Dich
sehr", schreiben Aylin und Marlene.
Lehrer, Psychologen und Pastoren kümmern sich um die Kinder.
"Sie brauchen jetzt emotionale Nähe, um das Erlebte zu
verkraften", sagt Pastorin Friederike Raum-Blöcher. Auch für
die Eltern richtete der Schulpsychologische Dienst eine
Sprechstunde ein. Die älteren Schüler gehen aktiv mit ihrer
Trauer und Wut um. Sie starteten eine Unterschriftenaktion für
ein Verbot von Kampfhunden. Die Liste wollen sie Politikern übergeben.
Doch ihre Vorwürfe richten sie auch gegen einen Lehrer. Dieser
habe den Angriff gesehen und war zum Telefon gelaufen, um die
Polizei zu rufen. "Er hätte dem Jungen helfen müssen, er
war doch noch so klein", sagt die 14-jährige Kemi.
Das schreckliche Unglück wird nicht nur die Schule noch eine
Weile beschäftigen. Hamburgs CDU-Oppositionschef Ole von Beust
warf dem rot-grünen Senat Unfähigkeit vor und forderte umgehend
eine Hunde-Verordnung mit scharfen Bestimmungen und Strafen nach
dem Vorbild Bayerns. In Wilhelmsburg selbst möchte man Sofort-Lösungen
zum Schutz der Schüler. Angesichts des Hundeproblems und eines
frei zugänglichen Schulgeländes erscheint das kaum möglich.
"Ich persönlich unterrichte lieber hinter einem hohen
Stacheldrahtzaun, wenn die Kinder dann sicher sind", sagt
Lehrerin Erika Fischer.
Die Halter so genannter Kampfhunde nutzen ihre Tiere nach Einschätzung
des Psychologen Peter Groß oft als "Verlängerung"
ihrer eigenen unsicheren Persönlichkeit. "Viele Hundehalter
wollen selbst so kraftvoll, ausdauernd und bissig sein wie ihre
Tiere", sagte Groß in einem Gespräch in Köln.
Dabei sei es wahrscheinlich gar nicht die Absicht der Besitzer,
die scharfen Hunde wirklich gegen andere Menschen einzusetzen.
"Die Halter fühlen sich nicht ausreichend respektiert. Ähnlich
wie beim Zeigen einer Waffe geht es in erster Linie darum, Respekt
zu erlangen", meinte Groß.
Die Hundehalter seien häufig von einem ähnlichen Schlag wie
Bodybuilder oder Anhänger bestimmter Kampfsportarten. "Sie
versuchen sich mit einem gestählten Körper oder halt mit einem
Kampfhund als verlängerten Arm gegen vermeintliche Gefahren zu
schützen", erklärte der Psychologe. Dies zeige auch der
Angriff auf einen 73-jährigen Rentner in Köln. Zwischen den
beiden Männern war es vorher zum Streit gekommen. "Dann hat
der Hund das gemacht, was er sollte: Er hat sein unsicheres
Herrchen geschützt", sagte Groß.
Sind Kinder das Opfer, dann können sie nach dem Erlebnis
erschreckender Ereignisse wie beispielsweise dem tödlichen
Kampfhundeangriff auf einen Hamburger Jungen dauerhafte Ängste
davontragen. Dies sagte Prof. Peter Riedesser, Leiter der Kinder-
und Jugendpsychiatrie am Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE),
am Dienstag im Gespräch mit NDR4-Info.
"Es handelt sich sicher um eine schwere psychische
Traumatisierung", sagte Riedesser, "denn die Kinder
haben einmal miterlebt, dass ein Freund wirklich zerstückelt
wurde von Kampfhunden." Da auch Erwachsene ihren Kindern in
dieser Situation nicht helfen konnten und damit sich dieses
Erlebnis nicht zu lebenslangen Angstträumen ausweitet, müssten
die Eltern nun intensiv mit ihren Kindern sprechen und das Erlebte
mit Puppen nachspielen.
"Wenn in Hamburg die freien Flächen den Hunden gehören",
dann bleibe den Kindern kein sicherer Raum, erläuterte Riedesser.
Zusätzlich seien Hunde für jüngere Kinder nie klein, sondern
sie würden als «riesig» empfunden. "Jeder Hund, den das
Kind sieht, ist eine Gefahr. Das erhöht das Angstpotenzial für
Kinder", meinte der Wissenschaftler. Die Urangst von Kindern
- das Beißen, das Fressen und das Gefressenwerden, die sie aus Märchen
kennen - werde bei einem solchen Angriff plötzlich real.
Vorbeugen könnten Eltern solchen Angstzuständen ihrer Kinder
nur, indem sie ihnen Sicherheit vor einem erneuten Angriff
versprechen. Deshalb forderte der Psychologe ein Verbot der gefährlichen
Rassen in Deutschland. "Selbst das Tragen von Maulkörben entängstigt
Kinder nicht. Aber es wäre zumindest ein gewisser Schritt."
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