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Saint-Exupery
- Zum 100. Geburtstag wird der Mythos menschlicher
Hamburg
(29.06.2000) - Von Ingrid Staehle. Legenden wie die des Dichters
und Fliegers Antoine de Saint-Exupery schreiben sich selber fort:
Gut vier Wochen vor dem 100. Geburtstag (29. Juni) des weltweit
meistgelesenen französischen Autors soll dessen 1944 vermisstes
Todes-Flugzeug von einem Freizeittaucher vor Marseille entdeckt
worden sein. Der Fund sei höchst glaubwürdig, meinen Experten,
aber sicher sei noch nichts.
"Sicher" und eindeutig darf eine Legende auch niemals
sein, soll sie ihren Zauber über Geist und Herzen der Menschen
ausüben. Und das gelingt Saint-Exupery noch bei jedem Leser
seines von eigener Hand illustrierten Jahrhundert-Märchens
"Der Kleine Prinz". Ein Pilot fällt in die Wüste und
trifft dort auf wundersame Weise ein Kind, das ihm die Weisheit(en)
des Lebens offenbart. Am Ende "verschwindet" das
Kerlchen, das den Tod bei der Schlange gesucht hat. "Es wird
aussehen, als wäre ich tot, aber das wird nicht wahr sein...
", sagt der Kleine Prinz.
Die Einheit von Leben und Werk, früher Tod und frühe Vollendung,
Heldentum und Poesie, dazu eine leitmotivisch eingängige
Botschaft ("Man sieht nur mit dem Herzen gut") - alle
Elemente für einen persönlichen Mythos sind bei Saint-Exupery
gegeben. Schließlich der Mann selbst: ein Hüne mit
aristokratischer Allure und gewinnendem Wesen, Kulleraugen im
stupsnäsigen Bubengesicht, ein kultivierter homme a femmes von
melancholischem Charme.
Als drittes von fünf Kindern einer südfranzösischen
Grafenfamilie verliert er mit vier Jahren den Vater und wächst
"in einer Wolke von Weiblichkeit" (so die Schwester) behütet
und verwöhnt auf. Jesuitenschüler, verbummelter
Architekturstudent, durchgefallener Marine-Anwärter, Militärdienst
bei der Luftwaffe, Handelsvertreter, dann (Post)Flieger bei
privaten Luftfahrtgesellschaften zusammen mit anderen
Flugpionieren in Nordafrika und Südamerika. Postenchef im aufständischen
Marokko. 1930 waghalsige Rettung seines in den Anden abgestürzten
Kameraden Guillaumet. Von 1921 bis 1938 fünf eigene Abstürze
beziehungsweise Notlandungen mit gesundheitlichen Spätfolgen.
1931 Heirat mit Consuelo Suncin, der mondänen Witwe eines
argentinischen Journalisten, mit der er eine schwierige Ehe führt.
Seine Erfahrungen als Flieger verarbeitet er in Büchern, die den
"Heroismus der Tat" feiern und ersten Ruhm bringen: die
Reportagen in Romanform "Südkurier" (1928) und
"Nachtflug" (1931); "Wind, Sand und Sterne"
(1939), "Flug nach Arras" (1942) sowie "Brief an
einen Ausgelieferten" (1943). Posthum erscheint 1948 als
weltanschauliches Vermächtnis Saint-Exuperys "La
Citadelle", in der eine Art "Zarathustra der Wüste"
ein höchst anspruchsvolles und elitäres Menschentum vertritt.
"Fliegen und schreiben, das ist für mich eins. Wichtig ist,
dass man handelt und seinen jeweiligen Standort bestimmt. Der
Flieger und der Schriftsteller vereinigen sich im gleichen Vorgang
der Bewusstwerdung", äußerte Saint-Exupery 1939 in einem
Interview. Dieses Selbstbild vom durch und durch
"bewussten", souverän handelnden und schreibenden
Menschen hat durch jüngste biografische Veröffentlichungen
weitere Risse bekommen.
Sie bestätigen weitgehend die Brüche und Widersprüche bei
Saint- Exupery, die Eugen Drewermann in seiner luziden
Psycho-Analyse des "Kleinen Prinzen" schon früher
aufgedeckt hat: Dieser große Anwalt des Humanismus ist weniger
einer der Nächsten-, als eher einer der nietzscheschen "Fernstenliebe"
voller Berührungsängste gegenüber der Wirklichkeit.
Dieser Prediger der "menschlichen Bindungen" und der
"Teilhabe" war, bei aller empfangenen Bewunderung, unter
den Intellektuellen und selbst unter seinen Flieger-Kameraden doch
ein Außenseiter zwischen allen Fronten, der unter seiner inneren
Einsamkeit litt. Und seine "Bindungen" an Frauen - eine
lebenslange Flucht vor der vereinnahmenden, anspruchsvollen,
geliebt-gehassten, bezaubernden "Rose", dem
Mutter-Frauenbild aus dem "Kleinen Prinzen", in endlose
"flüchtige" Beziehungen. "Es gibt im gesamten Werk
Saint- Exuperys keinen einzigen wirklichen Dialog mit einer
Frau" (Drewermann).
Am 31. Juli 1944 startet der 44-jährige, der sich gegen alle
Altersbestimmungen die Wiederaufnahme in seine alte Flugstaffel
erkämpft hatte, von Korsika aus zu einem höchst risikoreichen
unbewaffneten Aufklärungsflug. Er kehrt nicht zurück. Sein
letzter Brief vom gleichen Tag endet: "Sollte ich
abgeschossen werden, werde ich rein gar nichts bedauern. Vor dem künftigen
Termitenhaufen graust mir."
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