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Jugend
1900 und Jugend 2000 - Zwei Welten spiegeln das Jahrhundert
Stuttgart
(30.06.2000) - Von Rudolf Grimm. Jugend um 1900 und Jugend um 2000
- das sind nicht nur zwei Welten, sondern auch Spiegel eines
Jahrhunderts nie zuvor erlebter Wandlungen. Heute: eine nüchtern-pragmatische
Lebenseinstellung. Damals: eine enthusiastische Stimmung des
Aufbruchs, Erwartung einer besseren Zukunft oder doch romantische
Sehnsucht danach, Rebellion gegen den Zeitgeist, Leben nach neuen
Leitbildern.
Diese Jugend war zwar eine Minderheit, doch von großer
Ausstrahlung. Ihr Geist wirkte weit in das neue Jahrhundert
hinein, hat Lebensstil, Mentalität, Kultur beeinflusst. Die
Mehrheit hat nichts Relevantes hinterlassen.
Kulturhistoriker verzeichnen bei jungen Leuten am Ende des 19.
Jahrhunderts große Veränderungen, sowohl ihrer äußeren
Existenz als auch ihrer psychischen Befindlichkeit. Es war noch
nicht lange her, dass - wie hier und da formuliert wird - das
Jugendliche überhaupt "erfunden" wurde: als ein eigenständiger,
sich sowohl von der Kindheit als auch vom Erwachsenendasein stark
unterscheidender Lebensabschnitt. Im Unterschied zu früheren
Generationen empfanden sich viele nicht als junge Erwachsene,
sondern als Menschen mit eigenen Problemen und ganz spezifischen
Freiheits- und Kommunikationsbedürfnissen. Das galt besonders für
das Bürgertum, im Unterschied zur Welt der Arbeiter. Daraus
ergaben sich verschärfte Unterschiede und auch Spannungen
zwischen Jung und Alt.
Aus diesen neuen Gegebenheiten entstand vor hundert Jahren die so
genannte Jugendbewegung. Eine Bewegung gegen Establishment und bürgerliche
Konventionen, auch der Distanz von Elternhaus und Schule. Das
Wichtigste war diesen Jugendlichen das Gemeinschafts- und
Freiheitserlebnis miteinander, vor allem außerhalb der Städte in
der Natur, die damals gleichsam neu entdeckt wurde - fern von Suff
und Tabaksqualm, ein Leben in "Einfachheit" und
"Wahrhaftigkeit".
Im Jahr 2000 sind für Jugendliche nicht mehr Eigenständigkeit
und Selbstbestimmung das Problem. Das Problem ist vielmehr die
Selektion zwischen vielen Möglichkeiten einer eigenen
Lebensgestaltung und einer eigenen Kultur, wie der Soziologe
Roland Eckert (Universität Trier) zu den Unterschieden zwischen
damals und heute deutlich machte.
Vor hundert Jahren habe es eine "einheitliche
Hintergrundfolie" gegeben, eine geschlossene bürgerliche
Kultur mit klaren Bezugspunkten. "Von ihr wollte sich die
Jugendbewegung absetzen. Sie wollte aber auch einen Beitrag zu ihr
leisten, indem sie einen eigenen Lebensstil zu kreieren versuchte,
um die Gesellschaft damit zu durchtränken", sagte Eckert
weiter. Die Jugend heute lebe dagegen in einer vielfältigen,
globalen und marktförmigen Kultur, in der das Prinzip von Angebot
und Nachfrage gelte.
Ihren organisierten Ursprung hatte die Jugendbewegung in der
letzten Dekade des 19. Jahrhunderts in einer Gruppe Berliner
Gymnasiasten. Die Inschrift eines Grabsteins auf dem Dahlemer
Friedhof inspirierte sie dazu, sich mit Zugvögeln zu vergleichen.
Auf dem Stein ist von den Wandervögeln von Nord nach Süd und von
Süd nach Nord die Rede. Der 1901 angenommene Name Wandervogel
wurde für viele tausend Jungen und Mädchen ein Zauberwort.
Man erfand die "Horde", wie sich die Gruppen nannten,
und die "Fahrt", das Unterwegs in Wald und Feld und in
fernen Gegenden zur Ferienzeit - bei jedem Wetter, mit Übernachten
im Freien oder in Scheunen, mit selbstgekochtem Essen, eigenen
Liedern, die man zur "Klampfe" (Gitarre) sang. Dabei
wurden viel Fantasie und Kreativität entwickelt. Mit allem
Modischen und dem Amüsierbetrieb der Großstadtzivilisation
wollte man nichts zu tun haben.
Thomas Nipperdey konstatiert im Kapitel "Jugend" seiner
"Deutschen Geschichte. 1866-1918", die Jugendbewegung
sei "eigentlich" unpolitisch gewesen, auch wenn ihr
Wollen und Denken politische Bedeutung gehabt habe. Sie sei frei
von Parteien, Verbänden und Staat, fern von allen konkreten
Streitfragen gewesen. Dabei sei man "selbstverständlich"
national gewesen, nicht hurra-patriotisch und staats- und
kaisernational, aber volksnational.
Hans-Ulrich Wehler verweist in seiner "Deutschen
Gesellschaftsgeschichte" kritisch auf die "Programmlosigkeit,
sobald es um ein verbindliches gesellschaftliches Reformengagement
und um konkrete politische Veränderung ging". In beiderlei
Hinsicht habe dem "Wandervogel" sowohl die nüchterne
Diagnose als auch die verantwortungsbewusste Entscheidung für
eine Therapie gefehlt.
Dem Philosophen Michael Großheim (Universität Rostock)
"imponiert, dass der Enthusiasmus der Jugend um 1900 frei von
Anspruchsdenken und Versorgungsmentalität war". Er bedauert,
dass "heute eine virtuelle Bewegung wie das Surfen im
Internet an die Stelle authentischer Welterfahrung zu treten
droht, dass die Computer-Maus den Wanderstab ersetzt hat".
Von "selbstbewussten Sezessionen" (Absonderungen) wie
vor hundert Jahren sei nichts zu merken, sagte er im Gespräch.
"In der Gegenwart wollen alle dazu gehören und mitmachen -
jeder Rückzug aus der Gesellschaft wird als eine überholte
kulturkritische Pose missbilligt".
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