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Festreden bei Familienfeiern: Es geht auch ohne roten Kopf und Händezittern

Hamburg (06.07.2000) - Von Familienfeiern erwarten die Gäste heute mehr als eine gute Suppe, Bratenfleisch und reichlich Bommerlunder zum Runterspülen. Verwöhnt von einer hochprofessionell arbeitenden Freizeitindustrie soll auch die Verlobung, die Hochzeit und sogar die Trauerfeier als Event daherkommen. Wer im Zeremoniell eine Rolle als Redner erfüllen muss, hat es bei so hohen Erwartungen nicht unbedingt leicht. Doch Schweißperlen, Versprecher oder komplette Aussetzer müssen nicht sein, meinen Rhetorikprofis - vorausgesetzt, der Redner gesteht sich ein, dass eine launige Rede in fröhliche Runde in den meisten Fällen einer gewissen Vorbereitung bedarf.

"Für eine gute Gelegenheitsrede braucht man das 15-fache an Vorbereitungszeit", lautet die unerbittliche Forderung von Rainer Brehler, Rhetorikexperte und Professor für Managementmethoden an der Fachhochschule Hamburg. Dabei gehe es nicht nur um das Zusammentragen von Fakten für den Inhalt. Eine Ansprache sei nur dann ausgewogen, wenn drei Komponenten zusammengekommen: Sachbewusstsein, Selbstbewusstsein und Zuhörerbewusstsein.

Das Sachbewusstsein - also die schlichte Erkenntnis, dass die Rede mit Inhalt gefüllt werden muss - sei für die meisten Gelegenheitsredner selbstverständlich. "Wird dann tatsächlich das Wort ergriffen, sollte man nicht zu unbescheiden auftreten. Man muss auch wissen, dass man was weiß", erläutert Brehler den Faktor Selbstbewusstsein. Das Motto laute: "Jetzt rede ich!". Freilich mangelt es Menschen, die an Redeangst leiden, regelmäßig gerade am Selbstbewusstsein. Da helfen einige Sitzungen beim Psychotherapeuten mehr als jeder Rhetorikkurs.

Doch ein gutes Ego-Polster ist nicht alles - Redner sollten sich vor ihrem Auftritt auch Gedanken über Gemütslage und Wissenstand der Zuhörer machen. Die Gäste dürfen laut Brehler weder über- noch unterfordert werden. Unterforderung sei gerade bei Familienansprachen oft anzutreffen, nicht selten gerate dann die Gelegenheitsrede zur Verlegenheitsrede, heißt es im Standardwerk "Praxishandbuch Rhetorik" von Heinz Lemmermann, ehemaliger Professor an der Universität Bremen. Gerade wenn es gelte, einen Menschen zu feiern, seien die Ansprachen auch oft von weihevoller Verlogenheit und Übertreibung.

Doch eine pointenreiche Ansprache bedarf immer auch einer kleinen Prise Boshaftigkeit. "Man braucht Fingerspitzengefühl für persönliche Reden, die weder schmeicheln noch verletzen", sagt Brehler. Wer die kleinen Sticheleien dosieren will, kann sich beispielsweise der Kunst des Aussparens bedienen. Statt Onkel Joachims Vorliebe für das weibliche Geschlecht in aller Breite darzustellen, könne man beispielsweise auch formulieren "Na, ihr kennt ja unseren Onkel..".

Zum Zuhörerbewusstsein gehört auch das Bemühen, die Gäste während der Rede anzusehen - und zwar nicht nur die Lieblingstante. Am besten sei es, die Gunst seines Blickes allen Gästen zu schenken, rät Brehler. Anfänger sollten deshalb am besten gleichsam mechanisch, einmal nach rechts und einmal nach links in die Runde blicken. Auch störende, unkonzentrierte Zuhörer lassen sich auf diese Weise bändigen. Dieter Felbinger empfiehlt in seinem Ratgeber "Moderne Rhetorik", freundlich in die Richtung des Störers zu blicken und zu warten, bis man wieder die volle Aufmerksamkeit hat.

Vom Zuhörerbewusstsein geprägt sein sollte auch die geplante Länge der Ansprache. Bei Tischreden sind fünf Minuten die Höchstgrenze, lautet die Forderung Felbingers. Auch im "Praxisbuch Rhetorik" wird davor gewarnt, die Nerven der Gäste durch langatmige Ausführungen zu sehr zu strapazieren - speziell dann, wenn die in den Terrinen dampfende Hochzeitssuppe kalt zu werden droht. Wer als fünfter Tischredner zu Wort kommt, sollte daher nicht zögern, seine vorbereitete Rede radikal zu kürzen und nur noch die amüsanten Passagen zum Besten geben. Brehler hält grundsätzlich eine Redezeit von bis zu zehn Minuten für angemessen, "länger aber nicht, denn dafür reicht der Informationsvorsprung meist nicht".

Wer selten in der Öffentlichkeit spricht, wünscht sich natürlich einen Spickzettel, um etwa bei der Ansprache zur Hochzeit der Tochter nicht den roten Faden zu verlieren. Doch Brehler rät dringend von sichtbaren Hilfsmitteln ab. Eine Familienansprache sollte seiner Auffassung nach immer frei gehalten werden, damit sie nicht hölzern und langatmig wirkt. Als Gedächtnisstütze empfiehlt er, Anekdoten über einzelne Gäste entsprechend der Sitzordnung aneinander zu fädeln. Grundsätzlich sollte zu Beginn einer Tischrede jedoch der Gastgeber als erstes angesprochen werden, fordert Rhetorikfachmann Felbinger.

Doch auch bei gewissenhaftester Vorbereitung wird es immer Menschen geben, die in der Öffentlichkeit nicht gern das große Wort führen. In westlichen Gesellschaften mag diese Zurückhaltung als Handicap gelten, befindet der Wissenschaftler Pradeep Scakkarath vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Kulturvergleich in Konstanz. In anderen Ländern gehöre sie zum guten Ton: In Indien etwa, dem Heimatland des Forschers, gehört bei Hochzeitsfeiern das Wort allein dem Priester - Tischreden von Gästen sind unvorstellbar.


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