 |

ABARIS®
Akademie
ABARIS®
Buchtipps

Web-Sprechstunde
Zu diesen Seiten
Presse und TV
Herausgeber
Nutzungshinweise
Mit der Nutzung dieser Seiten erkennen Sie diese Nutzungsbedingungen an.
|
 |
|
|
Nach
der Geiselhaft: Einmal lächelte Renate Wallert sogar - Aber
"In der Seele werden tiefe Spuren bleiben"
Göttingen/Lüneburg
(17.07.2000) - Als Renate Wallert am Dienstag in Göttingen um
07.40 Uhr hinter ihrem Sohn Dirk aus dem grünen BGS-Hubschrauber
vom Typ "Puma" kletterte, zog die an Tropenhitze
gewohnte Frau fröstelnd ihren weißen Sommermantel um die
Schultern. Die Quecksilbersäulen der Thermometer in der Universitätsstadt
zeigten bei grauem Himmel 13 Grad. Erwartet wurde sie von
Niedersachsens Wissenschaftsminister Thomas 0ppermann (SPD). Der
umarmte die Frau und übergab ihr einen persönlichen Brief von
Ministerpräsident Sigmar Gabriel. Dann verschwand die Gruppe -
umringt von Ärzten und Hilfspersonal - im Tunnelgewirr der
Universitätsklinik. Renate Wallert machte einen munteren
Eindruck. Einmal lächelte sie sogar.
Vor dem Wallert-Haus im Stadtteil Geismar wartete derweil eine
Schar von Journalisten. Jeder Passant, der vor dem Haus stehen
blieb, wurde interviewt. Bekannte der Familie bahnten sich ihren
Weg zwischen Fotografen und Kameras hindurch, um Blumen auf die
Stufen der Eingangstür zu legen. Dalila Wittorf hatte sich ganz
spontan entschlossen, einen Willkommensgruß vorbeizubringen.
"Ich habe im Fernsehen gesehen, dass Frau Wallert nach Hause
kommen soll", sagte die Elfjährige. Sie legte eine große
Sonnenblume mit einem Umschlag für die 56-jährige und ihren Sohn
auf die Stufen. "Meine Oma hat die für mich gekauft, und ich
durfte sie hierher bringen".
"Ich habe die ganzen Wagen hier gesehen und gedacht, da muss
ich doch mal gucken", sagte Karel Eggert. "Wenn sie
jetzt kommt, würde ich mich freuen, aber man muss ja auch die
Distanz bewahren", fügt e er mit Blick auf die gut 50
wartenden Journalisten hinzu. "Frau Wallert muss ja erst mal
zu sich kommen."
Das hellbeigefarbene Haus der Wallerts sieht aus, wie gerade erst
verlassen: Die Hecke gestutzt, der Rasen gemäht, das Heidebeet im
Vorgarten gepflegt. In einer Schale blühten Stiefmütterchen,
Margeriten und Gänseblümchen. Nachbarn hatten sich während der
Gefangenschaft von Renate Wallert, ihrem Mann Werner und Sohn Marc
um das Haus gekümmert. "Die gute Freundin" Heiderose
Niemeyer stellte eine Glasschale mit Nektarinen und Bananen vor
die Haustür - als Erstversorgung.
Am frühen Nachmittag wurde dann deutlich, dass die 56-Jährige
die fast dreimonatige Gefangenschaft durch die Moslemextremisten
besser überstanden hat, als selbst die positivsten Prognosen
erwarten ließen. Drei Professoren untersuchten sie. "Wir
sind erstaunt, die Kreislaufverhältnisse sind stabil. Blutdruck,
Lunge, Nieren - alles funktioniert sehr gut, auch von der Ernährungssituation
sind wir positiv überrascht", sagte der Internist, Prof.
Gerhard Anton Müller, der dpa.
Jetzt müssten die Ergebnisse der Tropenmedizin noch abgewartet
werden. Außerdem soll die Patientin ambulant psychologisch
betreut werden. In der Klinik wurde die Musiklehrerin von den übrigen
Patienten abgeschirmt. Zwischen 13.00 und 15.00 Uhr verließ sie
dann die Klinik mit einem unbekannten Ziel. Freunde und Nachbarn
mit Blumensträußen und die riesige Schar von Fotografen und
Kameraleuten aus allen Teilen Europas hatten vorerst vergeblich
gewartet.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Renate Wallert die typischen Symptome
einer schweren Traumatisierung erlebt, ist jedoch sehr groß.
"Das können Alpträume, Angstzustände und eine Erschütterung
des Selbst- und Weltverständnisses sein", sagt der Lüneburger
Trauma-Experte Michael Hase. Die extrem lange Dauer von zwölf
Wochen ihrer Geiselhaft sei eine besonders schwere Hypothek.
"Der ständige Wechsel von Hoffnung und Resignation wird
tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen", meint der
Psychiater. Eine Prognose darüber, ob die Verletzungen eines
Tages vernarben können, sei gegenwärtig "fast unmöglich".
"Das liegt auch daran, dass Frau Wallert praktisch doppelt
traumatisiert ist", betont Hase. Zum einen habe sie ihre
eigene Gefangenschaft zu verarbeiten, zum anderen sei das
Schicksal ihres Mannes und ihres Sohnes nach wie vor ungewiss.
"Bei deren Freilassung wird der Prozess der Verarbeitung in
Renate Wallert unterbrochen. Es werden sich erneute Veränderungen
abspielen", schätzt der Arzt ein, der zahlreiche Gewaltopfer
erfolgreich behandelt hat.
Es sei wichtig, der freigelassenen Geisel zu vermitteln, dass ihre
Reaktionen auf das Erlebte normale Regungen auf ein unnormales
Ereignis seien, sagt Hase. "Es gilt, bei ihr Selbstzweifel zu
beseitigen und zu verhindern, dass sie durch das Erleben von
Angstgefühlen erneut traumatisiert wird."
"Wenn man auf Gedeih und Verderb einem Geiselnehmer
ausgeliefert ist, gibt es die Notwendigkeit, auch Gutes an den Tätern
zu entdecken", sagt Hase. Frau Wallert habe zum Beispiel
gesagt, es gehe ihr ganz gut, obwohl die Fernsehzuschauer das
Gegenteil erkennen konnten. "Hinterher entstehen irrationale
Schuldgefühle. Da wäre die Hilfe eines Therapeuten
sinnvoll." Aber auch Renate Wallerts christliche Orientierung
könne ihr helfen, "das Unfassbare einzuordnen".
Zum
Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports
2000 (1): 11 10 09 08 07 06 05 04 03 02 01*
*Jahr
(Jahrgang): Monat
|
|
 |
 |