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"Flickenteppich"
als Normalfall: Patchworkfamilien und ihre Probleme
Bad
Soden/Marburg (19.07.2000) - Im Frühsommer 1996 brach für die
damals 17-jährige Jennifer Adler aus Marburg eine Welt zusammen.
Ihre Eltern beschlossen, sich zu trennen. Bereits 14 Tage später
packte der Vater die Koffer, verließ das gemeinsame Haus und zog
in eine kleine Wohnung, die nicht weit entfernt lag. "Obwohl
ich damals schon aus dem Gröbsten raus war, war ich wie vor den
Kopf gestoßen", sagt Jennifer heute. Doch sie begriff, dass
die Trennung der Eltern nicht auch eine Trennung von ihr
bedeutete: Nach anfänglichen Eifersüchteleien auf die neue
Lebensgefährtin ihres Vater "kann ich heute besser mit
meinem Vater reden als früher", sagt sie.
Da auch ihre Mutter nach einiger Zeit eine neue Beziehung aufbaute
und die neuen Partner der Eltern ebenfalls Kinder aus
vorangegangenen Ehen mitbrachten, lebt Jennifer Adler mittlerweile
in einer richtigen "Patchworkfamilie". Patchwork
bedeutet Flickwerk - wie ein bunter Teppich setzen sich diese
Familien aus auf den ersten Blick zufällig zusammengewürfelten
Personen zusammen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in
Wiesbaden sind rund 15 Prozent der rund zehn Millionen Familien
mit Kindern in Deutschland solche Patchworkfamilien.
"Patchworkfamilien werden das Modell der Zukunft sein",
glaubt Monika Tack, Vorstandsmitglied des Vereins
"Arbeitsgemeinschaften Stieffamilien" in Bad Soden
(Hessen). Schon die hohen Scheidungsraten legten diese Vermutung
nahe. Insbesondere in den Großstädten werde bald jede zweite
Familie eine Scheidungsfamilie sein. Den Grund dafür sieht Monika
Tack vor allem darin, dass "Erwachsene heutzutage immer mehr
auf sich selber bezogen sind und immer weniger Lust haben, noch
ernsthafte Beziehungsarbeit zu leisten". Die Trennung und
Hinwendung zu einem neuen Partner erscheint dann oft als die
einfachste Lösung.
Doch dass die Probleme dann erst richtig beginnen - insbesondere
wenn Kinder im Spiel sind - weiß Monika Tack nur zu gut aus
eigener Erfahrung. Beispielsweise treffen in Patchworkfamilien in
der Regel Menschen aufeinander, "die eine ganz
unterschiedliche Biografie mit in die neue Familie bringen",
so die Expertin. Dies birgt zunächst Konfliktpotenzial, denn es
fehlt die Übung im Umgang miteinander. "Den
Familienmitgliedern fällt es gerade in den Anfangsjahren schwer,
ihre soziale Rolle in der Gruppe zu finden und zu
akzeptieren."
Daneben stehen Patchworkfamilien häufig unter hohem finanziellen
Druck, da nicht selten weiterhin Unterhaltsverpflichtungen für
die "alten Familien" bestehen. "Entscheidend ist
zudem eine gesellschaftliche Akzeptanz der neuen Lebensform",
sagt die Soziologin Christiane Simsa, Lehrbeauftragte an der
Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen. Es sei notwendig, dass
die Familien Unterstützung und Hilfe durch ihre Umwelt erfahren.
Gerade Kinder brauchen Zuwendung, da sie besonders unter der neuen
Lebenssituation leiden können. Dann liegt es vor allem in der
Verantwortung der getrennten leiblichen Eltern, dem Kind die veränderten
Lebensumstände zu erläutern. "Kinder können große Verlustängste
erleben, wenn plötzlich eine wichtige Bezugsperson weggeht",
sagt Matthias Martin, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Marburg.
"Gerade jünger Kinder können darauf mit massiven
Verhaltenauffälligkeiten reagieren". Daher sollten klare
Absprachen und Regelungen zwischen den Elternteilen getroffen
werden.
Die Fachleute sind sich jedoch einig: Das Modell Patchwork hat
Zukunft. In einigen Jahren werde diese Lebensform gleichberechtigt
neben der klassischen Kernfamilie stehen. Bis dahin sind zwar noch
einige Hürden zu nehmen. Doch das Beispiel der Familie Adler
zeigt, dass eine Trennung auch eine Chance für einen Neubeginn
sein kann.
Informationen:
Bundesarbeitsgemeinschaft Stieffamilien, Bad Soden (Tel.: 06196-641503,
Sprechstunde mittwochs von 15.00 bis 18.00 Uhr). Auch
Familientherapeuten und Beratungsstellen der Kirchen können
Betroffenen helfen.
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