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Akupunktur oder Aspirin: Wundermittel gegen Migräne gibt es nicht
Berlin/Regensburg
(19.07.2000) - Der Schmerz ist pochend, er pulsiert in einer Kopfhälfte.
Licht und Geräusche sind unerträglich, Übelkeit und Erbrechen
peinigen: Migräne sucht Betroffene in Attacken von bis zu 72
Stunden Länge heim, in denen jede Bewegung zur Qual wird. Etwa
elf Prozent der deutschen Bevölkerung leiden nach Angaben der
Stiftung Kopfschmerz in Berlin an Migräne. Die Attacken können
bis zu zehn Mal im Monat auftreten, und die Behandlung ist nicht
einfach.
Ein anonymer Migräniker beschreibt die immer wiederkehrenden Anfälle
im Internet: "Seitlich in der Stirnhöhle glimmt ein kleines
Licht, wie eine Kerze in weiter Ferne. Um das rechte Auge zieht
sich ein Ring, der Schmerz hinter der Stirnhälfte beginnt und
wird laufend stärker, das Licht wird heller und gleißt, wird zum
Flutlicht, der Kopf pulsiert, die Finger massieren die Stirnseite,
aber es hilft nicht, das Denken wird unmöglich, der Schmerz
entbrennt."
Nach dem heutigen Stand der Medizin ist Migräne nicht heilbar.
"Aber mit der richtigen Therapie ist sie linderbar",
sagt Nikolai Karheiding, Vorsitzender der Deutschen MigräneLiga
in Ginsheim bei Mainz. Dazu sei allerdings nicht nur die richtige
ärztliche Betreuung nötig, sondern auch die Mithilfe der
Betroffenen.
"Wir wissen, dass der Migräne Entzündungen an den Blutgefäßen
im Gehirn zu Grunde liegen. Aber was beim Einzelnen zur Attacke führt,
können wir nicht sagen", sagt Jan-Peter Jansen von der
Stiftung Kopfschmerz. Deshalb müsse der Betroffene selbst genau
beobachten, wann es zu einem Anfall kommt. Die vermeintlichen Auslöser
sollten dann umgangen werden. Häufig führt akuter Stress zu Migräne.
Aber die Liste der möglichen Ursachen ist lang: Auch nachlassende
Anspannung, Nahrungsmittel oder ihre Bestandteile, Koffein,
Alkohol, Nikotin, das Wetter und Änderungen im Schlafrhythmus können
einen Anfall auslösen.
Seit sechs Jahren sind mit den so genannten Triptanen Medikamente
auf dem Markt, die vielen Menschen, die an schwerer Migräne
leiden, helfen, einen akuten Anfall zu behandeln. Bei leichteren
Anfällen helfen den Betroffenen oft einfache Schmerzmittel wie
Aspirin. Im August kommt nun "Aspirin Migräne" auf den
Markt.
In diesem Präparat ist der bekannte Wirkstoff Acetylsalicylsäure
(ASS) neu "verpackt": "Was Aspirin zu Migräne-Aspirin
macht, ist zum einen die höhere Dosis von ASS. Außerdem ist sie
besonders magenverträglich und wirkt gegen Übelkeit", sagt
Hartmut Alsfasser von der Bayer AG in Leverkusen. Zusätzlich
passiere das Medikament den Magen schneller als andere
Schmerzmittel und könne damit auch schneller wirken.
Arne May, Generalsekretär der Deutschen Migräne- und
Kopfschmerzgesellschaft in Regensburg, hält die neue
"Verpackung" grundsätzlich für sinnvoll:
"Magenverträglicheres Aspirin ist nicht nur für Migräniker
eine gute Neuerung." Ein neues Wundermittel sieht er darin
allerdings nicht. Auch Hartmut Alsfasser geht nicht davon aus, mit
dem Arzneimittel allen Migräne-Leidenden helfen zu können:
"Aspirin Migräne wird die Triptane nicht ersetzen. Aber
immerhin greift gut die Hälfte aller Betroffenen bei einem Anfall
auf Aspirin zurück, und denen können wir ein verbessertes Mittel
bieten."
Neben Medikamenten können Betroffenen nach Angaben der Experten
auch alternative Behandlungsmethoden helfen.
Entspannungstherapien, Akupunktur, psychologische Betreuung und
Homöopathie gehören zum Angebot speziell ausgerichteter
Schmerzkliniken.
Die MigräneLiga kämpft um die gesellschaftliche Akzeptanz der
Krankheit Migräne, die noch immer als eine klassische Ausrede fürs
"Blaumachen" gilt: "'Man nimmt sich eine Migräne'
heißt es oft", beschreibt Nikolai Karheiding die belastende
Ignoranz von außen. "Wir wollen das Bewusstsein wecken für
eine Krankheit, unter der viele Menschen leiden." Nicht
zuletzt, weil auch Ärzte häufig machtlos seien und sich der
Patient nicht ernst genommen fühle, gingen überhaupt nur noch 25
bis 30 Prozent der Betroffenen zum Arzt.
Die meisten Migräne-Leidenden haben ungezählte Arztbesuche und
Therapieversuche hinter sich, bevor sie die beste Kombination der
möglichen Behandlungsmethoden finden. Jan-Peter Jansen geht davon
aus, dass Migränepatienten im Durchschnitt innerhalb von 15
Jahren zwölf Ärzte konsultieren und jeweils zwei bis drei
Therapien versuchen. "Vielen bleibt nur das
Trial-and-error-Prinzip, also das Ausprobieren, um schließlich
etwas zu finden, dass ihnen hilft."
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