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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Stress mit der Schule: Wenn ABC-Schützen unter Druck geraten

Hamburg/Berlin/Bremen (20.07.2000) - Der erste Schultag hat auch etwas Bedrohliches. Allen Schultüten und Begrüßungsansprachen in der Aula zum Trotz geht für die Kinder ein meistens eher unbeschwerter Lebensabschnitt zu Ende - und es beginnt ein neuer, in dem Leistung zählt. "Die Einschulung ist eine gewaltige Umstellung. Das kann durchaus als Stress erlebt werden", sagt Frank Meiners, Diplom-Psychologe bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) in Hamburg. "Andererseits gibt es natürlich auch Kinder, die sich auf die Schule freuen und sich dort sehr wohl fühlen."

Doch auch Hausaufgaben und Klassenarbeiten können Kinder unter Druck setzen, wenn sie das Gefühl haben, mit den Anforderungen nicht klar zu kommen. "Körperliche Anzeichen für Schulstress sind zum Beispiel unspezifische Bauchschmerzen", sagt Meiners.

Eltern sind gut beraten, solche Hinweise nicht Schulter zuckend abzutun. Auch wenn dem Kind oft der Kopf wehtut, können negative Erfahrungen in der Schule dahinter stecken. Das Problem einfach mit Medikamenten lösen zu wollen, sei bedenklich: Jedes Jahr werden für Kinder bis zwölf Jahren etwa 500.000 Rezepte für Beruhigungsmittel verordnet. "Das ist schon eine sehr hohe Zahl", sagt Meiners.

Oft sind aber auch die Eltern daran beteiligt, wenn der Alltag der Kinder in Anstrengung ausartet: "Viele Grundschüler haben schon Terminstress", sagt der Psychologe. "Da geht es an einem Nachmittag zum Kindergeburtstag, dann zu den Pfadfindern und danach zum Sport." Dabei sei es für Kinder sehr wichtig, dass sie sich in ihrer Freizeit tatsächlich entspannen können und nicht ein Termin den nächsten jagt.

"Der Schulstart ist natürlich von Aufregung begleitet", sagt auch Nils-Günter Schultze, Mitarbeiter einer Erziehungsberatungsstelle in Berlin-Kreuzberg. "Aber gerade die Grundschule bietet auch eine Schonfrist, weil es noch viele Spielphasen gibt." Wenn kleine Kinder allerdings schon im Kindergarten Rückstände hatten, könne es auch in der ersten Klasse schon zu schwierigen Situationen kommen. "Eltern sollten sich bei entsprechenden Hinweisen besser dafür entscheiden, ihr Kind erst später einzuschulen", rät Schultze.

"In der Schule wird von den Kindern von Anfang an einiges an Kompetenzen erwartet", sagt Professor Rudolf Kretschmann, der sich an der Universität Bremen mit Lern- und Verhaltensstörungen bei Schülern befasst. "Die Kinder müssen beispielsweise die Trennung von der Familie aushalten, Zuwendung teilen, neue Kontakte schließen, Frustration ertragen und schnell von einer Aufgabe zur anderen umschalten können." Den meisten Kindern gelinge das, so Kretschmann, "aber rund zehn bis 15 Prozent haben damit Schwierigkeiten." In solchen Fällen können die Schüler dann auf längere Sicht in ihrem Lern- und Sozialverhalten gegenüber den anderen zurückbleiben.

Ob der Einstieg ins Schulleben ohne Stress gelingt, hängt auch von den Schulen ab, sagt Professor Eiko Jürgens von der Universität Bielefeld. "Da gibt es auch im Blick auf die erzieherischen Konzepte durchaus Unterschiede." Eltern sollten deshalb die Chance nutzen, sich schon vor der Einschulung ihrer Sprösslinge darüber zu informieren, wie die Lehrer den Unterricht gestalten, rät der Professor für Schulpädagogik. "Wenn es am Ort mehrere Grundschulen gibt, können sich Eltern dann gezielt für eine entscheiden."

"Viele Schulklassen haben heute Wohnatmosphäre statt nackte Wände", sagt Kretschmann. "Auch das trägt dazu bei, den Einstieg in die erste Klasse zu erleichtern." Eine sinnvolle Vorbereitung sei, schon im Kindergarten einmal Unterricht zu "spielen" oder mit der ganzen Kindergartengruppe der Schule einen Besuch abzustatten.

Den Kindern möglichst früh Märchen zu erzählen und mit ihnen in Bilderbüchern zu blättern, hilft gleichfalls als Vorbereitung auf die Schule. "Kinder, die regelmäßig etwas vorgelesen bekommen, sind beim Lesen- und Schreibenlernen weitaus erfolgreicher", ist Kretschmanns Erfahrung. Und noch einen Tipp gibt der Pädagoge Vätern und Müttern: "Bloß nicht drohen: Warte, wenn du erst in die Schule kommst..."

Nach der Einschulung sollten Eltern den Schulalltag ihrer Kinder begleiten, rät Jürgens - und zwar nicht nur durch Fragen im Vorbeigehen wie "Na, Hausaufgaben schon fertig?" Viel besser sei es, sich erklären zu lassen, was auf dem Stundenplan stand und was in der Schule sonst noch los war. Nicht abwegig sei auch, sich den Unterricht einmal selbst anzusehen. "So können Eltern einen Eindruck davon bekommen, was von den Kindern verlangt wird."

Schwierigkeiten in der Schule haben nach Nils-Günter Schultzes Erfahrungen oft mit familiären Problemen zu tun: "Je jünger die Kinder sind, umso empfindlicher reagieren sie darauf", sagt der Erziehungsberater. Zwar beginnen Grundschüler bereits, zum Beispiel Trennungssituationen rational zu verarbeiten. Mit ihren Gefühlen umgehen zu lernen, wenn der Vater plötzlich auszieht, könne aber problematisch sein - und das belastet dann auch den Schuleinstieg.


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