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Hoffnung
auf Vorbeugung gegen chronischen Schmerz: Nach dem Anästhesisten
der Psychotherapeut
Hannover/München
(24.07.2000) - Die meisten Krankschreibungen in Deutschland
erfolgen wegen Rückenschmerzen. Der Gesundheitsreport 2000 der Gmünder
Ersatzkasse ergab, dass etwa jede zehnte gemeldete Erkrankung
durch Rückenschmerzen verursacht werde, teilte die Kasse am
Montag in München mit. 70 Prozent der Erwachsenen geben an, dass
sie im laufe des letzten Jahres Rückenbeschwerden hatten. Bei
keiner anderen Erkrankung werde von den Betroffenen so häufig
eine betriebliche Ursache angenommen, erklärte der Geschäftsführer
der Kasse, Christian Bredl.
Eine schnelle und umfassende Behandlung starker, akuter Schmerzen
ist nach Medizineransicht die beste Hilfe, damit sie nicht
chronisch werden. "Schwerer Akutschmerz ist offenbar der Auslöser
für langfristigen Schmerz", sagte der deutschstämmige Anästhesist
Stephan Schug von der Universität in Auckland (Australien) am
Montag in Hannover. "Plötzlich auftretender Schmerz hat
offenbar einen Einfluss auf das Gehirn, das durch die schlimme
Erfahrung geprägt und verändert wird."
Schug leitete seine These von der Beobachtung ab, dass Patienten
mit chronischen Schmerzen am Beginn oftmals einen Unfall oder eine
schwere Operation hatten. 20 Prozent von Autounfallpatienten
litten noch sieben Monate danach an Schmerzen. "Die beste
Methode, chronische Schmerzen zu vermeiden, ist es, akute
Schmerzen zu blockieren", sagte Schug auf dem
Marathon-Medizinkongress "Medicine meets Millenium".
Dazu seien eine ausreichend hohe Dosis und der längere Einsatz
von Schmerzmittel nötig. Akuter Schmerz verursache eine Narbe im
Gehirn, dort, wo der Schmerz mental entsteht. "Es ist, wie
wenn der Chirurg direkt ins Fleisch schneidet."
Bekannt ist der berüchtigte Phantomschmerz in amputierten Gliedmaßen.
Für Schug ist er das Echo im Gehirn auf Schmerzen in diesem Körperteil
vor der Amputation. Das würde unter anderem bedeuten, vor großen
Operationen Nervenbahnen extra zu betäuben. Aus einer
Untersuchung gehe hervor, dass die Hälfte der Patienten ohne
Lokalanästhesie vor einem großen Eingriff langanhaltende
Schmerzen entwickelten, während es bei den vorher behandelten
Patienten nur zehn Prozent seien.
0,8 Prozent der deutschen Bevölkerung hat chronische Schmerzzustände,
bei denen Medikamente versagen. Oftmals finde man bei ihnen keine
körperliche Ursache, sagte Manfred Zimmermann vom
Neurowissenschaftlichen und Schmerz-Forschungsinstitut in
Heidelberg. Dennoch müsse angenommen werden, dass diese Menschen
stark leiden. Daneben gebe es Patientengruppen, deren Körper
krankhaft verändert ist, die gleichwohl nicht über Schmerzen
klagen.
Die geistige Verarbeitung sowie die familiären und
gesellschaftlichen Vorstellungen von Schmerz und Schmerzausdruck
sind nach Ansicht des schottischen Mediziners Gordon Waddell fast
noch bedeutender als die direkte Schmerzbehandlung. Es komme zudem
darauf an, wieviel Schmerzen dem Patienten zugemutet werden. Das würde
zum Beispiel erklären, warum 1995 in den Niederlanden doppelt so
viele Menschen pro 10.000 Einwohner wegen Rückenschmerzen
krankgeschrieben wurden wie in Schweden. Die Zahl der Frühverrentungen
wegen Rückenproblemen stieg in Schweden zwischen 1970 und 1993
von 2.500 auf 12.500 pro Jahr, nur um danach drastisch um die Hälfte
zu sinken.
"Der Grund waren schärfere Gesetze und Kriterien",
sagte Waddell, Autor des Buches "The Back Pain
Revolution". "Es gibt keinen Beweis, dass sich Rückengesundheit
verändert hat." Weder zum Guten noch zum Schlechten. Das
einzige was sich ändere, seien die stetig steigenden Ausgaben der
Sozialversicherungssysteme für Arbeitsunfähigkeit. Hier kann
eine psychotherapeutische Behandlung ansetzen - insbesondere wenn
der Schmerz sich chronifiziert hat und das Denken des Kranken sich
nur noch um ihn dreht.
"Rückenschmerz kostet in den USA jährlich 75 Milliarden
Mark. Auf Deutschland umgerechnet wären das 15 bis 20 Milliarden
Mark", referierte Michael Tryba, Anästhesiologe der
Kassel-Klinik. Nur acht Prozent davon machten die direkte
Behandlung aus, den Hauptanteil fräßen Produktionsausfälle,
Rehabilitation und Pensionszahlungen. Nach einer anderen,
ebenfalls von Tryba vorgestellten Berechnung sollen es in
Deutschland sogar 34 Milliarden Mark pro Jahr sein.
Trotz dieser ziemlich unsicheren Zahlen behauptete Tryba, zehn
Milliarden Mark könnte das Rentensystem durch "effektivere
Schmerzbehandlung" sparen. Aber wie Waddell auf dem Kongress
sagte: "Die Ausgaben hängen nicht vom Arzt ab, sondern von
den Gesetzen."
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