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Therapien
von Gehirnerkrankungen werden immer ausgefeilter - Neurochirurgen
denken an Implantate zur Steuerung von Prothesen
Hannover
(24.07.2000) - Die Medizin steht derzeit vor drei großen
Herausforderungen: Sie sammelt neue Erkenntnisse über das
menschliche Genom, über das Immunsystem und das Gehirn. Alle drei
Bereiche sind extrem komplex; sobald neue Erkenntnisse auftauchen,
wird auch deutlich, dass durch das neue Wissen ein Berg neuer
Fragen aufgetürmt wird. Die Schwierigkeiten ergeben sich aus den
vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten der Einzelteile der
jeweiligen Systeme. Beim Gehirn sind es 100 Milliarden
Nervenzellen, von denen jede einzelne gut 10.000 Verknüpfungen zu
anderen Zellen aufrecht erhält.
Gemessen an dieser Feinheit ist die Neurochirurgie und
Gehirnmedizin ein grober Keil. Zum Beispiel die Tumorchirurgie.
Seit knapp 100 Jahren wird ernsthaft versucht, mit Hilfe des
Skalpells das Leben der Patienten zu retten. "Raus damit und
das war es" - mit diesen Worten umschreibt einer der führenden
Experten auf diesem Gebiet, der Hannoveraner Neurochirurg Madjid
Samii am Samstag auf dem 31-tägigen Weltkongress für Medizin
"Medicine meets Millennium" auf der Expo, das Vorgehen
in früheren Jahrzehnten.
Anhand von Statistiken erläuterte er auf dem derzeit in Hannover
stattfindenden Kongress "Medicine meets Millennium" die
Entwicklung: 1906 starben bei Operationen am offenen Gehirn fünf
von sechs Patienten, 1917 waren es noch 20 Prozent und 1941 noch
elf Prozent. 1961 gab es den ersten mikrochirurgischen Eingriff,
bei dem Mediziner mit dünnen Sonden ins Gehirn gingen und nicht
mehr die halbe Schädeldecke aufklappten.
Seitdem hat sich viel getan. Die Mediziner können ihren am Hirn
erkrankten Patienten eine ganze Reihe von Eingriffsmöglichkeiten
anbieten. Mit Hilfe von Medikamenten, die die Botenstoffe Dopamin
oder Serotonin enthalten, lassen sich Symptome der Schüttellähmung
(Parkinsonsche Krankheit) zumindest aufhalten. "Aber",
sagt Samii, "Medikamente enttäuschen uns noch ein
wenig." Sie seien besser als gar nichts, aber die Erfolge
seien doch recht begrenzt.
Die Mediziner erhoffen sich bessere Erfolge von neuen Methoden wie
der Nerventransplantation. Im Reagenzglas gelang es bereits, noch
nicht ausgereifte Hirnstammzellen zu vermehren. Diese gesunden
Zellen könnten dem Gehirn von Parkinsonkranken implantiert
werden, wo sie wieder Dopamin produzieren, erläuterte Ronald
McKay vom US-Bundesgesundheitsamt in Bethesda (Maryland). Bislang
werden dazu Gehirnzellen von Föten genommen. Ein ethisch
bedenkliches Verfahren, wie Anders Björklund vom Wallenberg
Neuroscience Centre (Lund/Schweden) ausführte.
"Transplantation von Rückenmark ist prinzipiell möglich",
verkündete Fred Cage vom Salk Institute (LaJolla/USA) am
Wochenende in Hannover. Derzeit werde erforscht, unter welchen
Bedingungen diese Zellen einwachsen. Die aus diesem
Wissensfortschritt erwachsenden Möglichkeit regten den Kongresspräsidenten
Samii zum Träumen an. Ein erster Versuch habe erbrachte, dass
Nervenstränge durch ein elektrisches Metallgitterchen wachsen.
Der Clou dabei ist, dass dieses Sieb elektrische Impulse der
Nervenzellen aufnehmen und per Draht weiterleiten könne, zum
Beispiel zu einer Bein- oder Handprothese.
So sehen Experten eine große Herausforderung für die
Neurochirurgie darin, künftig mit Implantaten in Gehirn und Rückenmark
künstliche Gliedmaßen zu steuern. Mit der so genannten
Neurobionic - einer Wortneuschöpfung aus Neurologie, Biologie und
Elektronik - sei es im Prinzip denkbar, dass Querschnittsgelähmte
wieder laufen könnten, berichtete Madjid Samii von der
Medizinischen Hochschule Hannover. Wie realistisch dies sei, könne
er aber noch nicht beurteilen.
Kleine elektrische Plättchen, die in das Gehirn oder das Rückenmark
eingepflanzt werden, seien theoretisch in der Lage, elektrische
Impulse von Nerven aufzunehmen und an Prothesen weiterzuleiten.
Das Gehirn würde Prothesen direkt steuern. Aber das sei
Zukunftsmusik - noch. Eine weitere mögliche Anwendung wäre
seinen Worten zufolge die Übertragung elektrischer Signale von
"künstlichen Augen", also Kameras, an das Sehzentrum im
Gehirn.
Möglich sei dies durch Erkenntnisse, wonach das zentrale
Nervensystem in der Lage ist, sich in gewissen Grenzen
umzustrukturieren und zu regenerieren. "Das Gehirn entwickelt
sich immer weiter, wenn auch sehr langsam", sagte Fred Gage
vom Salk Institute for Biological Studies in La Jolla (USA). Auch
die Transplantation von gesunden Nerven-Stammzellen in erkrankte
oder zerstörte Hirnareale sei damit im Prinzip möglich.
Die ersten beiden Tage des Kongress-Marathons standen im Zeichen
der Gehirnbiologie und neuronaler Erkrankungen wie Parkinson (Schüttellähmung)
und Epilepsie. Die Neurologie arbeite an einer ganzen Reihe von
Projekten, die die Heilungschancen dieser Krankheiten erhöhten.
Eine Methode sei, bestimmte Hirnregionen elektrisch zu
stimulieren, was unkontrollierte Aktivitäten wie Krämpfe oder
Zittern hemme. Die Erfolge seien unterschiedlich, sagte der
Neurobiologe Alim Louis Benabid von der Universität Grenoble
(Frankreich). Eine Gehirnstimulation könne die Zittersymptome und
Bewegungseinschränkungen bei Parkinson zum Verschwinden bringen,
nicht aber die langsame Degeneration der Nerven aufhalten.
Der Medizin-Kongress war am Freitagabend von Forschungsministerin
Edelgard Bulmahn (SPD) und Gesundheitsministerin Andrea Fischer
(Grüne) eröffnet worden. Kongresspräsident Samii rechnet mit über
12.000 Teilnehmern während der gesamten Dauer. Die
Teilnehmerzahlen blieben allerdings bisher hinter den Erwartungen
zurück. Die Hauptvortragsreihe zum Thema Neurobiologie wurde am
Samstag nur von 150 Interessenten besucht. Insgesamt 500 Experten
werden parallel zur Expo in Hannover bis 20. August über alle großen
aktuellen Gesundheitsthemen sprechen. Unter den Referenten sind
auch acht Nobelpreisträger.
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