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Parallelen
zwischen westlicher Medizin und Schamanismus - Auch
Schamanen-Wissen bei Behandlung psychisch Kranker einsetzen
Hannover
(26.07.2000) - Therapeuten in Europa sollten nach Medizineransicht
mehr von Schamanen und anderen Heilkundigen lernen. "Der
Schamanismus ist eine Fundgrube für die moderne
Psychotherapieforschung", sagte Prof. Wielant Machleidt am
Mittwoch in Hannover. Er leitete bei dem Weltkongress "Medicine
meets Millenium" das Tagessymposium "Kultur und
Gesundheit".
"Wir sind angewiesen auf Methoden, die unser Spektrum
erweitern, um Patienten mit unbefriedigendem Therapieergebnis in
Europa wirkungsvoller behandeln zu können", sagte der
Professor der Medizinischen Hochschule Hannover. Er warnte jedoch
zugleich vor den Gefahren importierter Methoden. Anwender sollten
die Herkunftskultur genau kennen und die Therapie zugleich auf die
Kultur des Patienten zuschneiden. Eine scharfe Grenze zog
Machleidt zur Esoterik, die etwas völlig anderes als
"professioneller Schamanismus" sei, weil sich bei ihr
meist kein Heilerfolg einstelle.
Eine herausragende Parallele zwischen dem Schamanismus und der
Psychotherapie in den Industrieländern besteht nach Machleidt in
der besonderen Fähigkeit der Schamanen, sich individuell und
ausschließlich mit dem Krankheitszustand des Patienten zu beschäftigen
- in Trance. Diese Fähigkeit, die viel zur Heilung beiträgt,
kenne man - in der Regel ohne Trance - auch in der westlichen
Medizin: Eine enge und vertrauensvolle Beziehung zwischen
Behandler und Patient ist der Schlüssel zum Erfolg.
Nicht anders als der Schamane, der ohne Faktenwissen, aber
intensiv auf das Problem bezogen, zwischen dem Kranken und seinen
Ahnen und Geistern zu vermitteln versucht, sei auch das Tun eines
engagierten Psychotherapeuten darauf gerichtet, eine für seinen
Patienten sinnstiftende Methode zu finden. "Wenn ein
Psychotherapeut die Literatur wälzt zu einem Thema oder sich die
Erfahrung seines früheren Chefarztes ins Gedächtnis ruft,
versichert er sich dann nicht auch der guten Geister" - so
wie der Schamane sie anruft?
Vor einem Verlust traditioneller afrikanischen Wissens warnte der
Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka. "Ich will
keineswegs die großartigen Fortschritte der modernen Medizin
leugnen oder das traditionelle Heilen und die moderne Medizin
gegeneinander ausspielen", betonte Soyinka. "Aber
Heilung hat viele Quellen." Der in Nigeria geborene
Nobelpreisträger von 1986 Schriftsteller lebt derzeit in
Kalifornien.
Als Beispiel nannte er das Volk der Yoruba in Nigeria
(Westafrika), das etwa 24 Millionen Menschen umfasse. "Orisa,
die Religion der Yoruba, würde einen 'Verrückten' nicht zum
Objekt der Lächerlichkeit machen. Er ist lediglich von
irgendeiner Gottheit besessen." Damit sei die Grundlage für
seine Heilung gelegt.
"Lepra mag eine erschreckende Krankheit sein. Mit dem Mythos
des Gottes Obatala im Kopf wird der Kranke zwar isoliert, aber
nicht als Mensch abgelehnt." Die Yoruba-Gesellschaft
akzeptiere die Verantwortung auch für diese Unglücklichen. Auch
wenn afrikanische Kulturen laut Soyinka keine Mittel hatten, Lepra
zu heilen, "so konnte sich der Kranke doch sicher sein, dass
die Gottheiten zu seinen Gunsten arbeiten und er unter ihren
Schutz steht".
Machleidt hat nach eigenen Angaben in leicht veränderter Form die
chinesische Atemtechnik Qigong bei mehreren Dutzend Patienten
eingesetzt. "Bei einigen Krankheitsverläufen war diese
Therapie besser als die Kunsttherapie."
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