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Die Spur der ersten Tage (II): Nach schlechter Kindheit ein Leben lang unter erhöhtem Stress - Prägung von Geschmacksvorlieben im MutterleibBrighton/Atlanta/Philadelphia (02.08.2000) Wenn Mütter depressiv sind, bleibt dies nicht ohne Einfluss auf ihr Neugeborenes. Eine chronische Depression der Mutter während Schwangerschaft beeinflusst das Neugeborene sehr nachhaltig: Die Babys verhalten sich auffällig und haben einem erhöhten Hormonspiegel, der dem der Mutter entspricht. Insbesondere das Hormon "Kortisol" wurde bei Feten und Neugeborenen in ähnlich erhöhter Menge wie bei der Mutter festgestellt. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die jetzt auf dem Treffen der "British Psychological Society´s International Conference on Infant Studies" im englischen Brighton vorgestellt wurde.Die Wissenschaftler vermuten, dass Kortisol, das bei depressiven Menschen vermehrt vorkommt, die Plazenta passieren kann und so die Entwicklung des Fetus beeinflusst. Nancy Jones von der Florida Atlantic University berichtete zudem, dass es anhand einer Kortisolbestimmung möglich sei, eine vorzeitige Geburt vorauszusagen. "Wenn der Kortisolspiegel in der 28. Schwangerschaftswoche bestimmt wird, ist eine Vorhersage mit 98-prozentiger Sicherheit möglich", sagte die Wissenschaftlerin. Im "Journal der Amerikanischen Ärztegesellschaft" (JAMA) berichtete ein Team von Psychiatern um Charles Nemeroff von der Emory Universität in Atlanta am heutigen Mittwoch, einer schlechter Kindheit folge ein Leben lang ein erhöhtes Stressniveau. Insbesondere Frauen reagieren ein Leben lang weitaus stärker auf Stress, wenn ihnen im Kindesalter körperliche und sexuelle Gewalt angetan wurde. Ganz besonders krass wirken sich die traumatischen Erlebnisse der Kindheit bei Frauen aus, die unter Symptomen klinischer Depression leiden. Nemeroff und seine Kollegen testeten bei den 49 Teilnehmerinnen ihrer Studie unter anderem, wie stark sich das Niveau des Stresshormons ACTH beim Lösen kniffliger Mathematikaufgaben erhöhte. Ein anderes Mal mussten die Frauen vor einer größeren Gruppe eine Rede halten. Dabei schüttete ihre Hirnanhangdrüse im Durchschnitt die sechsfache Menge von ACTH aus wie die von Frauen mit einer unbeschwerten Kindheit. Aber nicht nur Stressreaktionen werden in den frühen Tagen des Lebens geprägt, sondern auch Geschmacksvorlieben. Wenn Kleinkinder den Teller mit Spinat auf den Boden feuern, hat Mami in der Schwangerschaft vielleicht nicht genug Blattgemüse gegessen. Denn die Essgewohnheiten der schwangeren und stillenden Mütter prägen die Geschmacksvorlieben ihres Nachwuchses. US-Wissenschaftler präsentierten diese Forschungsergebnisse auf einem Symposium der American Psychological Society (APS). 46 Frauen im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft haben an dem Experiment teilgenommen. Das Team um Julie Mennella vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia teilte die Frauen in drei Gruppen auf: Das erste Drittel trank Karottensaft während der Schwangerschaft, aber nicht während des Stillens; die zweite Gruppe machte es umgekehrt; und die Vergleichsgruppe trank stets nur Wasser. Als die Säuglinge mit rund sechs Monaten feste Nahrung zugefüttert bekamen, beobachteten die Psychologen ihre Reaktionen auf den Brei - der entweder mit Wasser oder Karottensaft zubereitet war. Klares Ergebnis: Babys, die in Mutterleib oder Muttermilch den Karottengeschmack erfahren hatten, reagierten deutlich begeisterter auf den Karotten-Brei. Die anderen Kinder zeigten keine Vorlieben. Der Versuch gilt als erster experimenteller Nachweis dafür, dass Geschmacksvorlieben im Mutterleib übertragen werden. Frühere Studien hatten lediglich statistisch ermittelt, dass Kinder, deren Säuglingsnahrung einen Vanillegeschmack hatte, später auch Vanille im Essen bevorzugten. Das Ergebnis unterstützt auch die Wichtigkeit des Stillens gegenüber zubereiteter Fläschchenmilch: Es mache Kinder offener für verschiedene Geschmacksrichtungen, so Mennella, und lehre es sie, am gewohnten Geschmack die sicheren und gesunden Nahrungsmittel zu erkennen. Möglicherweise sorgt diese frühe Prägung auch für die Gewöhnung an kulturelle Besonderheiten, etwa an besonders scharfe Gewürze. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 01. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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