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Manche Menschen rechnen farbig oder sehen Töne - Das Phänomen der SynästhesieStuttgart (02.08.2000) - Manche Menschen können Farben hören oder Töne sehen. Auch Goethe und der russische Maler Kandinsky verfügten über die Fähigkeit, verschiedene Sinneseindrücke verknüpft zu erleben. Die Synästhesie – die Mischung von Informationen aus verschiedenen Sinnen – ist den Dichtern seit Jahrhunderten geläufig. In Zeilen wie "Golden wehn die Töne nieder“ aus Clemens Brentanos "Abendständchen“ wird beispielsweise eine Farbe benutzt, um einen Klang zu beschreiben. Oder: "Durch die Nacht, die mich umfangen, blickt zu mir der Töne Licht", dichtete ebenfalls Brentano.Dieses Phänomen der Synästhesie wurde erstmals 1880 von Sir Francis Galton wissenschaftlich beschrieben. Bisher galt die Synästhesie als eine Wahrnehmungsfähigkeit, die sich auf Erscheinungen der Außenwelt beziehen, zum Beispiel die taktile Information ein visuelles Bild umzusetzen. In Schweden versuchten Neurologen jenen Teil des Gehirns zu identifizieren, in dem die Informationen aus verschiedenen Sinnesbereichen ausgetauscht werden. Nouchine Hadjikhani und Per Roland vom Karolinska Institut in Stockholm führten folgendes Experiment durch: Sie bildeten drei Gruppen von Versuchspersonen, von denen die erste zwei ähnliche Gegenstände nur durch Tasten bestimmen sollte, während eine zweite die Ähnlichkeit oder Identität durch Ansehen erfassen sollte und eine dritte Gruppe schließlich ein Objekt, das sie ertastet hatte, vergleichen sollte mit einem Objekt, das sie sah. Während des Experiments wurde die Gehirntätigkeit der Versuchspersonen durch Tomographie sichtbar gemacht. Es zeigte sich, dass nur bei den Versuchspersonen der dritten Gruppe, die mit visueller Wahrnehmung und Tastsinn arbeiten sollte, die Struktur des Frontallappens, genannt Insula-claustrum, aktiviert wurde. "Das Claustrum,“ schließt Roland, "spielt eine gewisse Rolle, wenn diese beide Prozesse miteinander verbunden werden.“ Auch Eraldo Paulesu, ein Neurologe vom Wissenschaftlichen Institut von San Raffaele in Mailand, fand das Ergebnis sehr interessant. Der Synästhesie-Spezialist war in früheren Arbeiten zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Er mahnt allerdings zur Vorsicht: "Diesen multimodalen Austausch nur einer einzigen Gehirnregion zuzuschreiben, wäre unklug.“ Neueste Forschungen berichten nun von einer Synästhetin, die Zahlen - also rein begriffliche Einheiten - farbig sieht und mit dieser Wahrnehmungsfähigkeit auch Rechnungen durchführt. Ein Forscherteam unter der Leitung von Michael Dixon vom Institut für Psychologie der University of Waterloo in Kanada haben die Angaben der Frau in einem Experiment überprüft und bestätigt. Die Ergebnisse wurden in der neuesten Ausgabe von "Nature" vom 27.07.2000 veröffentlicht. Sie verwendeten für dieses Experiment den so genannten Stroop-Test, der in seiner klassischen Variante so aussieht: Man zeigt Probanden Farbwörter wie "rot", "grün" usw. Teils ist die Schriftfarbe entsprechend zur Farbwortbedeutung, teils stimmen Schriftfarbe und Farbwortbedeutung nicht überein, d.h. das Wort "blau" ist z.B. in grüner Schrift gedruckt. Aus früheren Experimenten mit diesem Test ist bekannt, dass Versuchspersonen, die die Farbwörter laut vorlesen, dies deutlich langsamer tun, wenn Schriftfarbe und Farbwortbedeutung nicht übereinstimmen. Für die Farb-Zahlwort-Synästhestetin wurde der Stroop-Test so umgewandelt, dass statt der Farbwörter Ziffern präsentiert wurden - teils in den Farben, in denen die Frau sie selbst sieht, teils in davon abweichenden Farben. Es zeigte sich, dass die Frau die Zahlen-Farbe in deutlich weniger Zeit benannte, wenn Farbe und Zahl in ihrem Empfinden übereinstimmten, als wenn sie nicht zusammenpassten. Das Experiment wiederholten die Forscher mit ganzen Rechenaufgaben wie 5+2. Harmonierte das Rechenergebnis mit der "richtigen Farbe", nannte die Frau die Farbe - in ihrem Fall gehörte zur Sieben notwendig die Farbe gelb - schneller als Personen der Kontrollgruppe. Wie viele Menschen Synästheten sind, ist unbekannt. Manche Schätzungen gehen von einer Person von 25.000 aus, andere halten es für möglich, dass jeder zweitausendste Mensch so eine Verschmelzung mehrerer Sinneseindrücke erfahren kann. Viele Synästheten sind sich vermutlich auch nicht im Klaren über ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten. Der Farb-Zahlwort-Synästhetin begegneten die Forscher eher zufällig bei ihren Untersuchungen zur Synästhesie. "Ach, sehen nicht alle Menschen Zahlen in Farben?", hatte die Frau die Forscher verwundert gefragt. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 02. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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