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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Psychotherapeut zum "Gefühlsstau" des Ostens: Man schlägt den Afrikaner und meint den Wessi

Berlin (03.08.2000) - Nach Einschätzung des Hallenser Psychotherapeuten Hans Joachim Maaz wird der Rechtsradikalismus in den neuen Ländern noch weiter zunehmen. "Ich fürchte, es wird noch viel schlimmer kommen. Denn an den psychologischen Ursachen hat sich nichts geändert. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten, Frustrationen über Konsum und soziale Anerkennung abzubauen, weniger", sagte Maaz der "Berliner Morgenpost" am heutigen Donnerstag. "Gegen diese Enttäuschung wehren sich viele durch Radikalisierung."

Beim Rechtsextremismus in den neuen Ländern geht es laut Maaz in erster Linie um die Kompensation von seelischen Defiziten, die unter anderem auf autoritäre Erziehung im Elternhaus und in Kinderkrippen in der DDR zurückzuführen sei. "Heute noch erregen sich viele Leute im Osten, die noch immer nicht wahrhaben wollen, dass die Krippen Kinder schwer traumatisierten." Kinder aus autoritären Erziehungsverhältnissen würden als Erwachsene danach streben, wieder autoritäre Beziehungen einzugehen oder sich autoritären Gruppen anzuschließen.

1990 sorgte Maaz mit seinem Buch "Der Gefühlsstau - ein Psychogramm der DDR" für Aufsehen. Der Gefühlsstau der Ostdeutschen sei entstanden durch zu frühe Trennung von Eltern, autoritäre Erziehung in Krippen, Kindergärten, Schulen und Anpassungsdruck an Gruppen.

Die Frage, ob Ostdeutsche wirklich öfter rechtsextrem seien, verneinte Maaz: "Es geht nur sekundär um politische, ideologische oder religiöse Inhalte. Der Extremismus hat eine individuelle und eine soziale Komponente. Die individuelle Quelle nenne ich Gefühlsstau, entstanden durch autoritäre und repressive Erziehung. Das versucht man gewöhnlich mit dem Streben nach sozialem Status zu kompensieren. Lebt man in einem militanten System, tut man das vielleicht durch eine Karriere als Offizier, in der Polizei oder im Sicherheitsapparat. In einem konsum- und geldorientierten System dient wirtschaftlicher Erfolg als Ausgleich seelischer Defizite. Bleibt er aus, wird eine einfache Erklärung gesucht. Die bietet der Rechtsradikalismus. Es gibt im Osten kaum eine primär politische Rechtsorientierung. Was rechtsextreme Gruppen anbieten, sind Sündenböcke, Parolen, einfache Lösungen, simple Antworten. Das fällt auf fruchtbaren Boden."

Was wir im Osten dringend bräuchten", erklärte Maaz heute, "wäre ein 1968, eine antiautoritäre Bewegung." Im Vereinigungsprozess sei eine starke Abneigung gegen Westdeutsche entstanden, die oft als die neuen Herren gesehen werden. Diesen Konflikt wage man aber nicht offen auszutragen, sondern suche sich Sündenböcke. "Es ist leichter, einen sozial schwächeren Ausländer anzugreifen, als den sozial anerkannten Wessi. Man schlägt den Afrikaner, will aber eigentlich den Westdeutschen treffen", sagte der Psychotherapeut.

Dahinter sieht Maaz eine tiefe Selbstwertproblematik: Es herrsche "eine Überfremdung durch westliche Einflüsse vor, in der Menschen mit ostdeutscher Sozialisation keinen hohen Wert haben. Diese Abwertung führt zur Suche nach etwas Selbstwertsteigerndem. In dem Tenor: ,Im Osten war doch nicht alles schlecht`. Wir haben den Fehler gemacht, erst mal alles wegzuwerfen, um dann festzustellen, dass im Westen auch vieles nicht in Ordnung ist." Die Ostalgie als Gegengewicht unterstützt der Psychotherapeut, "weil sie zu dem Bewusstsein führt: Wir sind nicht schlechter als Westdeutsche sondern anders. Und diese Andersartigkeit hat auch ihren Wert. Die westliche Sozialisation mit ihrer Erfolgs- und Leistungsorientierung, hat ihre Defizite in der Vernachlässigung der Beziehungen."

Sollte "der Wohlstand in Deutschland absinken und sich die Gesellschaft radikalisieren, könnte sich die zwischenmenschliche Kompetenz der Ostdeutschen positiv für alle auswirken", meint Maaz. "Wenn wir erlebbar machen können: Es ist viel befriedigender eine glückliche Beziehung zu führen, als ein neues Auto zu kaufen."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 03. August 2000]

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