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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Die Psychologie der Abgrenzung - Feindbilder wenden sich nach dem Ende des Kalten Krieges nach innen

Tübingen/Stuttgart (05.08.2000) - Die Klischees vom unmenschlichen Russen und dem humanitären, freiheitsliebenden Amerikaner haben nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ausgedient. Allerdings seien die Klischees nicht aus der Welt, betonte der Tübinger Amerikanistik-Professor Bernd Engler in einem Gespräch. Die Stereotypen würden unter anderen Vorzeichen weitergeführt. "Sie werden nun nicht mehr auf Ost oder West, sondern auf innerstaatliche Gruppen projiziert", betonte Engler.

Er ist der Initiator eines Seminars, bei dem 30 Wissenschaftler aus Ost und West erstmals an der Tübinger Universität von Sonntag (6. August) bis zum 20. August über neue Feindbilder sprechen wollen. Anhand von Cold-War-Filmen, Science-Fiction- und Agententhrillern sowie aktuellen Dokumentationsfilmen werden in 18 Workshops die Veränderungen der Ost-West-Stereotypen von den 50er Jahren bis zum Tschetschenienkrieg untersucht.

Als ein aktuelles Beispiel zum Thema nannte Engler "den Tschetschenen", der in Rußland nun als neues Feindbild herhalten müsse. Auch der immer mehr zunehmende russische Antisemitismus unterstütze diese These. Engler entdeckte das Phänomen auch in den USA: "Die Amerikaner haben nach dem Niedergang der UdSSR ebenfalls ihren inneren Feind entdeckt". Das äußere sich beispielsweise im Rassenhass, "der in Straßenunruhen in Los Angeles gipfelte", sagte Engler.

Er fügte hinzu, psychologisch seien Stereotypen einfach zu erklären: Man suche sich Feindbilder, um durch Abgrenzung die eigene Persönlichkeit zu definieren. Genau an diesem Punkt sei man aber schon in der Debatte: "Die Experten sind uneins, ob Stereotypen vorwiegend nationalspezifisch oder psychologisch zu beurteilen sind", meinte der Wissenschaftler.

Er freue sich auf eine kontroverse Diskussion während des Seminars. Denn die Wissenschaftler aus Ost und West würden bestimmt verschiedene Meinungen vertreten. Die USA beispielsweise seien sehr kritisch, wenn es um den Stalinismus oder den Tschetschenienkrieg gehe. In eigenen Belangen würden sie jedoch eine gewisse Blindheit an den Tag legen. Die Amerikaner seien wahrscheinlich auch etwas optimistischer, was die Lösungsfindung angehe, vermutete Engler. Er selbst ist eher pessimistisch: "Stereotypen sind nicht auflösbar. Sie entwickeln nur immer wieder neue Ausformungen."

Sie sind sogar weitgehend unabhängig von Bildung und sozialer Zugehörigkeit. Auch Ärzte und Psychotherapeuten erliegen der Gefahr, "ein billiges Feindbild als Ersatz für ein differenziertes Selbstverständnis zu wählen", beobachtet der Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann. Typisch sei die Angst- und Hetzkampagne nordwürttembergischer Ärzteführer, die sich gegen alle richte, die ihre Selbstbestimmung erhalten und die von Kritikern als "Entrechtungserklärung" bezeichnete Beitrittserklärung zum umstrittenen Medi-Verbund nicht unterzeichnen wollen. "Der Medi-Verbund ist ein Beispiel aus dem Gesundheitswesen für den Versuch, der gesellschaftlichen Entwicklung und der Angst vor der Zukunft durch Aus- und Abgrenzung widerstehen zu wollen. Wo es an tragfähigen Lösungen mangelt, müssen Feindbilder herhalten, wo Autorität fehlt, regiert die Angst", sagt Luchmann.

So herrscht unter Ärzten und Psychotherapeuten "in Nordwürttemberg ...wegen wenig demokratischer Vertragsstrukturen jetzt offensichtlich Krieg und Mord und Totschlag", schilderte ein Schleswiger Allgemeinarzt am 28.05.2000 das Ergebnis dieser törichten Berufspolitik, deren von Angst und Machtgier getriebene Vertreter ihre Unsicherheit durch Gebrüll und Feindbilder zu bewältigen suchen. "Die Geschichte lehrt uns, dass diejenigen, die nach der 'Entrechtung' der anderen streben, damit ihr Unglück mildern wollen, sich nicht selbst lieben gelernt zu haben", meint der Psychotherapeut Luchmann. Das Ergebnis sei für die Gemeinschaft stets verheerend. "Aber manchmal lernen die Leute aus Fehlern", berichtete der Schleswiger Allgemeinarzt weiter. Die schleswig-holsteinische Ärzteführung "suchte den Konsens, nicht die Konfrontation", um ihre Zukunft zu gestalten. Das Ergebnis war eine überwältigende "Einstimmigkeit", die laut Ärzte-Zeitung "alle Erwartungen übertroffen" habe.

Wegen der Brisanz der Thematik und mit Blick auf aktuelle Kriege in Osteuropa oder Pogrome finanzierte das Bundesministerium für Wirtschaft und Technik das Treffen mit 58.000 Mark. Weitere Förderer sind der Stifterverband der deutschen Wissenschaft und der Universitätsbund der Universität Tübingen, sie steuern je 10.000 Mark bei. Die Professoren kommen unter anderem aus Weißrussland und Ungarn, den USA, Deutschland, England und Frankreich. Sie sind Kommunikationswissenschaftler, Amerikanisten, Politik- und Kulturwissenschaftler und nehmen unentgeltlich am Seminar teil.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 05. August 2000]

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