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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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"Seinesgleichen nicht mehr getroffen" - Zum 100. Todestag des Menschen Friedrich Nietzsche am 25. August

Stuttgart (15.08.2000) - "Der Kampf ums Dasein", so schrieb Friedrich Nietzsche, "bezeichnet einen Ausnahmezustand. Die Regel ist vielmehr der Kampf um die Macht". Und "damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei dazukommen: Der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben."

So wird Friedrich Wilhelm Nietzsches Werk zu seinem 100. Todestag am 25. August 2000 mehr als zu seinen Lebzeiten geschätzt - und verstanden. Sein Werk erwuchs aus einer genialen Kombination von brillantem Geist, Leidenschaft und Sensibilität, unter großen seelischen Spannungen. Bei den meisten anderen Großen der Philosophiegeschichte wie etwa Aristoteles, Rene Descartes, Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel kann das Werk ohne Wissen über die Verfasser restlos verstanden werden. Nicht so bei Nietzsche: Selbst das Kümmerliche in Nietzsches Existenz, einschließlich seiner Krankheitszustände, ist Schlüssel zu seinem Werk.

"Einsamkeit - das war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte", schrieb Lou von Salome, die als 21-jährige dem um 16 Jahre Älteren in Rom begegnete. Man habe sich diese Gestalt schwer in einer Menschenmenge vorstellen können - "sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens". Seine Augen wirkten auf die spätere Schriftstellerin "wie Hüter und Bewahrer eigener Schätze, stummer Geheimnisse". Im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu zweien konnte in seine Augen "ein ergreifendes Leuchten kommen und schwinden". In finsterer Stimmung "sprach die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen Tiefen".

In Zeugnissen von Zeitgenossen wird immer wieder der Kontrast deutlich zwischen der Schärfe und dem Sarkasmus in Texten Nietzsches und seiner Sanftmut im Umgang mit Menschen. So war sein späterer Freund Peter Gast beim persönlichen Kennenlernen "frappiert", nur "Güte", "innigen Ernst", "eminente Selbstbeherrschung", "äußerstes Wohlwollen im Urteil über Menschen" anzutreffen.

Der Literat Paul Lanzky fand in ihm einen "bescheidenen, leutseligen, einfachen und liebenswürdigen Gelehrten, der sehr heiter war". Die Studentin Resa von Schirnhofer einen Menschen "von exquisiter Sensibilität, zartfühlend und von ausgesuchter Höflichkeit in Gesinnung und Manieren dem weiblichen Geschlecht gegenüber".

Einen gewissen Kontrast gab es auch zwischen Nietzsches zuweilen auffallender körperlicher Robustheit, etwa bei Spaziergängen und Wanderungen, und seiner labilen gesundheitlichen Disposition, die sich vor allem in Migräneanfällen und empfindlichen Reaktionen auf Wetter und Klima manifestierte. Auch extreme Kurzsichtigkeit beeinträchtigte ihn.

In bester Verfassung präsentierte sich der 32-jährige dem Maler und Dichter Reinhart von Seydlitz bei seinem Winteraufenthalt in Sorrent. "So schritt er denn, zurückgelehnten Hauptes, gleich einem Sorrentiner Propheten, mit halbgeschlossenen Augen durch die blühenden Orangen-Alleen fort. Sein Schritt war weit, lang, aber weich". Der Psychologe Paul Ree beschrieb ihn einige Jahre später als einen trotz seiner Leiden kräftigen, jugendlich aussehenden Mann, von dem niemand glaubte, dass er sich den Vierzigern näherte.

Seine mütterliche Freundin Malwida von Meysenbug neigte dazu, ihn als Asketen und Heiligen zu sehen, der sein Leiden mit Heldenmut trug: "wird dabei immer sanfter, fast fröhlich, und arbeitet immerfort, obgleich er beinahe blind ist ... absolut niemand hat, der ihn pflegt, ihm hilft", bei wenig Geld.

Als Paul Deussen, Freund aus der Studentenzeit, den 43-jährigen zum ersten Mal nach vierzehn Jahren wiedersah, fand er ihn sehr verändert: schleppender Gang, Rede manchmal schwerfällig, stockend. Über die "sehr primitive Wohnung" in Sils Maria (Engadin) berichtet er: "Die Einrichtung war die denkbar einfachste. An der einen Seite standen seine mir von früher her meist noch wohlbekannten Bücher, dann folgte ein bäurischer Tisch mit Kaffeetasse, Eierschalen, Manuskripten, Toilettengegenständen in buntem Durcheinander, welches sich weiter über einen Stiefelknecht mit darin steckendem Stiefel bis zu dem noch ungemachten Bette fortsetzte".

Der Theologe Franz Overbeck schrieb mehrfach, niemand sonst habe ihn so tief berührt und erschüttert wie Nietzsche: "Seinesgleichen habe ich auf meinen Lebenswegen nicht mehr getroffen, er hat in mein Leben gleich keinem andern Menschen eingegriffen, er hat es erhoben, und dafür dass er es nicht 'erleichtert' hat, bin ich ihm nur unauslöschlich dankbar". Es war Overbeck, der sich nach dem geistigen Zusammenbruch Nietzsches um die Jahreswende 1888/89 in Turin zuerst um den Freund kümmerte.

Peter Gast sagte in seiner Grabrede in Röcken, der Leib Nietzsches kehre nun, "nach der ungeheuren Odyssee" seines Geistes, zur Heimaterde zurück. "Wir aber, die wir das unendliche Glück hatten, Dir im täglichen Leben nahe sein zu dürfen, wir wissen nur zu gut, dass mit Buch und Schrift sich nicht wiedergeben lässt, was den Zauber gerade Deines Wesens ausmachte. Das ist nun für immer dahin".

"Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: Beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen könnte", schrieb Nietzsche. Inzwischen liegen Nietzsches "Sämtlichen Werke" in einer hoch gelobten Ausgabe vor, die dem Menschen Nietzsche gerecht wird und viel Freude machen kann.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 15. August 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Studienausgabe (15 Bände). Hrsg.v. Colli u. Montinari. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1999.
Als 1980 die "Kritische Studienausgabe" der Werke und Nachgelassenen Schriften Friedrich Nietzsches zum ersten Mal erschien, war das Wort vom "Jahrhundert-Nietzsche" in aller Munde. In seltener Einigkeit feierten Medien und Wissenschaft dieses unerhörte Taschenbuchereignis, das die Nietzsche-Rezeption grundlegend veränderte: Erstmals wurde der gesamte Nachlass, der die veröffentlichten Werke an Umfang übertrifft, ohne Fälschungen und Streichungen zugänglich gemacht. Fast 5.000 Druckseiten ergaben die Nachlassmanuskripte, die die beiden italienischen Forscher Giorgio Colli und Mazzino Montinari in jahrelanger Arbeit für die Kritische Gesamtausgabe beim Verlag Walter de Gruyter gesichtet, geordnet und transkribiert hatten. Die KSA, wie die gemeinsame Taschenbuchausgabe vom Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv)/de Gruyter seither in Kurzform zitiert wird, hat in nun fast zwanzig Jahren viel dazu beigetragen, dass die fatalen Nietzsche-Legenden zerstört und eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit diesem großen Künstler-Philosophen möglich wurde.
Die vorliegende 15-bändige dtv-Ausgabe umfasst 9.632 Seiten.

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