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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Psychotraumatologie: Wenn die Angst nicht gehen will - Psychologen helfen Überfallopfern

Frankfurt/Main (16.08.2000) - Manchmal verändern zwei Minuten Angst oder der Blick in eine Pistolenmündung ein ganzes Leben. Alkoholismus, Scheidungen und sogar Selbstmorde sind nach Einschätzung von Psychologen extreme Spätfolgen, die sich bei Opfern von Banküberfällen wie auch anderer Gewaltdelikte zeigen. Für Bankangestellte haben einzelne Geldinstitute wie die Frankfurter Sparkasse 1822 sowie die R+V-Versicherung Hilfsprogramme aufgelegt, mit denen eine langfristige Traumatisierung der Opfer verhindert werden soll.

Nachdem Deutschland lange Zeit ein "Entwicklungsland" in Sachen psychologischer Versorgung der Opfer von Unfällen und Gewaltverbrechen war, haben eine Reihe von Initiativen und Kongressen die Psychotraumatologie seit 1998 vorangebracht. Auf dem jüngsten Kongress "Unfall und Trauma - Konzepte der Psychotraumatologie für die Akutmedizin", der vom 12.-13.05.2000 am Aachener Universitätsklinikum stattfand, wies der Unfallchirurg H.J. Erli (Aachen) nach, dass etwa ein Viertel der Unfallopfer zu den Risikopatienten für eine spätere psychotraumatische Belastungsstörung zählt. Die Früherkennung der PTSD-Risikogruppe (Post-Traumatic Stress Disorder) wird damit zu einer wichtigen Frage der Gesundheitsprävention und -ökonomie.

Auch U. Schnyder aus der Psychiatrischen Poliklinik Zürich, derzeit Präsident der Europäischen Traumagesellschaft (European Society for Traumatic Stress Studies, ESTSS) und U. Frommberger, derzeit Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), bestätigen unabhängig voneinander den Zusammenhang von Unfall und traumatischen Folgen in eigenen Untersuchungen. Nahezu durchgängig zeigt sich nach schweren Unfällen und/oder Katastrophen ein Anteil von Traumageschädigten, den man annähernd auf Viertel der betroffenen Population beziffern kann. Es scheint weitgehend unbestritten, dass bestimmte Konstellationen besonders gravierender Situationsfaktoren das Risiko einer psychotraumatischen Belastungsreaktion erhöhen. Ebenso entscheidend für die Entwicklung von psychischen Traumaschäden ist, ob in der Einwirkungsphase des Traumas hilfreiche oder hinderliche soziale Begleitumstände bestehen. Gerade hier bietet sich ein weites Feld für unterstützende Maßnahmen.

Bei der Wiesbadener Hausversicherung der Volks- und Raiffeisenbanken läuft seit Mai ein von der Berufsgenossenschaft unterstützter Modellversuch, der Mitarbeitern und Kunden von fast 20.000 Filialen der Genossenschaftsbanken im ganzen Land zugute kommen kann. Gerade die kleinen Mitgliedsbanken hätten bislang immer bei Null angefangen, wenn es um Hilfsangebote für die Opfer ging, berichtet der Abteilungsdirektor Personenversicherung, Stephan Schulze-Schwienhorst. Auf Kosten der Versicherung reisen nun die Experten des Deutschen Instituts für Psychotraumatologie aus Köln an.

Innerhalb von drei Sitzungen wollen sie Hochrisikopatienten erkennen, denen von dem Erlebten ernsthafte psychische Gefahren und eine dauerhafte Berufsunfähigkeit drohen. Rund 200 Überfallopfer haben die Kölner seit Beginn der Probeläufe betreut, berichtet der Projektleiter Christian Lüdke. Drei von ihnen wiesen ein derart starkes Krankheitsbild auf, dass sie langfristig behandelt werden mussten. Das auch mit Hilfe von Fragebogen durchgeführte "Screening" wird von der Versicherung bezahlt, längerfristige Behandlungen trägt bei den Angestellten die Berufsgenossenschaft, bei den in Mitleidenschaft gezogenen Kunden deren Krankenkasse.

Unmittelbar nach dem Überfall reagieren alle Betroffenen gleich, sagt der frühere Polizeipsychologe Lüdke: Die Bilder des Überfalls tauchen in Nachhall-Erinnerungen immer wieder auf, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sind ebenso wie Gedächtnisaussetzer und Schreckhaftigkeit an der Tagesordnung. "Das ist eine absolut normale Reaktion auf ein absolut verrücktes Ereignis", lautet daher die erste Botschaft der durch die gesamte Republik reisenden Psychologenteams. Von den vom Bundeskriminalamt erfassten rund 1.300 Banküberfällen in Deutschland jährlich entfallen rund 350 auf die R+V-Banken.

In einer zweiten Phase sollen die Patienten stabilisiert werden, indem ihnen Kontrolltechniken beigebracht werden, sagt Lüdke. Den Bildern des Überfalls könne man beispielsweise eigene positive Erinnerungen entgegenstellen und den Schrecken bewusst verdrängen. Bei der eigentlichen Traumatherapie gehe es darum, die natürlichen Selbstheilungsstrategien des Patienten zu unterstützen und zu verstärken.

Petra Schödel hat sich dem Schrecken gestellt, immer wieder und gezwungenermaßen. Acht Mal ist die Leiterin einer Frankfurter Sparkassenfiliale bereits überfallen worden und hält damit mindestens den internen Rekord ihres Instituts. "Es ist jedes Mal wieder schrecklich", berichtet die 39-jährige. Sie hat nach eigener Einschätzung einige Macken davon getragen, kann beispielsweise keine schwarzen Strickmützen und Motorradhelme mehr sehen.

Welche Frühinterventionen können helfen, solche Schäden zu verringern oder zu verhüten? Welche schaden möglicherweise sogar? Und ist es möglich, dass dem einen hilft, was dem anderen schadet? Zu diesen Fragen wird gegenwärtig intensiv geforscht. Als vergleichsweise sicheren Weg für Frühintervention und Traumatherapie empfiehlt Gottfried Fischer vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität zu Köln, die therapeutischen Maßnahmen eng an den "natürlichen Heilungsprozess" seelischer Verletzungen anzuschließen und diesen gezielt zu unterstützen. Viel sei schon gewonnen, wenn die Frühintervention den natürlichen Prozess der Traumaverarbeitung zumindest nicht stört. Das sei, so der Kölner Psychologe, angesichts der problematischen Ergebnislage beim sogenannten "debriefing" und anderen Frühinterventionen keineswegs selbstverständlich.

Erste Studien zur Akut-Traumatherapie zeigten gleichwohl auch ermutigende Ergebnisse. "Es ist sehr wichtig, den Betroffenen frühzeitig Hilfe anzubieten", sagt Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut und Leiter der Angstambulanz Stuttgart. "Die Bedürfnisse nach Hilfestellung bei der individuellen Traumaverarbeitung mögen sehr unterschiedlich sein, es kommt aber entscheidend darauf an, die Bewertung und den Umgang mit den Traumaerfahrungen von Anbeginn an in eine konstruktive Richtung zu lenken". Die Bewältigung einer traumatischen Situation hänge wesentlich auch davon ab, inwieweit eine gedankliche Vorbereitung auf das traumatische Geschehen erfolgt ist: "In Bereichen mit überdurchschnittlichen Risiken gehört ein entsprechendes Training zur unverzichtbaren Prophylaxe", sagt der Stuttgarter Psychotherapeut. "Eine erwartete und trainierte Ausnahmesituation wird in aller Regel geringere oder keine psychischen Erschütterungen nach sich ziehen als der realitätsferne Glaube, davon verschont zu bleiben. Hier kann die Prävention ansetzen."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 16. August 2000]

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