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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Marken-Arzneien aus "zweiter Hand": Generika haben sich durchgesetzt - billige und weniger wirksame Psychopharmaka viel zu oft verordnet

Hamburg/Köln/Frankfurt/Main/Hemer (17.08.2000) - Markenqualität zum halben Preis - das gibt es nicht nur als Sonderangebote für Staubsauger, Kosmetik und Reisen, sondern auch in der Apotheke. Arzneimittel, deren Patentschutz abgelaufen ist, werden unter neuem Namen mit gleichem Wirkstoff produziert und deutlich preiswerter verkauft. Inzwischen machen diese als Generika bezeichneten Nachahmer-Medikamente rund die Hälfte aller Arzneimittel aus, die in den Apotheken über den Ladentisch gehen.

Die Idee ist gut 25 Jahre alt: Mitte der siebziger Jahre begann das damals neue Unternehmen Ratiopharm in Ulm mit der Produktion preisgünstiger Medikamente, bei denen der Patentschutz erloschen war. In der Folgezeit sicherte sich die Firma die Spitzenstellung unter den Generika-Herstellern. Anfangs hatten die Produkte zwar einen schlechten Ruf als "Billig-Kopien" und wurden als zweitklassige "No name"-Arzneimittel kritisiert. Doch mittlerweile sind die Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit ausgeräumt: Die Bundesärztekammer in Köln etwa setzt sich heute mit Nachdruck dafür ein, "qualitativ hochwertige Generika verstärkt anstelle von Markenpräparaten zu verschreiben".

Die Pharmaindustrie ist seitdem in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite stehen die Markenproduzenten, die patentgesicherte teure Medikamente herstellen. Sie kritisieren die "Trittbrettfahrer", die sich die Forschung sparten und nur abgelaufene Patente ausnutzten. Auf der anderen Seite stehen die Generika-Produzenten. Für die Verbraucher hat diese Konkurrenz viele Vorteile: Bei Medikamenten, die aus der eigenen Tasche zu zahlen sind - etwa Kopfschmerztabletten -, haben sie die Wahl zwischen bekannten Markenprodukten und den Generika mit dem gleichen Wirkstoff, die nur halb so viel kosten.

Eine Generika-Übersicht bietet die "Kieler Liste" der deutschen Verbraucherzentralen, die zu den Markenarzneien die Alternativen nennt, die sich "in Wirkstoff und Konzentration nicht vom Originalpräparat unterscheiden", so Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucher-Zentrale Hamburg. In einigen Fällen kosten die Generika dabei nur ein Viertel oder Fünftel des Originalpreises.

Für Ärzte bietet das Verschreiben von Generika eine Möglichkeit, die Vorgaben der Arzneimittelbudgets einzuhalten. Denn seitdem die Gesundheitspolitik den Medizinern engere Grenzen gesetzt hat, achten viele Ärzte stärker als früher auf die Preise der verschriebenen Medikamente. Bei einigen Wirkstoffen wie etwa bestimmten Husten- und Schmerzmitteln werden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV) in Köln zufolge sogar fast nur noch Generika verschrieben.

Allerdings kann das Spar-Rezept nicht in allen Fällen verschrieben werden. Denn für neue Arzneimittel gibt es noch keine Generika. Und nicht selten wollen oder brauchen die Patienten auch ihre bekannten und bewährten Marken-Medikamente.

Problematisch und widersprüchlich ist die Situation im Bereich der Psychopharmaka: Billige Psychopharmaka werden nach Expertenansicht viel zu leicht und viel zu oft rezeptiert. Hierbei handelt es sich zumeist um sedierende oder antidepressive Mittel, die Ärzte bei Stressreaktionen, Angst- und Panikstörungen oder Depressionen verordnen. Mit teuren Folgen: Wo Ärzte statt der frühzeitigen Überweisung zum Psychotherapeuten und Einleitung einer psychotherapeutischen Behandlung über eine lange Zeit nur Medikamente verordnen, werden die Störungen unnötig chronifiziert, die Heilungschancen gemindert und die Kosten für das Gesundheitswesen insgesamt in die Höhe getrieben.

Wirksame Psychopharmaka wiederum werden dort, wo es indiziert wäre, aus Kostengründen kaum verschrieben. Weil neue Psychopharmaka teuer sind, müssen in Deutschland nach Medizinerangaben hundertausende psychisch kranke Menschen - mit zumeist schweren psychiatrischen Erkrankungen - noch herkömmliche Arzneien mit vielen Nebenwirkungen schlucken. Aus Kostengründen wird nach Auskunft des Hemeraner Psychiaters und Klinikleiters Prof. Ulrich Trenckmann auf den Einsatz der schon gut erprobten, aber teuren Arzneien vielfach verzichtet. Nur jeder fünfte Patient der über 500.000 unter Wahnerkrankungen beziehungsweise Schizophrenie leidenden Patienten werde mit der neuen Medikamentengeneration versorgt, sagte Trenckmann im Vorfeld einer Tagung für Biologische Psychiatrie am 18.-19.08.2000 in Dortmund und Hemer.

"Lediglich in Hessen hat die Kassenärztliche Vereinigung diese neuartigen Psychopharmaka zur Schizophrenie-Behandlung aus den gedeckelten ärztlichen Budgets herausgenommen", sagte Prof. Trenckmann in einem Gespräch. Liefere der Arzt eine Begründung für die Verschreibung, werde das Medikament nicht zu Lasten des begrenzten Budgets angerechnet.

Nebenwirkungen der älteren "klassischen" Psychopharmaka können Apathie, aber auch unkontrollierte Muskelbewegungen sein. Werden die Mittel nach langer Behandlungsphase abgesetzt, gebe es manchmal Nachwirkungen wie störende Kauimpulse.

Eine Studie zu Erkrankungskosten der Schizophrenie bei 180 Patienten in Hemer, Göttingen und München zeigte, dass ein Patient im Jahresdurchschnitt 90.000 Mark Kosten verursacht, 60.000 Mark davon allein durch Arbeitsausfall. Der Anteil der Medikamentenkosten schlage hingegen nur mit drei bis fünf Prozent an den Gesamtkosten der Schizophrenie zu Buche. Klassische ältere Psychopharmaka verursachen Tagestherapiekosten von einer bis 1,50 Mark pro Tag. Die neue Generation atypischer Neuroloptika verursache Kosten von fünf bis 15 Mark pro Tag.

Für die Pharma-Hersteller hat der Boom der Generika das Geschäft drastisch verändert. Ein neues Medikament verschlinge Hunderte von Millionen Mark an Entwicklungsgeldern, argumentiert der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in Frankfurt/Main. Die Nutzungszeit für neue Arzneimittel von der Markteinführung bis zum Ablauf des Patentschutzes belaufe sich nur auf durchschnittlich 7,7 Jahre. "Dem Original-Hersteller bleiben demnach nur wenige Jahre, um die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung zu erwirtschaften."

Um das Geschäft nicht allein der Konkurrenz zu überlassen, haben inzwischen auch fast alle großen Original-Hersteller in Deutschland damit begonnen, Generika herzustellen. "Generika werden heute nicht mehr als Sargträger der Pharmaforschung betrachtet", so BPI-Sprecher Thomas Postina in der BPI-Zeitschrift "Medikament & Meinung".

Im internationalen Vergleich haben Generika ihren Spitzenplatz in Deutschland: "Nirgendwo auf der Welt verordnen Ärzte so viele billige Nachahmerpräparate wie hier zu Lande", sagt Jürgen Bausch, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen in Frankfurt. "Misstrauen gegenüber Generika ist unbegründet", urteilt die KÄBV, "im Gegenteil - verordnet der Arzt die preiswerten, aber qualitativ gleichwertigen Alternativen, leistet er einen wichtigen Beitrag, um die Ausgaben im Gesundheitswesen zu stabilisieren und die hohe Qualität der Versorgung aufrecht zu erhalten."

Informationen:
Verbraucher-Zentrale Hamburg, Kirchenallee 22, 20099 Hamburg (Tel.: 040-248320, Internet: www.verbraucherzentralehamburg.de);
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Karlstraße 21, 60329 Frankfurt/Main (Tel.: 069-25560, Internet: www.bpi.de).

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 17. August 2000]

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